Im Saargebiet bereits 1927 der wirtschaftliche Abschwung

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Das Saargebiet, Teil 8 : Die Talfahrt der Montanindustrie

Während im Reich die goldenen 20er das Leben, die Liebe und die Berliner Luft feiern, beginnt im Saargebiet bereits 1927 der wirtschaftliche Abschwung. Vor allem unter Tage.

Darauf haben die Saargebietler lange gewartet: Am 9. März 1926 tritt Victor Rault, der unbeliebte Präsident der Regierungskommission (Reko), zurück. Der Franzose ist für viele Menschen an der Saar der Inbegriff für eine ungerechte Politik. Eine, die lediglich die Interessen der Franzosen durchsetze. Und das, obwohl die Reko eine von französischer Politik unabhängige Institution sein soll. Vom Völkerbund eingesetzt, um die Saarländer bis zur Abstimmung 1935 zu führen, soll sie zum Wohle der Saargebietler regieren.

Rault ist nun weg. Sein Nachfolger ist der Kanadier George W. Stephens. Doch so wirklich zufrieden sind die meisten der damals 770 000 Saarländer immer noch nicht. Ihr großes Ziel ist weiterhin klar: Sie wollen heim ins Reich, wieder ein Teil Deutschlands sein. So demonstrieren am 21. Juni 1926 3000 Sportler beim Reichsarbeitersporttag in Sulzbach ihre Treue zum deutschen Vaterland. Im Juli protestieren in Saarbrücken 32 000 Bergleute gegen schlechte Löhne und sozialpolitische Rückständigkeit. Sie haben immer noch keine Betriebsräte. Ihre Kollegen in Deutschlands Weimarer Republik haben welche.

Die Situation ist unentspannt. Auch mit dem französischen Militär im Land. Das fühlt sich nach französischer Besatzung an. Das haben die Saarländer bereits in mannigfaltigen Denkschriften an den Völkerbundrat in Genf untermauert. 1927 sind noch mehr als 2000 französische Soldaten im Land. Angeblich, um für Sicherheit zu sorgen. Polizei sei zu teuer, behauptet die Reko stets. Doch im März 1927 verlangt Genf von der Saar-Regierungskommission, dass die französischen Truppen innerhalb von drei Monaten das Land verlassen sollen. Als Ersatz soll die Reko eine rund 800 Mann starke so genannte Bahnschutztruppe aufstellen (680 Franzosen, 100 Engländer, 80 Belgier). Sie stimmt zu. Am 8. Juni beginnt der Abzug der französischen Truppen. Ein kleiner Erfolg für die Saarländer, für die das Jahr 1927 dennoch kein gutes werden soll. Die Wirtschaft geht mal wieder bergab. Bereits im Mai der Schwarze Freitag an der Berliner Börse: Die Kurse brechen um 32 Prozent ein. Unmittelbare Auswirkungen auf das Saargebiet hat dies nicht. Heißt die Währung an der Saar seit 1923 doch Franc. Doch auch der schwächelt, die Konjunktur in Frankreich lahmt. Überproduk-
tionen. Auch der Saarbergbau steckt in einer Absatzkrise. Es gibt zu viel Kohle auf dem Markt. Von 1920 bis 1928 erwirtschaften die Saargruben noch einen Gesamtüberschuss von 632 Millionen Francs, danach fast nur noch Verluste.

Bereits im August 1927 entlässt die französische Bergwerksverwaltung etwa 6000 Bergleute, schickt viele in die Kurzarbeit. Daran ändert auch eine Großdemonstration von 50 000 Bergleuten am 8. August 1927 in Saarbrücken nichts. Anfang 1928 stellen die Franzosen weitere 4000 Arbeiter frei. Dass die Saarländer nicht die Marktbedingungen für die Entlassungen verantwortlich machen, scheint in der damaligen Stimmungslage selbstredend. Für sie trägt die französische Grubenverwaltung die Schuld. Sie habe betriebswirtschaftlich nicht sauber geplant. Dazu sei ihr wenig daran gelegen, noch weiter in die Saargruben zu investieren, da auch den Franzosen klar sein sollte, dass sie 1935 das Plebiszit verlieren werden. Sie werden die Gruben an Deutschland zurückgeben müssen. Marin Guillaume, Generaldirektor der Saargruben, dementiert damals in einer Verteidigungsschrift nicht nur alle Vorwürfe, sondern weist auf die gesteigerte Produktivität und Sicherheit der Gruben durch die erheblichen französischen Investitionen hin.

Die Kohle-Absatzkrise war eh nur der Anfang. Die Weltwirtschaftskrise wird den Gruben in den kommenden Jahren noch mehr zusetzen. Und den Hütten. Überproduktion, Deflation, Unternehmenspleiten, steigende Arbeitslosigkeit. Offiziell startet die Weltwirtschaftskrise mit dem Börsencrash am Donnerstag, 24. Oktober 1929, in New York. Viele Menschen verlieren viel Geld, als die Spekulationsblase platzt. Jede dritte US-Bank geht pleite. Kredite platzen. Der private Konsum bricht ein. Die Folge: Die USA ziehen Kredite aus Europa ab, um liquide zu bleiben. Und sie haben viel Geld von Europa zu bekommen nach dem Weltkrieg. Besonders das Deutsche Reich muss zurückzahlen. Das führt dazu, dass Deutschland seine erste Bankenkrise erleben muss. Und: Die Wirtschaft geht in die Knie. Zwischen September 1929 und Anfang 1932 steigt die Zahl der Arbeitslosen von 1,3 (1927) auf über 5,5 Millionen. Eine Massenverelendung setzt ein. Die Stimmung im Reich ist komplett im Keller. Zumal die Gegenmaßnahmen der Weimarer Regierung nicht greifen. Sie spart, kürzt Sozialleistungen. In den USA setzt Präsident Franklin D. Roosevelt hingegen auf staatliche Investitionen – und auf ein Sozialsystem. Die USA können sich so aus der Krise herausarbeiten, das Reich nicht. Die Menschen verlieren mehr und mehr das Vertrauen in die Weimarer Republik, in die Demokratie. Die Wirtschaftskrise wird zur politischen Krise. Die vor allem den Extremen nutzt. Der 1929 einsetzende Aufwärtstrend der NSDAP verstärkt sich mit den Reichstagswahlen 1930 und 1932. Auch die KPD profitiert von der Anti-Republik-Stimmung.

Doch das Saargebiet ist nicht Deutschland. Die Montan-Industrie  hier leidet in der Wirtschaftskrise vor allem unter dem Protektionismus, der Abschottung, die viele Länder – auch die Franzosen – als Wirtschaftskrisen-Verhinderungs-Mittel der Wahl sehen. Grenze zu, Zölle hoch. Was zur Folge hat, dass Exporte einbrechen, besonders von Stahl und Kohle.

Die Folgen sind Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Haben die Saar-Hütten 1929 noch 37 000 Mitarbeiter, sind es 1934 nur noch 28 000. Liegt die Steinkohle-Förderung im Saargebiet 1929 noch bei 13,5 Millionen Tonnen, sinkt sie bis 1934 auf 11,3 Millionen Tonnen. Die Franzosen reagieren mit Grubenschließungen und Entlassungen. Sind 1929 noch 60 793 Bergleute im Dienst, sind es 1934 nur noch 44 380. Allein in den Jahren 1931 und 1932 legt die Verwaltung sieben der 29 Saar-Gruben still – darunter die Bergwerke Dilsburg (1931), Helene in Friedrichsthal (1931), Von der Heydt (1932), Altenwald (1932) und Hostenbach (1932).

Die Arbeitslosigkeit lässt die Menschen hungern und teilweise verzweifeln. Der Winter 1929 ist sehr hart. Die große Freude, dass im Sommer 1929 die britischen und im Dezember 1930 die französischen und belgischen Bahnschutztruppen abziehen, verpufft etwas. Im Oktober 1931 meldet die Saarbrücker Polizei, dass zwischen Januar und August 50 Menschen Selbstmord begangen haben. Grund: wirtschaftliche Not. Städte geben Essen aus. Neunkirchen verteilt 1933/32 11 000 Zentner Kartoffeln. Ein Jahr zuvor waren es nur 6600. Die städtischen Volksküchen geben insgesamt 50 071 Portionen Essen aus. Die Tränen der Hungernden im Saargebiet seien „eine flammende Anklage gegen die schlemmenden und prassenden Parasiten aus dem Westen, die mit ihren parfümierten Dirnen die Straßen und Lokale Saarbrückens verschandeln“, schreibt der Saar-Freund – ein Propagandablatt, das in Berlin von Exilsaarländern herausgegeben wird. Das Elend ist groß. Und die Schuldigen sind für viele Saarländer ausgemacht: die Franzosen und der Völkerbund.

www.saarbruecker-zeitung.de/saargebiet

Hier ein Blick auf die Grube Hirschbach in der Saargebietzeit. Das Steinkohlenbergwerk hieß zunächst Grube Dudweiler und wurde 1920 in Grube Hirschbach umbenannt. Im Jahre 1952 wurde sie stillgelegt. Foto: Stadtarchiv Saarbrücken
Die seit einigen Jahren stillgelegte Grube Velsen auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1926. Foto: szarchiv ohne co
Ein Jahr vor der Schließung: die Grube Dilsburg.  Die Aufnahme entstand im Jahr 1930, im Jahr darauf schließen die Franzosen die Grube wegen Unrentabilität. Foto: maier

Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission
Teil 5: Der Franc im Saargebiet
Teil 6: 100 Tage Streik
Teil 7: Die Jahrtausendfeier