Eine Jahrtausendfeier in zwei Tagen im Saargebiet

Kostenpflichtiger Inhalt: SZ-Serie Das Saargebiet – Teil 7 : Eine Jahrtausendfeier in zwei Tagen

Für die Menschen im Saargebiet ist klar: Sie wollen zurück ins Reich. Das zeigen sie 1925 bei der Jahrtausendfeier der Rheinlande deutlich.

Die Stimmung im Saargebiet ist im Juni 1923 eher bescheiden. Die vielen Notverordnungen, die Armeeeinsätze beim Bergarbeiterstreik, die Entlassungen durch die französische Grubenverwaltung. Das Image der Franzosen ist im Saargebiet nicht nur am Boden; es ist gewissermaßen unter Tage. Wie geht es weiter unter der Völkerbundregierung? Unter dieser Regierungskommission (Reko), die für die viele Saargebietler lediglich eine Pariser Marionette ist.

Da passt es ins Bild, dass die Reko im Juni 1923 im Saargebiet den Franc als alleiniges Zahlungsmittel einführt. Er hat zwar mit der Inflation zu kämpfen, ist aber im Vergleich zur Mark eine stabile Währung. Die kämpft zeitgleich mit der Hyperinflation, ist kurz vor dem Zusammenbruch. Dennoch fordern einige Saarländer die Rückkehr zur Reichsmark – und natürlich die Rückkehr zum Reich.

Nationalismus vermischt sich mit Katholizismus am 3. Juni 1923 beim ersten saarländischen Katholikentag in Saarbrücken auf dem Rotenberg bei der Grundsteinlegung der St. Michael Kirche. Mit dabei: der Speyerer Bischof Sebastian und der Trierer Bischof Bornewasser. Und 70 000 Katholiken aus dem Saargebiet. Sie demonstrieren auch für das bedrohte Deutschtum im Grenzgebiet – und bekennen sich zu ihren Diözesen, zu ihren deutschen Bistümern, aber nicht zu Frankreich.

Das kauft sich zunehmend in die Saar-Schwerindustrie ein. So befinden sich im Juni 1923 bereits 60 Prozent der saarländischen Stahlindustrie in der Hand französischer Aktionäre. Lediglich Hermann Röchling bleibt bei seiner Hütte in Völklingen Mehrheitseigner.

All das gefällt den Menschen im Saargebiet nicht. Auch, dass ihre gewählte Vertretung, der Landesrat, nichts zu sagen hat. Er schickt immerhin Denkschriften nach Genf zum Völkerbund. Im Juni eine mit dem Titel: „Der Geist des Saarstatuts und die Praxis der Regierungskommission.“ Inhalt: Kritik an der Reko. Und tatsächlich muss sie sich im Juli 1923 auf einer Ratssitzung des Völkerbundes in Genf nicht nur Fragen gefallen lassen. Der Bund kritisiert die Notverordnungspolitik und fordert die Reko auf, die französischen Truppen aus dem Saargebiet abziehen zu lassen. Sie soll für den Auf- und Ausbau einer lokalen Polizei – und so für Sicherheit sorgen. Gut, die Franzosen ziehen danach Soldaten ab. Haben sie 1920 noch 7000 Mann an der Saar, sind es 1924 „nur“ noch 2200. Die Polizei aber sei zu teuer. Man bräuchte etwa 4000 Polizisten, rechnen sie vor, im Dienst seien lediglich 1288 Gendarmen und kommunale Polizisten sowie weitere 400 Mann des Grubenschutzes, erklärt die Reko. Wobei das von der Einwohnerzahl mit dem Saargebiet damals vergleichbare Luxemburg nur rund 380 Polizisten beschäftigt.

Die Saarländer beruhigt zunächst auch nicht, dass mit Bartholomäus Koßmann 1924 für Julius Land ein Saarländer in die Regierungskommission kommt, der ein wirklicher Vertreter der Interessen der Saargebietler ist. Und so kommt es wieder zu einer Denkschrift. Diesmal vom Landesrat, den die Saargebietler am 27. Januar 1924 gewählt haben. Titel: „Die missbräuchliche Ausbeutung des Saargebietes durch Frankreich“. Doch es ändert sich: nichts. Im Gegenteil. Im Januar 1925 läuft die fünfjährige Übergangsfrist aus. Das Saargebiet ist nun endgültig in das französische Zollsystem integriert. In Berlin hängen am Rathaus die Flaggen auf Halbmast. Deutsche Waren werden nun verzollt. Gerne zwischen Limbach und Homburg. Dort baut die Reko auf einer rund 50 Hektar großen Fläche einen Zollbahnhof mit 52 Gleisen. Das aufwändigste Eisenbahnprojekt der Saargebiets-Zeit. Doch die Zollschranken sind zu hart. Der französische Markt hat zu wenig Kapazität, die Saarwirtschaft bekommt Absatzschwierigkeiten. Bereits im Juni 1925 vereinbaren die französische und die deutsche Regierung Sonderkonditionen.

Letztlich ist die Stimmung so schlecht im Saargebiet, dass klar ist, dass die so genannte „Jahrtausendfeier“ (im gesamten besetzten Rheinland) am 20. und 21. Juni 1925 vor allem dreierlei sein wird: eine Demonstration der Saargebietler für den Anschluss ans Reich und eine Massenkundgebung gegen die Praktiken der Reko. Und natürlich die Erinnerung an das Jahr 925. Damals hat Giselbert, der Herzog von Lothringen, dem ostfränkischen König Heinrich I. den Treueeid geleistet. Und damit dem späteren Heiligen Reich deutscher Nation. Also Deutschland. Irgendwie. Alles etwas konstruiert. Egal, seither sei die Saar deutsch, sagen sie damals. Letztlich ein guter Anlass gegen den Status Quo zu demonstrieren. Und gegen Frankreich. Die Jahrtausendfeier soll ein deutsches Fest werden. Das gefällt der Reko überhaupt nicht. Sie wirft mit Verordnungen nur so um sich. Beamte dürfen zum Beispiel an der Jahrtausendfeier nicht teilnehmen, Kinder bekommen nicht schulfrei. Amtliche Gebäude dürfen nicht beflaggt werden. Dennoch ziehen 50 000 Menschen mit Fackeln durch Saarbrücken. Trotz der vielen Verordnungen und Verbote feiern die Saargebietler ein großes Demonstrationsfest. Nicht nur in Saarbrücken. Zwei Tage lang. Mit Gottesdiensten, Festzügen, Konzerten, Sportveranstaltungen. Nur die Kommunisten sind „gegen den nationalistischen Rummel“.

Das alles ändert nichts an der Situation. Auch nicht der 7. September 1925. Diesmal spricht unter anderem Herrmann Röchling als Teil einer Delegation beim Völkerbund in Genf vor. Sie fordert mehr Rechte für den Landesrat, der Präsident der Reko soll sich jedes Jahr rechtfertigen müssen, bessere Löhne für Staatsarbeiter und Beamte will sie, bessere Sozialversicherungsleistungen und weniger französische Polizei. Wie immer: erfolglos.

Während das Verhältnis zwischen Franzosen, Reko und Saargebietlern völlig erkaltet ist, beginnt am 16. Oktober 1926 am Lago Maggiore eine neue „Freundschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich. In der Schweiz vereinbaren Außenminister Gustav Stresemann und sein französischer Kollege Aristide Briand, dass die deutsche Westgrenze so bleibt, wie der Versailler Vertrag sie gezogen hat. Dazu soll das Rheinland entmilitarisiert werden. Die Verträge von Locarno leiten eine Entspannungspolitik ein. Stresemann und Briand bekommen dafür 1926 den Friedensnobelpreis. Dass am 9. März 1926 Regierungskommissionspräsident Victor Rault zurücktreten muss und durch den Kanadier George W. Stephens ersetzt wird, ist auch auf Locarno zurückzuführen. Im Saargebiet entspannt es sich. Eine französische Annexion ist vom Tisch.

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Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission
Teil 5: Der Franc im Saargebiet
Teil 6: 100 Tage Streik

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder aus den Jahren 1920 bis 1925 aus dem Saargebiet