Die Saarkohle-Gruben sind damals Gold. Die Franzosen dürfen ausbeuten

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Das Saargebiet – Teil 12 : Am Ende geht es nur um die Kohle

Die Saarkohle-Gruben sind damals Gold. Die Franzosen dürfen sie insgesamt 15 Jahre ausbeuten. Was sie auch machen. Konsequent.

Den Franzosen ist bereits während des 1. Weltkriegs klar: Im Falle eines Sieges über Deutschland wollen sie die Gruben im Saargebiet. Und nicht nur die. Die Annexion des kompletten Saargebietes ist eines der Ziele der Franzosen bei den Friedensverhandlungen in Versailles 1919. Am Ende bekommen sie Elsass und Lothringen zurück, aber kein (Saar-)Land. Dafür das Recht, die Gruben im Saarkohlenbecken 15 Jahre ausbeuten zu dürfen. Das Kohlenbecken erstreckt sich auf einer Länge von etwa 52 Kilometer und einer Breite von etwa 15 Kilometer von Nordost (Bexbach) nach Südwest. Seine Ausläufer reichen bis über die 1815 gezogene Grenze nach Lothringen. 29 Gruben durchlöchern das Gebiet auf deutscher Seite damals. Die Franzosen sollen sie bekommen. Als Entschädigung für die von den Deutschen im Krieg zerstörten Schachtanlagen in Nordfrankreich.

Eine Entschädigung, die mächtig viel Kohle abwirft. Im letzten Vorkriegsjahr 1913 fördern im heutigen Saarland 56 589 Bergleute etwa 13,2 Millionen Tonnen Steinkohle. Aus meist preußischen Gruben. Der Anteil der bayerischen Staatsgruben wie Bexbach und St. Ingbert an der Gesamtförderung des Saargebietes liegt 1913 lediglich bei 3,6 Prozent. Die Preußen verwalten seit mehr als 100 Jahren das größte Abbaugebiet an der Saar. Gegen Ende gehören 166 Schächte, davon 66 Förderschächte, zum Saarrevier. 24 Kohlenwäschen sind in Betrieb (Slotta 2011, S.18). Sie versorgen Kokereien und die betriebseigenen Kraftwerke in Heinitz, Weiher und Luisenthal mit Kohle. „So erstreckt sich die Übertragung des Besitzes auf den französischen Staat auf alle Nebenanlagen der Gruben, (. . .) auf ihr Förderungsgerät, auf die Anlagen, (. . .), auf Werkstätten, Verkehrswege, elektrische Leitungen, (. . .) auf Grundstücke und Gebäude wie Büroräume, Wohnhäuser der Direktoren, auf Schulen, Krankenhäuser und Apotheken, auf die Bestände und Vorräte aller Art, (. . .)“, heißt es im Versailler Vertrag.

All das Aufgezählte gehört nun seit 20. Januar 1920 zur „Mines Domaniales Françaises de la Sarre“. Alle ehemals preußischen und bayerischen Staatsgruben und die beiden in Privat-Zechen Frankenholz (Bexbach) und Hostenbach (Völklingen). Insgesamt sind dies 29 Grubenbetriebe, deren Gewinne nach Paris fließen. Und steigen sollen.

Die Franzosen bauen die Standorte aus, die sie für modernisierungsfähig halten. Sie investieren in Elektrifizierung, Pickhämmer, Kettenschrämmaschinen, Transportbänder, in insgesamt zehn neue Wetter- und Förderschächte, in neue Fördermaschinen, Druckluft- und Diesellokomotiven. Auch in Kohlewäschen. Während 1919 lediglich 37 Prozent der Kohlen eine Wäsche gesehen haben, sind es 1934 bereits 60 Prozent.

Letztlich scheinen die Maßnahmen zu greifen. Zumindest legen das die Zahlen nahe: Die Belegschaft nimmt zwischen 1924 (78 000) und 1929 (60 793) ab, die Förderung steigt hingegen von 9,4 Millionen Tonnen (1920) auf über 13,5 Millionen Tonnen (Vorkriegssstand). Durch solche Zahlen sehen sich damals viele Saarländer bestätigt, dass die Franzosen ohne Rücksicht auf die Arbeiter die Gruben ausbeuten. Die Franzosen hingegen sehen diese Zahlen als Beleg dafür, dass ihre Modernisierungsmaßnahmen gegriffen haben. Durch die Maschinen ist die Förderung effektiver und es brauche eben weniger Arbeiter. Sowieso – das Verhältnis der Arbeiter und Verwaltung ist von Misstrauen geprägt. Zumal die Grubenverwaltung nicht nur wirtschaftliche – sondern als größter Arbeitgeber politische Macht hat. Wie eine Zählung 1925 ergibt, verdienen mehr als 211 592 Saarländer ihr Geld mit dem Bergbau, sind abhängig von ihm. Saarländischen Bergleuten droht Schikane oder gar Entlassung, wenn sie sich gegen die Interessen Frankreichs stellen. Was gegen die Interessen ist, entscheidet die Verwaltung. So kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen der französischen Grubenverwaltung und den Bergleuten als auch zwischen den Bergleuten untereinander.

Letztlich sind die Franzosen vor der Absatzkrise, die etwa 1927 aufgrund von Überkapazitäten beginnt, Chef von über 65 saarländischen Förder- und 88 Hilfsschächten mit 26 Wäschen, einer Kokerei und vier Kraftwerken. Sie bauen Flöze ab, die bis zu 3,50 Meter mächtig sind und auf bis zu 700 Meter Tiefe liegen. Bis die Kohlen sich immer schlechter verkaufen und dazu noch die Weltwirtschaftskrise naht. Dazu kommt: Gegen die Ruhrkohle hat die Saarkohle preislich keine Chance. Das hat Konsequenzen: Liegt die Förderung 1929 noch bei 13,5 Millionen Tonnen, sinkt sie 1934 auf 11,3 Millionen Tonnen ab. Von 1920 bis 1928 erwirtschaften die Saargruben noch einen Gesamtüberschuss von fast 632 Millionen Francs, danach machen viele Gruben Verluste. Die Franzosen reagieren mit Grubenschließungen und Entlassungen. Sind 1929 noch 60 793 Bergleute im Dienst, sind es 1934 nur noch 44 380. Allein in den Jahren 1931 und 1932 legt die Verwaltung sieben der 29 Gruben still – darunter die Bergwerke Dilsburg in Heusweiler (1931), Helene in Friedrichsthal (1931), Von der Heydt (1932), Altenwald (1932) und Hostenbach (1932).

Viele Saarländer werfen den Franzosen damals vor, sie hätten betriebswirtschaftlich nicht sauber geplant. Dazu sei ihnen wenig daran gelegen, noch in die Gruben zu investieren, da auch den Franzosen klar geworden ist, dass sie das Plebiszit 1935 nicht für sich entscheiden können. Sie werden die Gruben an Deutschland zurückgeben müssen, daher würden sie bis zur Rückgabe größtmöglichen Profit aus den Schächten ziehen. Marin Guillaume, Generaldirektor der Saargruben, dementiert die Vorwürfe. Er weist auf die gesteigerte Produktivität und Sicherheit der Gruben durch französische Investitionen hin.

Fest steht: Laut Versailler Vertrag ist das Deutsche Reich verpflichtet, im Falle der Rückgliederung eine noch offene Summe in Goldmark an Frankreich zu zahlen. Sind die Gruben in schlechtem Zustand, fällt der Preis, sind sie in gutem Zustand, steigt er. Das wissen Franzosen wie Saarländer wie Deutsche. Bereits am 3. Dezember 1934, einen Monat vor dem Referendum, einigen sich Deutschland und Frankreich, unterzeichnen in Rom eine Rückgliederungsvereinbarung für die Saargruben. Damit gibt Frankreich nicht nur deutlich zu erkennen, dass es mit einer Niederlage in der kommenden Abstimmung rechnet, es kassiert auch 900 Millionen Francs vom Deutschen Reich für den Rückkauf der Bergwerke und Eisenbahnen. Innerhalb eines Jahres fließt das Geld, ansonsten würde der Völkerbund die Gruben liquidieren. Doch die Deutschen sollten rechtzeitig für die Gruben zahlen. Sie brauchen Kohle. Viel Kohle. Und die liegt immer noch im Saarkohlenwald.

Die Schachtanlagen der Grube Brefeld im Jahre 1919. Sie wurde 1872 eröffnet und 1935 mit Camphausen zu einem Verbundbergwerk zusammengelegt. Foto: RAG-Archiv Saar. Foto: RAG-Archiv Saar
Grubenbild mit Damen: Auf einer Postkarte ist die ehemalige Grube Dilsburg bei Heusweiler abgebildet. 1920 übernahmen französische Bauingenieure die Leitung. Foto: HEIMATKUNDLICHER VEREIN
Die Bergleute haben sich hier im August 1919 um eine Kohlewäschanlage aufgestellt. Die Kohle, die sie fördern, gehört damals den Franzosen. Wo die Wäsche hier im Saargebiet stand, ist ungewiss. Foto: RAG-Archiv Saar
Diese Schulkarte stammt aus dem Ottweiler Schulmuseum und zeigt, was im Jahre 1930 alles aus Kohle gemacht wurde. Foto: Ottweiler Schulmuseum
Die Bergleute haben sich hier im August 1919 um eine Kohlewäschanlage aufgestellt. Die Kohle, die sie fördern, gehört damals den Franzosen. Wo die Wäsche hier im Saargebiet stand, ist ungewiss. Foto: RAG-Archiv Saar. Foto: RAG-Archiv Saar
Grubenbild mit Damen: Auf einer Postkarte ist die ehemalige Grube Dilsburg bei Heusweiler abgebildet. 1920 übernahmen französische Bauingenieure die Leitung. Foto: Heimatkundlicher Verein/Repro Heimatkundlicher Verein
Grubenbild mit Damen Auf einer Postkarte ist die ehemalige Grube Dilsburg abgebildet. 1920 übernahmen französische Bauingenieure die Leitung – eine Folge des Versailler Vertrages. Viele der preußisch gesinnten, höheren Beamten quittierten den Dienst, andere wurden von den Franzosen degradiert oder entlassen. FOTO: ARCHIV HEIMATKUNDLICHER VEREIN. Foto: HEIMATKUNDLICHER VEREIN
Grubenbild mit Damen: Auf einer Postkarte ist die ehemalige Grube Dilsburg bei Heusweiler abgebildet. 1920 übernahmen französische Bauingenieure die Leitung. Foto: Repro Heimatkundlicher Verein Heusweiler/Repro Heimatkundlicher Verein

Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission
Teil 5: Der Franc im Saargebiet
Teil 6: 100 Tage Streik
Teil 7: Die Jahrtausendfeier
Teil 8: Die Wirtschaftskrise
Teil 9: Hitler und seine Folgen
Teil 10: Die Einheitsfront
Teil 11: Die Wahl