Die spannendste Zeit des Saarlandes: Paul Burgard im Interview

Serie Das Saargebiet -– Teil 14 : Die spannendste Zeit des Saarlandes

Paul Burgard ist Historiker im Landesarchiv des Saarlandes. Im Interview erklärt er die Besonderheiten der Saargebietszeit.

Im letzten Teil unserer Serie über das Saargebiet, unterhalten wir uns mit dem Historiker Paul Burgard: Er ordnet die Zeit ein.

Die 15 Jahre Saargebiet gelten für viele Historiker als die spannendsten Jahre der Saargeschichte. Warum?

BURGARD Erstens: weil das Saarland in dieser Zeit geboren wird. Zweitens: weil die Geschichte damals hier sehr international geprägt war. Drittens: weil ein Experiment gestartet wurde, was auf völlig neuen Prinzipien der internationalen Politik beruhte. Viertens: weil die deutsch-französischen Beziehungen damals kondensiert werden. Fünftens: weil die 1920er Jahre insgesamt sehr spannend waren.

Die saarländische Staatskanzlei feiert aus diesen Gründen den 100. Geburtstag des Bundeslandes, feiert den Versailler Vertrag als Geburtsurkunde, stellt die Veranstaltungen unter den Titel Saarhundert. Zurecht also?

BURGARD Das kann und muss man so sehen. Wenn man sich auf ein Jahrhundert staatlicher Tradition besinnt – und das macht das Land gerade – ist es eindeutig, dass die Grenzen des Saarlandes wie sie heute laufen – zumindest größtenteils – im Jahr 1920 vom Versailler Vertrag gezogen wurden. Seit dem gibt es hier im Saarland eine staatliche Kontinuität. Ob gewollt oder nicht. Über die verschiedensten Systeme hinweg. Über dieses Völkerbundregime bis 1935. Auch danach haben die Nazis den Verwaltungskörper Saarland nicht abgeschafft. Im Gegenteil: Sie benennen ihn sogar zum ersten Mal so: Saarland. Eine Einführung der Nazis, das hört man nicht so gerne als Saarländer.

Nach dem Krieg bleibt das Land auch zusammen.

BURGARD Nach dem 2. Weltkrieg passiert ähnliches wie nach dem 1. Weltkrieg. Das Saarland ist wieder mal ein ,Kriegspfand‘, wird zum teilautonomen Staat unter starkem Protektorat der Franzosen. Daraus wird 1957 wiederum das Bundesland Saarland. Auch wenn sich die Grenzen nach 1947 nochmal geringfügig verändert haben, das ganze Saarland ist als staatliche Verwaltungs- oder Regierungseinheit 100 Jahre lang konstant existent.

Seit wann fühlen sich die Menschen dieser Einheit zugehörig? Wie wurde der Preuße und Bayer zum Saarländer?

BURGARD Tatsächlich ist das mit der Identität ein sehr viel längerer Prozess. Der geht über das Jahrhundert hinaus. Viel länger gibt es zum Beispiel die Lebens- und Arbeitszusammenhänge, die die Menschen hier als Gemeinschaft fühlen lassen. Letztlich war es ja auch die Montanindustrie, die dazu geführt hatte, dass das Saarland 1920 entstanden ist. Auch die katholische Bevölkerungsmehrheit in dem Landstrich schafft Identität. Dazu kommt: Wenn Grenzen gezogen sind, erfahre ich zum ersten Mal, dass ich in einem Land mit anderen zusammen lebe. Auch die Volksabstimmungen 1935 und 1955 tragen deshalb zur Identitätsbildung bei.

Die Menschen haben sich vor allem zu Beginn der Saargebietszeit als Einheit begriffen. Gemeinsam gegen die Franzosen im Land.

BURGARD Im Konflikt vergewissere ich mich ja umso mehr meiner Position. Und die Position der Saarländer damals war es, zu Deutschland zurückkehren zu wollen. 99 Prozent der Saarländer denken bis 1933 so. Parteiübergreifend. Daher hat man darüber auch unendlich lange und ausführlich diskutiert. Nicht nur im Saarland. Weltweit war das Schicksal der Saar ein Thema. Dabei ging es meist darum, zu erklären, warum das Gebiet an der Saar ein deutsches ist. Unzählige Schriften sind damals erschienen.

Wie wurde denn die Situation international diskutiert?

BURGARD Eher nüchtern. Die Positionen der Franzosen, die die Saar ja gerne annektiert gehabt hätten, waren nicht die der Weltpolitik. Im Gegenteil. Der Tenor ging eher dahingehend, dass, wenn es so etwas wie eine kulturelle und sprachliche Herkunft gibt, dann die Saarländer als Deutsche zu gelten hätten.

Dabei ging es den Saarländern nach dem Krieg besser als den Deutschen.

BURGARD Gerade am Anfang gab es einen gewissen wirtschaftlichen Schub, weil das Saargebiet nicht so sehr von der hyperinflationären Mark betroffen war. Weil der Franc schon Anfang der 1920er hier eingeführt worden war, gab es hier vor allem in den ersten Jahren Vorteile. Der Franc war im Vergleich zur Mark stabil. Es gab so etwas wie einen Frankenrausch hier. Die Menschen konnten wieder konsumieren. Die Vorteile im Vergleich zu Deutschland hielten bis 1925 an. Ab da verlangte der Versailler Vertrag Zollgrenzen zum Deutschen Reich. Und: Der Franc verlor nach und nach an Wert.

Gab es hier die Goldenen 20er Jahre?

BURGARD Natürlich gab es hier viele Impulse, die die Moderne ins Land brachte. Das Kulturleben wurden ausgebaut, etwa mit Theater, Museum, Kunstschule. Auch das allgemeine Vergnügen. Tanzlokale eröffnen, die Mode geht mit der Zeit, die Motorisierung nimmt zu. Die Insignien der Moderne kommen in den 1920ern auch im Saarland an. Auch die Infrastruktur wird hier verbessert, die Elektrifizierung des Landes nimmt zu, neue Kraftwerke werden gebaut. Insgesamt ist das schon eine deutliche Steigerung des Lebensstandards gegenüber der vorherigen Zeit.

Ein modernes Saargebiet?

BURGARD Es gibt hier Hotspots, es gibt Kultur, es gibt ein kleines internationales Publikum durch die Völkerbundregierung. Das beschränkt sich allerdings größtenteils auf Saarbrücken. Und: Ich warne davor, diese Zeit an der Saar mit den ganz großen Städten zu vergleichen. Das Land war ein katholisches, konservatives Land. Mit viel Proletariat, wenig Bildungsbürgertum. Das ist nun kein Humus, auf dem Großstadtflair besonders gut gedeiht. Hier war kein Babylon Berlin. Hier war noch nicht mal Babylon Mannheim.

Die Architektur kam hier an?

BURGARD Ja. Teilweise stehen die Bauten ja heute noch. Auch prominente Architekten wie Hans Herkommer, der die Kirche St. Michael in Saarbrücken gebaut hat und das leider nicht mehr existente Gebäude der damaligen saarländischen Landeszeitung in Saarbrücken, Ecke Viktoria-Ursulinenstraße. Der Beckerturm in St. Ingbert. Der Schaumbergturm. Teilweise sehr expressive Bauten. In Saarbrücken entstehen schöne Bürgerhäuser auf dem Rotenbühl oder dem Triller. Im Vordergrund stand allerdings der soziale Siedlungsbau, denn die Wohnungsnot war groß. Wohngebiete für Eisenbahner entstehen zum Beispiel auf dem Homburg. Und die Saarbrücker Siedlungsgesellschaft wird gegründet.

Ab 1926 beginnt sich das Verhältnis der Franzosen zu den Deutschen zu entspannen. Die Verträge von Locarno (1926), der Dawes-Plan (1924). Auch die Zusammenarbeit zwischen Saarländern und Regierungskommission wurde besser. Doch ab 1929 schlittert die Welt in eine Weltwirtschaftskrise, die auch im Saargebiet ankommt.

BURGARD Die kommt hier mit Verspätung an. So ab 1930 gehen auch hier die Arbeitslosenzahlen drastisch hoch. Bis dahin lief es aber vor allem in der zweiten Hälfte der 1920er relativ gut im Saargebiet. Selbst zur Zeit dieser Entspannung stand jedoch die nationale Frage im Saargebiet stets im Vordergrund. Alle Aktivitäten der Saarländer hatten immer die Intention zu dokumentieren, dass sie Deutsche sind. Das blieb gleich.

1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Ohne groß für Aufsehen im Saargebiet zu sorgen.

BURGARD Es gab nahezu gar keine Reaktion. Zunächst. Wir sollten das Jahr 1933 aber auch nicht nur aus dem Heute betrachten. Wir kennen die gesamte Verbrechergeschichte des NS-Systems, wir kennen die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden, wir kennen den Vernichtungskrieg, den die Nazis geführt haben. Das haben wir alle ganz selbstverständlich im Kopf, wenn wir an die Zeit um 1933 denken. Wenn wir versuchen, uns ohne dieses Wissen in die Situation eines Saarländers von 1933 hineinzuversetzen, stellt sich die Situation ganz anders da.

Und wie?

BURGARD Die Saarländer hatten schon vor Hitler klar gesagt: ,Wir wollen zurück nach Deutschland‘. Wir wollen eine Revision des Versailler Vertrages, wir wollen dieses „Diktatwerk“ nicht mehr haben. Da gab es nun den Hitler in Deutschland. Ein Rechtsradikaler. In den 1920ern war Hitler übrigens nur einer von vielen rechtsradikalen Spinnern. Insofern war das nicht so ungewöhnlich, dass so einer kommt. Ungewöhnlich war sein Erfolgsweg, den er seit 1930 beschritten hat. Man hat ihn schon gekannt, den Herrn Hitler. Man wusste um die Radikalität seines Programmes, man wusste auch darum, dass er mit aller Radikalität gegen den Versailler Vertrag vorging. Gerade das konnte im Saargebiet großen Gefallen finden.

Die Saarländer durften erst 1935 wählen, also zwei Jahre nach der Machtergreifung. Da müssten sie doch schon etwas schlauer gewesen sein?

BURGARD Nach der Machtergreifung im Januar 1933 dauert es einige Monate, bis sich tatsächlich so etwas wie ein manifester Widerstand im Saargebiet artikuliert. Selbst diejenigen, die nachher im Kampf für den Staus Quo auf der antifaschistischen Seite stehen, haben das Problem Hitler anfangs noch nicht so drastisch gesehen. Erst im Laufe des Jahres hat sich das für die, die später im Widerstand stehen, verändert. Schritt für Schritt.

Warum passiert das?

BURGARD Weil man sehen kann, wenn man sehen will, wie Hitler in Deutschland die Demokratie aushöhlt, vernichtet, schnell. Und man ist sensibilisiert, wenn man zu denen gehört, die im Reich nun verfolgt werden. Linke, Juden und zum Teil auch oppositionelle Katholiken. Genau aus diesen Kreisen formiert sich auch der Widerstand im Saargebiet. Auch mit hellsichtigen Prognosen dafür, was von Nazideutschland zu erwarten ist. Max Braun von der SPD hat damals sehr deutlich davor gewarnt. Immer wieder.

Und die anderen?

BURGARD Die stehen auf der national-konservativen Seite – oder in der bürgerlichen Mitte. Die gehören nicht zu den Verfolgten im Reich. Auch sie haben dadurch eine andere Perspektive. Auch auf die Linken. So kam es nicht nur zu einer Spaltung in der Gesellschaft, es kam auch dazu, dass die Argumente der Opposition kaum Gehör fanden.

Manche teilen sicher auch Werte mit den Nazis?

BURGARD Dass die Demokratie nicht zwingend die beste Regierungsform ist, dass politische Feinde oder „arbeitsscheues Gesindel“ in Lager verfrachtet werden können oder dass man antisemitische Einstellungen hat, das waren weit verbreitete Vorstellungen in der damaligen politischen Kultur. Und demokratische Erfahrungen hatten die Saarländer ja auch noch kaum. Es gibt viele Dinge, die die meisten Menschen dazu bringen konnten, bei ihrem Votum für Deutschland zu bleiben. Das nationale Votum für Deutschland kam trotz Hitler – aber auch wegen Hitler. Er schien der bedingungslose Exekutor der nationalen Wiedervereinigung zu sein, die man so lange ersehnt hat.

Die Saarländer waren schnell überzeugt?

BURGARD Man braucht keine wahnsinnig guten Überredungskünste. Man brauchte noch nicht mal unbedingt Gewalt. Obwohl die im Abstimmungskampf immer wieder ausgeübt wurde, spielte sie für das Endergebnis kaum eine Rolle.

Nicht nur diese Abstimmung macht diese Zeit für die Saarländer erinnerungswert?

BURGARD Der 13. Januar und auch die Straßen, die danach benannt sind, sind ein Beispiel dafür, wie ambivalent Geschichtserinnerung laufen kann. Der Tag der Abstimmung ist ja nicht nicht nur in eine politisch-kulturelle Richtung aufgeladen. Viele verbinden mit ihm lediglich, dass die Saarländer an dem Tag abgestimmt haben, ins nationalsozialistische Deutschland zurückkehren zu wollen. In dieses Reich, von dem wir heute ein ganz anderes Bild haben als die Menschen damals. Allerdings war der 13. Januar zum Beispiel auch ein Tag, an dem das Selbstbestimmungsrecht der Völker zum Tragen kam. Ein wichtiger, ein historischer politischer Akt. Außerdem erinnert dieses Datum an den leider vergeblichen Widerstand gegen die Nazis. Es erinnert an die Folgen der NS-Diktatur. Und es erinnert an die kollektive Erinnerung des Saarlands in den vergangenen Jahrzehnten. Es laufen so viele wichtige Erinnerungsstränge in diesem Datum zusammen, dass ich zumindest vorsichtig dabei wäre, seine Präsenz im öffentlichen Raum zu tilgen.