Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg im Saargebiet

Serie Das Saargebiet – Teil 2 : Die Saarländer, die es noch nicht gibt

Nach dem Ersten Weltkrieg ist im November 1918 vieles unklar in dem Gebiet, das sich heute Saarland nennt. Ziehen die Franzosen wieder ab? Was wird in Versailles passieren? Die Zwischenzeit ist keine einfache für die Saarländer.

Die Saarländer wissen zunächst mal nichts davon, dass es sie gibt. Damals am 11. November 1918, als der Erste Weltkrieg mit seiner Material- und Menschenschlacht vorbei ist. Als die Deutschen den Waffenstillstand von Compiègne unterschreiben, da wissen die Saarländer noch nicht, dass es sie bald geben wird. So als selbstständiges Völkchen. Mit Identität und Heimatbewusstsein. Nein. Am Ende des Krieges sind die heutigen Saarländer einfach Bayern, wenn sie in St. Ingbert oder Homburg leben – oder Preußen, wenn sie Saarbrücker, Saarlouiser, oder Merziger sind. Seit mehr als 100 Jahren bereits, seit 1815. Seit dem „Ende“ der Französischen Revolution.

An diesem 11. November 1918 fühlen sich die Menschen an der Saar jedoch weniger als Preußen oder Bayern – sie sind zuallererst Deutsche. Die im Kaiserreich leben. Auch wenn vielen das Leben gerade schwerfällt. Nicht nur das letzte Kriegsjahr ist zermürbend. Hunger und die Spanische Grippe raffen viele dahin. Bereits zwei Tage vor dem Waffenstillstand gründen Menschen in St. Ingbert, Dudweiler, Saarbrücken und Neunkirchen Soldaten- und Arbeiterräte, wollen eine sozialistische Republik. Eine November-Revolution im Miniaturformat. Gewaltfrei. Die Räte wollen zunächst mal Ruhe bewahren und für sie sorgen. Sie kümmern sich um Arbeitnehmerfragen, um Betriebsräte, oder den Achtstundentag. Die Saarbrücker Zeitung, die Neunkircher Saar- und Blies-Zeitung oder der St. Ingberter Anzeiger tragen damals im Titel „Offizielles Mitteilungsorgan des Arbeiter- und Soldatenrates“.

Doch was wird passieren? Nach dem bisher größten Krieg aller Zeiten? Kaiser Wilhelm II. hat am 9. November abgedankt. Bis Ende November tun es ihm alle 22 Monarchen im Deutschen Reich nach oder setzen sich ab. Deutschland wird zur Republik. In Weimar tagt ein Parlament. Das ist alles am 11. November noch nicht wirklich wichtig für die Saarländer. Sie wissen nur: Wir haben Waffenstillstand und Hunger. Und den Saarländern ist klar, dass jetzt die Franzosen kommen – steht ja im Waffenstillstandsvertrag deutlich drin, dass die Deutschen ihre linksrheinischen Gebiete aufgeben müssen. Und damit auch die Saar. Bis zum 30. November soll das deutsche Militär raus, die Alliierten, also die Franzosen, Belgier, Briten, Italiener rein. Das geschieht auch.

Sogar eher: Bis zum 21. November ist der Rückzug der Deutschen Truppen in Saarbrücken durch. Dort begrüßen die Menschen die deutschen Streitkräfte mit allen Ehren, gelten sie damals doch militärisch als unbesiegt. Nur einen Tag später ziehen die Franzosen ein. Stationieren an der Saar nahezu in jedem Ort Soldaten. Tausende. Ohne Jubel. Im Gegenteil: Teilweise schicken die Franzosen die Soldaten aus den nordafrikanischen und asiatischen Kolonien an die Saar. Das kommt bei den Saarländern damals nicht gut an – die fremd aussehenden Menschen. Sie empfinden ihren Einsatz als Demütigung.

Die zivile Verwaltung lassen die Franzosen weiter arbeiten. Bürgermeister, Ämter – die Verwaltungsmitarbeiter müssen sich nur vor einer neuen Kontrollinstanz rechtfertigen. Sie heißt Administration supérieure de la Sarre. Dieser Militärverwaltung steht ab Januar 1919 General Joseph Louis Marie Andlauer vor. Er sei eine „schlicht urteilende und loyal handelnde Persönlichkeit“, schreibt die Neunkircher Zeitung damals.

Auch die Gruben nehmen die Franzosen sofort in Besitz. Sie gründen noch 1918 die Service du Côntrole des Mines du Bassin de la Sarre. Eine neue Grubenverwaltung. Die Preußen und Bayern müssen sich aus den Bergwerken zurückziehen. Die Gewinne fließen nach Paris, haben die Deutschen im Krieg doch die lothringischen Schachtanlagen zerstört.

Das sind deutliche Zeichen, dennoch hoffen die Menschen an der Saar, dass die Besetzung bald ein Ende haben wird. Doch daran denken die Franzosen nicht. So veröffentlicht die Saarbrücker Zeitung am 30. November den Artikel „Frankreich und das Saargebiet“. Darin sind Auszüge aus der französischen Presse in deutscher Übersetzung abgedruckt. Dort ist zu lesen: Die Franzosen fordern die Rückgabe des 1815 von den Deutschen „gestohlenen“ Gebietes. Das ist deutlich. Dazu das Militär im Land und die Gruben in französischer Hand – die Saarländer, die es noch nicht gibt, ahnen, welches Schicksal der Saar bei den Friedensverhandlungen in Versailles droht. Die Franzosen wollen nach Saarbrücken. Wollen den Kohlenwald. Wie schon mehrfach in der Geschichte: Bereits Ludwig XIV. will den Rhein als Grenze – und natürlich 1792 als französische Revolutionstruppen über die Saarregion zum Rhein marschieren. Bis 1815 bestimmt Napoleons Frankreich in Saarlouis und Saarbrücken. Bis der zweite Pariser Frieden das Becken wieder dem Reich zuspricht. Zu dem nach dem nächsten Krieg 1871 auch Lothringen und das Elsass gehören.

Vor diesem historischen Hintergrund beginnen im Januar 1919 die Friedensverhandlungen in Versailles. Auf dem Verhandlungstisch liegt auch die Saarfrage. Doch die Saarländer wissen ja noch gar nicht, dass es sie gibt. Sie sind immer noch Bayern oder Preußen. Deutsche eben. Die die Franzosen überhaupt nicht mehr abkönnen, so denken sie damals. Sie haben keine Lust auf die Besatzung.

www.saarbruecker-zeitung.de/saargebiet

Umstrittene Saar: Das Plakat des Berliner Künstlers A.M. Cay stammt aus dem Jahr 1919. Und spiegelte die Ängste der Menschen hierzulande wieder. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Links ein französischer Besatzungssoldat asiatischer Herkunft. Ein so genannter Annamit (Vietnamese). Abgelichtet hat ihn Julius Walter, ein Fotograf, in Fechingen. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Rechts eine Parade marokkanischer Soldaten der französischen Besatzungsarmee auf dem Saarbrücker Ludwigsplatz im Jahr 1919. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Eine Moschee für die marokkanischen Soldaten der französischen Besatzungstruppen. Sie stand 1919 auf dem großen Exerzierplatz in Saarbrücken. Foto: Stadtarchiv Saarbrücken
Eine von den Franzosen „eingebürgerte“ Briefmarke aus der Zwischenzeit. Bayern überstempeln sie mit „Sarre“. Foto: Armin Neis

Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland

Mehr von Saarbrücker Zeitung