Im Juli 1934 schließen sich Kommunisten und Sozialisten zur Einheitsfront zusammen

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Das Saargebiet, Teil 10 : Zwischen Einheitsfront und Kirche

Erst im Juli 1934 finden Kommunisten und Sozialisten, dass sie sich verbünden müssen, um Hitler an der Saar zu verhindern. Zu spät.

Heim ins Reich.“ „Deutsche Mutter, heim zu dir.“ „Deutsch die Saar, immerdar.“ Die Diktion damals hört sich heute stramm an, ist aber eher normaler Sprachgebrauch. Jedoch lassen die Propagandisten der Deutschen Front 1934 bei ihrem Werbefeldzug Nazi-Sprech und -Symbole weitgehend außen vor. Die Heimkehr ins Reich soll für die Saarbewohner nicht als parteipolitische Aufgabe daherkommen. Sie soll eine Herzensentscheidung sein. Wohlwissend, dass im Saargebiet Teile der Deutschen Front nicht mit der Politik in Hitlerdeutschland einverstanden sind. Vor allem Katholiken der ehemaligen Zentrumspartei hadern mit der Gottlosigkeit des Regimes. Das ändert oft nichts an ihrer Überzeugung, deutsch zu sein – und sofort ins Reich zurückzuwollen. Trotz Hitler. Viele auch wegen Hitler. Viele sind fasziniert vom Führer. Nicht zuletzt, da der so genannte Saarkampf die erste große Propagandaschlacht ist. Inszeniert und finanziert von Joseph Goebbels und seinem Ministerium für „Volksaufklärung und Propaganda“.

Selbst werben dürfen die Nazibonzen im Saargebiet nicht. Dafür an dessen Grenzen: Goebbels ist im Mai 1934 in Zweibrücken, um auf „Einladung“ beim „Tag der Saar“ zu reden. Laut der „Saar- und Blies Zeitung“ aus Neunkirchen jubeln ihm über 200 000 „Saardeutsche“ zu. Doch auch im Saargebiet gibt es sie. NSDAPler wie Alois Spaniol oder später Jakob Pirro führen inoffiziell die Deutsche Front. Den Zusammenschluss der Rückgliederungsfreunde. Spaniol und Pirro bekommen ihre Anweisungen aus Berlin. Von Hitlers Saarbeauftragtem. Der heißt ab November 1933 Franz von Papen. Der Vizekanzler ist mit der Saargebietlerin Martha von Boch-Galhau verheiratet und oft an der Saar. Privat. Im August 1934 schickt Hitler ihn nach Wien, dafür kommt Josef Bürckel ins Saarbeauftragten-Amt. Er soll zum Architekten des so genannten „Saarkampfes“ werden, er lässt die Druckereien in seiner pfälzischen Heimat heißlaufen. Allein in den letzten Monaten vor der Wahl kleben die Helfer der Deutschen Front 80 000 Wahlplakate im Saargebiet.

Neben Plakaten ist der Straßenkampf damals ein probates „politisches“ Mittel: Immer wieder kommt es zu Scharmützeln. Zu Drohungen. Nazis hetzen gegen Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten. Die Gestapo verhaftet rebellische Saarländer in Deutschland. Im Saargebiet selbst gibt es regelmäßig Schlägereien zwischen den (eigentlich verbotenen) Wehrverbänden der Parteien: Rotkämpferbund, SA, Werwolf, Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, Reichsbanner, für einige Historiker auch der Ordnungsdienst der Deutschen Front, Schlägertrupps. Da nützt es auch kaum was, dass die Regierungskommission Verordnung auf Verordnung raushaut. Zur Sicherung von Ruhe und Sicherheit, wie sie schreibt. So verbietet sie das Tragen politischer Uniformen, Plaketten, Abzeichen, Märsche unter freiem Himmel setzt sie auf den Index, verbietet Nötigungen, „Wehrübungen“. Auf Bedrohungen im Zusammenhang mit der Volksabstimmung steht Gefängnis. Beflaggen untersagt sie größtenteils. Ist in solch einer Stimmungslage eine freie Wahl möglich?

Eine große Hoffnung der Rückgliederungsgegner an der Saar ist bis Mitte 1934 der Vorstoß der Saar-SPD, beim Völkerbund in Genf eine Verschiebung der Abstimmung zu erreichen. Bis Hitler weg ist. Doch der Völkerbundsrat sieht dafür keine rechtliche Grundlage in den Versailler Verträgen. So kommt es, dass Genf nichts verschiebt, sondern den Abstimmungstermin auf den 13. Januar 1935 festzurrt. Dazu, so beruhigt der Völkerbundsrat, habe er mit dem Reich für Rechtssicherheit gesorgt. Keiner der Rückgliederungsgegner würde verfolgt. Eigentumsrechte, Beamtenrechte, Pensionen, Versicherungen – diese Garantien hätten die Nazis dem Völkerbund gegeben. Sollten sie siegen.

Das Festsetzen des Abstimmungstermins ist für die Saar-SPD und die Saar-Kommunisten eine Katastrophe. Beiden Parteien ist nun klar, dass sie eine neue Antwort auf die Saarfrage brauchen. Die heißt nun für beide: Status Quo. Braun entwirft dazu eine Utopie eines „Freien Saarstaates“: Selbstbestimmung und Mitwirkungsrechte des Saarvolkes, Meinungs- und Koalitionsfreiheit, moderne Sozial- und Arbeitsgesetze. Eigene Gruben. „Wir wollen eine freie deutsche Saar, die der letzte Zufluchtsort der Freiheit und freien deutschen Geistes auf deutschen Boden sein soll bis zu dem Tage, an dem ein wieder frei gewordenes Deutschland [...] eine endgültige politische und wirtschaftliche Einordnung der Saar [...] ermöglicht.“ Dabei hat Genf noch keine zweite Abstimmung zugesichert. Dennoch verifizieren die beiden Parteichefs, Max Braun (SPD) und Fritz Pfordt (KP), zum 4. Juli die Zusammenarbeit. „Für oder gegen Hitler, für oder gegen Konzentrationslager, für oder gegen Versklavung und Knechtschaft […] für oder gegen Chaos und Untergang“. Unter diese Maximen stellt Max Braun den Wahlkampf der so genannten „Einheitsfront“. Dazu stellt sie im Wahlkampf soziale und arbeitsrechtliche Unsicherheiten in den Mittelpunkt. Das hat weniger Emotion als das Nationale der Deutschen Front. Nationalismus ist damals so eine Art Religion. Dazu fehlt der Einheitsfront das Geld.

Dennoch soll aus ihr eine „Volksfront“ werden. Innerhalb von ein paar Monaten. Das ist der Plan. Dazu bräuchte sie die Katholiken, sie muss das Zentrum auf die Seite des Status Quo bringen. Das gelingt nicht wirklich. Zwar lehnen viele Katholiken den Nationalsozialismus ab, ihren Wunsch und Willen zur direkten Rückkehr ins Reich tangiert dies jedoch nicht.

Bis auf wenige. Sie sammeln sich hinter Johannes Hoffmann. Der Chefredakteur der Saarbrücker Landeszeitung, der größten katholischen Zeitung an der Saar, kritisiert in der noch freien Saar-Presse Hitler und seine Nationalsozialisten. Auch daher muss er Anfang 1934 seinen Posten räumen, gründet allerdings im Mai 1934 die „Neue Saarpost“. Am 3. Juni propagiert er in seiner neuen Zeitung ein Saarprogramm, das dem der Linken ähnelt. Hoffmanns Antwort auf die Frage Christenkreuz oder Hakenkreuz ist klar: „Wir wollen zu Deutschland, wenn Deutschland wieder frei ist.“

Für die Deutsche Front ist Hoffmann ein Separatist, ein Vaterlands-Verräter. Für Braun und Pfordt ein Partner, mit dem sie „Hitler an der Saar schlagen“ wollen. Doch Triers Bischof Franz Rudolf Bornewasser fängt vielleicht zweifelnde Katholiken-Schäfchen wieder ein. Am 29. Juli 1934 spricht er auf dem „Bekenntnistag der katholischen Jugend“ in Saarbrücken und fordert, sich von Hoffmanns Gedanken zu distanzieren. Sie würden gegen Deutschland agitieren – gegen seinen Willen.

Damit liegen die Hoffnungen von Hoffmann und den Linken wieder auf Genf. Der Völkerbundsrat soll das zweite Plebiszit zusichern, sollte die Saar sich für den Status Quo entscheiden. Das könnte viele Zweifler im Saargebiet überzeugen, eine abwartende Haltung mit dem Status-Quo-Kreuz zu wählen. Ihre Forderung untermauern sie am 26. August bei einer Groß-Kundgebung in Sulzbach am Reichsbannerheim. Es kommen 60 000 Menschen zur damals größten antifaschistischen Demonstration. Ihr Wahlkampf-Song: „Haltet die Saar, Genossen!“ Geschrieben von Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Zeitgleich findet vor der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein eine Saarkundgebung statt. Vor angeblich 200 000 Teilnehmern spricht Adolf Hitler und gibt sich friedlich. Schließlich will auch er die Saar-Katholiken überzeugen. Er lobt das Christentum und bezeichnet das Saarland als die „einzige Territorialfrage zwischen Frankreich und Deutschland“. Sei die gelöst, hätte Frankreich nichts zu befürchten. „Der Hitler, der jemals die Saar bekäme, bliebe an der Saargrenze nicht stehen, sondern mit dem Schlüssel der Ludwigskirche würde er den Versuch machen, in das Straßburger und Metzer Münster einzudringen“, kontert Max Braun weitsichtig. Der Völkerbund veröffentlicht dann im Dezember 1934 zwar einen Ratsbeschluss zur Wahl, er gibt allerdings kein grünes Licht für eine zweite Abstimmung, sollte Hitler die Macht verloren haben. Ein weiterer Tiefschlag für den Status-Quo-Wahlkampf.

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Mitglieder der Einheitsfront ziehen am 26. August 1934 zur Kundgebung nach Sulzbach. Foto: Stadtarchiv Saarbr.
Johannes Hoffmann profilierte sich als führender Kopf des christlichen Widerstandes gegen Hitler an der Saar. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Ein Plakat der Status-Quo-Anhänger im Abstimmungskampf. Es entstand 1934. Mit der Schwurhand über einem stilisierten Saargebiet. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Gedruckte Ausweiskarte der „Einheitsfront“ mit den Unterschriften der Parteivorsitzenden Max Braun (SPD) und Fritz Pfordt (Kommunisten). Das Bündnis war erst Anfang Juli 1934 zustande gekommen. Foto: Landesarchiv des Saarlandes

Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission
Teil 5: Der Franc im Saargebiet
Teil 6: 100 Tage Streik
Teil 7: Die Jahrtausendfeier
Teil 8: Die Wirtschaftskrise
Teil 9: Hitler und seine Folgen