Eine vermeintlich unabhängige Regierungskommission hat das Sagen im Saargebiet

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Das Saargebiet – Teil 4 : Krawalle und eine Kommission im Saargebiet

Erst ab Februar 1920 hat im Saargebiet eine vorgeblich unabhängige Regierungskommission das Sagen. Der Völkerbund in Genf hat sie eingesetzt. Die Saarländer sind mit ihr alles – nur nicht einverstanden. Zumal sie in den zwei Jahren zuvor mit den Franzosen so ihre Probleme haben.

Die Namen sind vielfältig für dieses Gebilde, das der Versailler Vertrag im Juni 1919 entworfen hat: „Bassin de la Sarre“ oder „Territoire du Bassin de la Sarre“. So steht es im französischen Vertragstext. Die Übersetzung im Reichsgesetzblatt lautet: „Saarbecken“ und „Saarbeckengebiet“. Wesentlich präziser ist der Vertrag, wenn es darum geht, zu sagen, wer denn nun das Sagen in diesem Gebiet hat: Eine Regierungskommission (Reko) soll die Region 15 Jahre lang verwalten. So steht es in Artikel 46 des Vertrages. Sie ist vom Völkerbund eingesetzt und hat von ihm quasi eine Prokura. Die Reko kann im Saargebiet entscheiden – (fast) wie sie will. Eine gewählte Volksvertretung auf Landesebene ist nicht vorgesehen.

Zwar behalten die Kommunen ihre Bürgermeister und ihre Wahlen. Doch wirklich entscheiden dürfen sie ohne Kommission nichts. Die Reko habe über „alle Fragen, zu denen die Auslegung der vorstehenden Bestimmungen Anlass geben könnte, zu entscheiden“. Da der Versailler Vertrag lediglich in sechs Artikeln mit 40 Paragraphen auf die Saarfrage eingeht, bleibt ihr dabei viel Interpretationsspielraum.

Den wird sie nutzen. Zumindest bis ins Jahr 1935. Dann sollen die Bewohner dieses politischen Landstrichs wählen dürfen, wer sie in Zukunft regieren soll. Weiterhin der Völkerbund, die Franzosen oder doch wieder die Deutschen? Würden sie sich für die Deutschen entscheiden, dürften diese die Gruben von den Franzosen wieder abkaufen. Die haben die Schachtanlagen zur Ausbeutung bekommen. Eine Reparationszahlung. Auch das steht im Vertrag.

Doch bis dahin ist es noch weit. Der Vertrag ist im Juni 1919 unterschrieben, in Kraft treten soll er im Januar 1920. Die Regierungskommission soll ihre Arbeit am 26. Februar 1920 aufnehmen. Bis dahin haben die Saarländer vor allem eines: Hunger. Nach dem Ersten Weltkrieg kommen sie nur schwerlich ans Nötigste. Der Schwarzmarkt blüht. Das geht so weit, dass zwischen dem
7. und 9. Oktober 1919 die „Spartakuskrawalle“ ausbrechen. Eisenbahner und Hüttenarbeiter fordern auf Demonstrationen günstige Lebensmittel und Kleidung. Andere nehmen sie sich einfach. Zeitzeugen sprechen gar von einem „moralischen Zerfall“: Menschen plündern nicht nur etwa aus Hunger Lebensmitteldepots, sondern sie suchen gezielt jüdische Kaufhäuser. Sie marodieren auch aus Antisemitismus. Es kommt zu Gewaltausbrüchen. In Saarbrücken, in Neunkirchen. Allein in der Hüttenstadt entstehen durch die Plünderungen ein Schaden von weit mehr als 700 000 Euro.

Die französische Militärregierung greift hart durch, verhaftet 600 Demonstranten. General Joseph Louis Marie Andlauer, Chef der französischen Militärregierung, verhängt den Ausnahmezustand über das Saargebiet. Neun Tote gibt es am Ende zu beklagen – darunter der Eisenbahner und Gewerkschafter Jakob Johannes. Das französische Militärgericht verurteilt ihn zum Tode. Danach verhandeln die Franzosen im Saarbrücker Schloss mit dem Saarbrücker Landrat, mit Gewerkschaften und deutschen Behörden. Das Ergebnis: mehrere Verordnungen gegen Schwarzmarkthandel und Wucher.

Paris hat das Verhalten von Andlauer während der Krawalle nicht gefallen – und löst ihn ab. Von November 1919 an ist Generalleutnant Henri Wirbel Chef der französischen Administration an der Saar. Er ist strenger als Andlauer, lässt Bürger, Politiker, Journalisten und Beamte, die die Besatzungspolitik kritisieren, ins rechtsrheinische Deutschland ausweisen. Widerfahren ist dies den Landräten von Ottweiler, Saarbrücken und Saarlouis sowie den Bürgermeistern von Saarlouis, Saarbrücken und St. Ingbert. Der Völklinger begeht nach seiner Festnahme Freitod.

Wirbel wird nicht lange an der Saar das Sagen haben. Ende Februar 1920 soll die Regierungskommission an die Macht kommen. Sie soll laut Versailler Vertrag fünf Sitze haben. Davon ist einer für ein Mitglied aus dem Saargebiet und einer für einen Franzosen reserviert. Die drei weiteren dürfen weder Deutsche noch Franzosen sein. Doch wer soll das sein? Im Januar 1920 schlagen die Franzosen vier Namen vor. Auch die Saarländer haben Personalwünsche, unter anderem fordern sie den ehemaligen Chef der Militärverwaltung, Joseph Andlauer, der gezeigt habe, dass er „alle Fähigkeiten für die Bedürfnisse des Landes besitzt und dass das wachsende Vertrauen der Bevölkerung in ihn gerechtfertigt ist“. Er sei ein Mann, der wisse, wie man die Kulturen benachbarter Völker einander näherbringe. Doch der Völkerbund entscheidet sich für die vier Namensvorschläge der Franzosen. Sie stehen am 13. Februar auf der Liste, die der Völkerbundsrat in London präsentiert. Und: „Der Völkerbundsrat hält es weder für erforderlich noch für zweckmäßig, dem Ausschuss von vornherein genaue Instruktionen […] zu erteilen […].“ Wieder ein Blankoscheck für die Reko. Die Besetzung des Rates und die weitere „Vollmacht“ bestätigen die Saargebietler in ihrem Glauben, dass die Franzosen eine Annexion durch die Hintertür vorhaben. Die war ihnen ja zuvor in Versailles nicht gelungen. Nun ist der Völkerbund das trojanische Pferd. Dass der erste Präsident der Kommission mit Präfekt Victor Rault ein Franzose ist, ist für die Menschen im Saargebiet ein weiteres deutliches Zeichen. Dazu kommen der Belgier Jacques Lambert und der Däne Léon Albin Moltke-Huitfeld, der zuvor in Paris lebte. Beide werden Rault den Rücken freihalten. Das saarländische Mitglied Alfred von Boch gilt als unabhängig. Die Engländer schicken als fünftes Mitglied den Kanadier Richard Deans Waugh an den Kommissionstisch. Die Reko residiert im heutigen Saarbrücker Landgericht, ihr Präsident Rault im Kreisständehaus am Schlossplatz. Die Kommission tagt zweimal wöchentlich und verfasst vierteljährliche Berichte an den Völkerbundsrat, welche das Amtsblatt des Völkerbundes veröffentlicht. Dort schreibt sie nieder, welche Politik sie im Saargebiet betreibt. In ihrem ersten Bericht verwendet die Kommission neben dem Namen „Saargebiet“ und „Saarbecken“ auch den Namen „Saarland“. Zum ersten Mal „offiziell“.

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Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag