Wahlkampf spitzt sich vor der Abstimmung am 13. Januar 1935 zu

Serie Das Saargebiet – Teil 11 : „Erstes Gebot, Maul halten!“

Der Wahlkampf spitzt sich in den letzten Wochen vor der Abstimmung am 13. Januar 1935 zu. Der Völkerbund schickt eine Blauhelmtruppe, die die Wahl überwacht. Am Ende verliert jeder. Irgendwie.

Die Hoffnung ist Ende 1934 noch lebendig. Die Einheitsfront aus Sozialdemokraten und Kommunisten arbeitet zwar weiter dran, die Menschen im Saargebiet für den Status Quo zu gewinnen. Doch ohne Unterstützung der katholischen Kirche im Saargebiet und ohne Hilfe des Völkerbundes wächst die Einheitsfront nicht zur Volksfront heran. Eine Mehrheit für den Status Quo bei der Wahl am 13. Januar ist unwahrscheinlich, müssen die Saargebietler eine endgültige Entscheidung treffen. Laut Einheitsfront sollen sie das nicht. Sie sollen die Option haben, noch einmal abzustimmen, wenn Hitler weg ist. Doch der Völkerbund verweigert dazu eine Aussage. Ein weiterer Tiefschlag für den Status Quo.

Ende 1934 ist das Saargebiet voller Immigranten, voller politischer Flüchtlinge, voller Menschen, die aus dem Reich fliehen. Ins noch freie Saargebiet. Sie unterstützen den Kampf der Einheitsfront im Saargebiet. Auch aus dem Reich kommt von Oppositionellen und Intellektuellen meist geistige, publizistische Unterstützung, weniger Geld. Es gibt viele berühmte Namen, die mit dem „Saarkampf“ der Einheitsfront sympathisieren: Bert Brecht, Alfred Kerr, Konrad Heiden, Heinrich Mann, Thomas Mann, Rabbiner Friedrich Shlomo Ruelf, Klaus Mann, Hedda Zinner, Gustav Regler, Georg K. Glaser, Kurt Tucholsky, Margarete Buber-Neumann, Marie Juchacz, Lore Wolf, Max Ophüls, Erich Weinert und John Heartfield. Oder Herbert Wehner. Der spätere SPD-Fraktionschef arbeitet damals wie Erich Honecker für die KP im Saargebiet.

Bei den letzten Landesratswahlen im Saargebiet 1932 bekommen SPD (9,9 Prozent) und KPD (23,2) zusammen etwa 120 000 Stimmen. Die wollen sie nun am 13. Januar 1935 zumindest bestätigen. Das trauen sie sich zu, sind motiviert, da es das Gerücht gibt, dass 30 Prozent reichen können, damit sich der Völkerbundrat in Genf gegen eine Rückgliederung entscheidet.

Klarer Favorit ist dennoch die Deutsche Front. Die meisten der mehr als 1500 (!) Propagandaveranstaltungen sind ihre. Ihr Wahlkampf ist aus dem Reich finanziert, durchdacht und setzt nahezu nur auf Emotionen. „Deutsche Mutter, heim zu dir.“ Das kommt bei den Saargebietlern gut an. Sie fühlen sich als Deutsche. Für viele reicht das, um Hitler auszublenden. Und natürlich – wie Thomas Mann 1944 im Exil und im Rückblick auf die ersten NS-Jahre schreibt: „Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren seelischen Investierung von Glauben und Begeisterung war.“ Hitler ist damals beliebt. Nicht nur in Deutschland. Beim „neuen“ Deutschland wollen im Saargebiet auch einige dabei sein. Die Warnungen der Einheitsfront vor politischer Verfolgung im Reich, vor den ersten Konzentrationslagern, vor Rassismus, vor Diktatur, vor der misslichen Lage der Katholiken im Reich, sind weitsichtig, dringen aber nicht durch. Die Gegenpropaganda läuft. Dazu gesellt sich bei Zweiflern eine Stimmung, die in etwa so geht: Wir hatten die Franzosen, wir hatten den Völkerbund, den Hitler werden wir auch noch überleben. Und immer wieder: Wir sind Deutsche, keine Franzosen und auch keine Völkerbündler. Und die, die für den Status Quo sind, sind Verräter und Separatisten. Es gibt Gerüchte über „Schwarze Listen“, auf denen angeblich die Namen der „Vaterlandsverräter“ stehen.

Die Deutsche Front positioniert sich klar: So reisen ihre Vertreter zusammen mit Bürgermeistern Ende 1934 nach Berlin, treffen Hitler – und bringen ihm Ehrenbürgerurkunden aus Saarbrücken und Neunkirchen mit. Oder: Am 28. Dezember 1934 tagt zum letzten Mal der Landesrat in Saarbrücken. Die Front verliest eine Erklärung mit treudeutschem Bekenntnis und verlässt unter Heil-Rufen den Festsaal des Saarbrücker Rathauses. In den letzten Wochen vor der Abstimmung spitzt sich die Lage zwischen beiden Lagern immer mehr zu, immer mehr Prügeleien, Plakat- und Anschlagflächen der Einheitsfront brennen, verschwinden bis kurz vor der Wahl fast gänzlich aus den Straßenbildern. Die Regierungskommission versucht, die Ausschreitungen und Drohungen mit Notverordnungen einzudämmen; das gelingt ihr nicht, sie kann keine ruhige Wahl garantieren. Aus diesem Grund entsendet der Völkerbund im Dezember 1934 britische, italienische, niederländische und schwedische Truppen in die Saarregion. Insgesamt 4000 Mann. Sie sollen die Wahl sichern. Der erste Blauhelmeinsatz der Geschichte der späteren UNO.

Unterdessen unterzeichnen Deutschland und Frankreich im Dezember 1934 in Rom eine Rückgliederungsvereinbarung. Laut Vertrag soll das Deutsche Reich 900 Millionen Francs für den Rückkauf der Bergwerke und Eisenbahnen zahlen. Dazu schreiben sie fest, dass die Reichsregierung im Saargebiet nach der Abstimmung niemand wegen seiner politischen Haltung verfolgen darf. Nicht nur damit dokumentiert Frankreich, dass es nicht mehr daran glaubt, dass die Saarländer ihr Kreuz bei Frankreich machen werden. Das spielt im damaligen Wahlkampf eh eine untergeordnete Rolle.

Am 6. Januar 1935 die Abschlusskundgebungen. Die Deutsche Front versammelt nach eigenen Angaben 350 000 auf dem Saarbrücker Wackenberg. Die Einheitsfront zählt am gleichen Nachmittag 150 000 Teilnehmer im Saarbrücker Stadion am Kieselhumes. Auch nach eigenen Angaben. Am 13. Januar schaut die Welt auf die Saar, Journalisten, Fotografen, Filmteams aus der ganzen Welt sind auf Saarbrückens Straßen unterwegs, dazwischen die Soldaten der internationalen Truppe. Tausende Saar-Amerikaner sind in der Stadt. Auch sie wollen und dürfen wählen. Auch Exil-Saarländer aus dem Reich. Insgesamt sind 48 000 Wahlberechtigte angereist. Schlangen vor den Wahllokalen. Davor stehen Männer der Deutschen Front und halten Schilder hoch, auf denen steht: „Erstes Gebot, Maul halten!“. Sie befürchten, dass der Völkerbund die Wahl annulliert, sollte es zu Ausschreitungen kommen. Alles verläuft friedlich. Die Wahlbeteiligung liegt bei 98 Prozent. Das Auszählen der Stimmen dauert zwei Tage. Am 15. Januar 1935 gibt der Präsident der Abstimmungskommission Alan Rhode das Ergebnis um 8.15 Uhr in der Saarbrücker Wartburg bekannt: 90,7 Prozent der rund 540.000 Wahlberechtigten haben sich für Deutschland entschieden, nur 8,8 Prozent für den Status Quo – und zu Frankreich wollten gerade einmal 2000 Wahlberechtigte oder 0,4 Prozent. Das Ergebnis lässt vor allem die Einheitsfront ratlos zurück. Noch nicht mal die Hälfte der Menschen hat tatsächlich für sie gestimmt. Bei den Landesratswahlen 1932 hatten sie noch 120000 Stimmen. Ihre politischen Führungsköpfe Max Braun und Jo Hoffmann vermuten Wahlbetrug. Vergeblich. Letztlich müssen sie vor den Nazis fliehen, wie etwa 8000 weiter Saarländer. Einige geraten in die Gewalt der Gestapo. Hunderte müssen in Konzentrationslager, sterben.

Am 1. März 1935 ist es soweit: Die Massen jubeln Hitler in Saarbrücken zu. Der Führer belässt seinen neuen Saar-Gau gerade in seinen alten Versailler Grenzen. 1945, zum zehnjährigen Geburtstag der Saarabstimmung, fliegen am 13. Januar Bomber einen letzten Großangriff auf Saarbrücken. Die Stadt liegt in Schutt und Asche. Pünktlich zum Zehnjahrestag der Abstimmung. Ein Datum, das die Alliierten bewusst gewählt hatten.

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Saarländische Schulkinder empfangen Soldaten der englischen Abstimmungstruppen im Dezember 1934. Zur Absicherung der Volkabstimmung vom 13. Januar wurde ein internationales Truppenkontingent (Engländer, Schweden, Holländer, Italiener) ins Saargebiet geschickt, es war der erste „Blauhelmeinsatz“ in der Geschichte des Völkerbunds. Foto: Landesarchiv Saarbrücken
Die Saar-Delegation überreicht Hitler 1934 Ehrenbürgerrechte für Saarbrücken und Neunkirchen. Foto: Nachlass Bruch/Landesarchiv des Saarland/Nachlass Bruch/Landesarchiv des Saarlandes
Mit großem propagandistischem Aufwand und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurden die auswärtigen Abstimmungsberechtigten in Saarbrücken empfangen. Etwa 48.000 „Saarländer“, die in Deutschland und auf verschiedenen Kontinenten lebten, waren am 13. Januar 1935 abstimmungsberechtigt und mussten zum Abstimmungstermin persönlich ins Saargebiet reisen. Zu sehen ist hier der Empfang von abstimmungsberechtigten „Ausländern“ am 23. Dezember 1934 in der Saarbrücker Reichsstraße. Foto: Landesarchiv des Saarlandes. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Viele Hitlergegner, aber auch zahlreiche jüdische Bürger suchten unmittelbar nach dem Votum für Deutschland den Weg ins Exil. Hier warten sie auf den Zug am Grenzbahnhof in Sarreguemines. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Mehr als 150.000 Befürworter einer Rückgliederung an Hitler-Deutschland kamen am 6. Januar 1935 zur großen Abschlusskundgebung der „Deutschen Front“ auf den Saarbrücker Wackenberg. Trotz Schneetreibens und organisatorischer Schwierigkeiten – der Veranstaltungsort stand erst am Morgen des Veranstaltungstages fest – stimmten die in Sonderzügen und Autobussen oder Marschkolonnen angereisten Saarländer an diesem Tag bereits mit den Füßen für die bevorstehende „Heimkehr ins Reich“. Foto: Landesarchiv des Saarlandes. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Viele Hitlergegner des saarländischen Abstimmungskampfes, aber auch zahlreiche jüdische Bürger suchten unmittelbar nach dem Votum für Deutschland den Weg ins Exil. Trotz der Übergangsbestimmungen der „Römischen Verträge“ fühlten sie sich nicht mehr sicher vor nationalsozialistischer Verfolgung und begaben sich zu Tausenden über die nahe Grenze nach Frankreich. Erste Anlaufstation für viele war der Grenzbahnhof im nahen Sarreguemines. Auf dem Bild warten Exilanten auf dem dortigen Bahnsteig auf ihren Zug in das Landesinnere Frankreichs. Foto: Landesarchiv des Saarlandes. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Am gleichen Tag wie die „Deutsche Front“ veranstaltete auch die „Einheitsfront“ ihre Abschlusskundgebung zur Abstimmung vom 13. Januar. Immerhin mehr als 60.000 Menschen kamen am 6. Januar zu der Großdemonstration der vereinigten Hitlergegner aus KP, SP und christlichen Oppositionsparteien. Vor Spruchbändern wie „Nie zu Hitler“ sprach neben den politischen Führungsköpfen der Opposition auch der katholische Pater Hugolinus Dörr aus Sellerbach. Foto: Landesarchiv des Saarlandes. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Am gleichen Tag wie die „Deutsche Front“ veranstaltete auch die „Einheitsfront“ ihre Abschlusskundgebung zur Abstimmung vom 13. Januar. Immerhin mehr als 60.000 Menschen kamen am 6. Januar zu der Großdemonstration der vereinigten Hitlergegner aus KP, SP und christlichen Oppositionsparteien. Vor Spruchbändern wie „Nie zu Hitler“ sprach neben den politischen Führungsköpfen der Opposition auch der katholische Pater Hugolinus Dörr aus Sellerbach. Foto: Landesarchiv des Saarlandes. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Die „Deutsche Front“ sorgte gemeinsam mit dem Roten Kreuz auch für den Krankentransport zu den Wahllokalen. Keine Stimme sollte verloren gehen. . Foto: Landesarchiv des Saarlandes
In Völklingen ging Herrmann Röchling (m.), Chef der Röchling-Werke, führender Kopf der „Deutschen Front“ und Verfasser der verbreiteten Kampfschrift „Wir halten die Saar“, am 13. Januar zur Abstimmung. Die ruhig verlaufen musste. Daher der Mann mit dem Schild. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
In der Wartburg in der Saarbrücker Martin-Luther-Straße wurden die Stimmen ausgezählt. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Auf der Bühne des großen Saals der Wartburg in Saarbrücken befindet sich der Präsidiumstisch der internationalen Abstimmungskommission 1935. Nach Beendigung der Auszählung gibt der schwedische Kommissionspräsident Rodhe der Weltöffentlichkeit das Ergebnis der Abstimmung bekannt. Foto: Landesarchiv des Saarlandes. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Bei der Volksabstimmung 1935 sammeln englische Soldaten nach der Auszählung der Stimmen in der Wartburg Plomben und Stimmzettel als Erinnerungsstücke ein. Foto: Landesarchiv des Saarlandes. Foto: Associated Press, Berlin/Landesarchiv des Saarlandes
Nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses versammelten sich viele tausend Menschen auf den Straßen und Plätzen der saarländischen Hauptstadt, um zu feiern. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Am Tag nach der Rückgliederung fährt des Führers Stellvertreter, Rudolf Heß, durch Ottweiler. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Nach dem „deutschen“ Sieg werden Puppen mit der Aufschrift Max Braun an einem Auto hängend durch die Straßen gezogen. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Saargebiet 1935. Foto: Landesarchiv des Saarlandes

Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission
Teil 5: Der Franc im Saargebiet
Teil 6: 100 Tage Streik
Teil 7: Die Jahrtausendfeier
Teil 8: Die Wirtschaftskrise
Teil 9: Hitler und seine Folgen
Teil 10: Die Einheitsfront