Die Regierungskommission führt den Franc als Zahlungsmittel ein

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Das Saargebiet – Teil 5 : Zwischen „Frankenkönigen“, Franc und Reichsmark

Die Regierungskommission hat im Saargebiet ihre Arbeit aufgenommen. Eine ihrer ersten Amtshandlungen ist, den Franc als Zahlungsmittel einzuführen. Das erspart den Menschen an der Saar die Hyper-Inflation.

Deutschland ist pleite. Waffen, Munition, Soldaten, Transport: Der Erste Weltkrieg hat etwa 164 Milliarden Mark gekostet. Gepumpt von anderen Staaten – und beim eigenen Volk über Kriegsanleihen. Doch nicht nur das: Die Sieger wollen Reparationen. In den Versailler Vertrag haben die Gewinner bereits 1919 schon den Zahlungsbefehl hineingeschrieben. Was noch fehlt, ist eine Summe. Die soll erst 1921 folgen: 132 Milliarden Mark.

Mit anderen Worten: Das Reich steckt mehr als knietief in den Schulden. Was tun? Bereits 1914 kommt der Kaiser auf eine vermeintlich „blendende“ Idee: Geld drucken. Und zwar richtig viel. Nahezu ohne Gold-Gegenwert. Die Weimarer Republik hält auch an der Geldruckpolitik fest. Problem: Sie führt zielsicher in die Inflation. Die nimmt über die Jahre immer mehr Fahrt auf: Im Dezember 1922 gibt es für einen Dollar 2000 Mark, im April 1923 sind es schon 20 000 Mark, im August über eine Million, im Dezember 4,21 Billionen Reichsmark.

So ein Geldwertverfall mündet in eine Katastrophe. Die Löhne kommen nicht hinterher, die Gelddruckmaschinen laufen heiß. Das Geld der Sparer ist futsch. Rentner, die ihr Ruhegeld in Mark ausbezahlt bekommen, haben quasi nichts mehr. Das Vertrauen ins Bewährte schwindet. Aber: Die Inflation lässt den Export explodieren. Die Industrie wächst innerhalb eines Jahres um 20 Prozent. Die Arbeitslosenquote sinkt 1922 auf unter ein Prozent; das „Schmiermittel der Inflation“ hat die Wirtschaft wiederbelebt. Waren sind nun genug da, doch es fehlt das stabile Geld, um sie zu kaufen. Deutschland droht, wie der spätere Reichskanzler Hans Luther 1923 bemerkt, „bei vollen Scheuern zu verhungern“.

Solche Franc-Scheine zahlte die Mines Domaniales de la Sarre, die französische Grubenverwaltung, den saarländischen Bergleuten. Foto: Landesarchiv des Saarlandes

Viele Deutsche und Saargebietler schieben die Schuld der Inflation nicht auf ihre Geldpolitik, nicht auf Kriegsschulden, sondern auf die Franzosen, die in Versailles vehement für die hohen Reparationszahlungen gekämpft haben. Die würden den Deutschen nun die Luft zum Atmen nehmen.

Als Franzosen und Belgier im Januar 1923 das Ruhrgebiet mit 60 000 Soldaten besetzen, weil die Deutschen in Zahlungsverzug sind, verschärft sich die Lage. Ziel der Besatzung ist es, die dortige Kohle- und Koksproduktion als „produktives Pfand“ zu sichern. Die deutsche Regierung ruft zum passiven Widerstand auf, zu Sabotage und Streik. Im Gegenzug zahlt sie „im Ruhrkampf“ die Löhne an die Streikenden weiter. Auch im Saargebiet streiken sie mit. Angeblich aus anderen Gründen (siehe nächster Serienteil).

Im Saargebiet schlägt die Inflation nicht ganz so hart durch wie im Reich. Das hat Gründe: Seit Anfang 1920 hat eine Regierungskommission (ReKo) in diesem Gebiet das Sagen. Nicht Berlin, nicht Deutschland. Die ReKo ist vom Völkerbund eingesetzt (siehe Serienteil 3). Eines ihrer Ziele ist, das Saargebiet unabhängig vom Reich zu machen: So führt sie für das Saargebiet zum Beispiel eine schwarz-weiß-blaue Flagge ein, ein eigenes Wappen, Briefmarken, die westeuropäische Zeit, ein neues Justizwesen, eine eigene Sozialversicherung. Und den Franc. Der soll das Zahlungsmittel an der Saar werden. Nach und nach. Durch die Hintertür.

Die ersten, die den „Franken“ in ihren Lohntüten haben, sind die Arbeiter, Angestellten und Beamten der Saargruben. Am 1. Juli 1920 entlohnt sie die französische Grubenverwaltung mit der damals vergleichsweise stabilen Währung. Da sich 1920 im Reich bereits die Inflation bemerkbar macht, spüren die Bergleute von heute auf morgen eine bisher nie gekannte Kaufkraft im Geldbeutel. Sie können dank Währungsspekulationen Produkte erstehen, von denen sie bisher nur träumten. Und das nach 100 Jahren preußischer Knauserigkeit. Man nennt sie damals die „Frankenkönige“. Ein kluger Schachzug der „Mines Dominales“.

So kommt es – nahezu wie von selbst –, dass kurz darauf die Hüttenarbeiterorganisationen die Einführung des Franc fordern. Im Frühjahr 1921 folgen Eisenbahner, die Post- und Telegraphenverwaltung, bis die ReKo im Sommer 1921 die öffentliche Hand auch in Franc entlohnt. Vom 1. Juni 1923 an ist der Franc alleiniges Zahlungsmittel im Saargebiet. Die Mark hat ausgedient. Sie ist eh am Ende.

Inoffiziell wird daher kaum jemand im Saargebiet der Mark nachgetrauert haben. Offiziell schon. Ist der Franc doch auch ein Symbol für die Trennung vom Reich. Und auch ein Zeichen dafür, dass die Franzosen das Saargebiet immer noch annektieren wollen. Obwohl es ihnen der Versailler Vertrag untersagt, obwohl eine Völkerbunds-ReKo das Land verwaltet. Während der Inflation kommt es im Saargebiet zu ersten handfesten Protesten gegen die Regierungskommission des Völkerbundes. Die Saarländer befürchten, dass sie Frankreich zuarbeitet, dass man ihre Sorgen und Nöte nicht ernst nimmt. Es kommt zu einem Beamtenstreik (1920) und zu einem Bergarbeiterstreik (1923). Beide Streiks sind im nächsten Serienteil im Fokus.

Zurück ins Reich. Zurück in den Ruhrkampf. Den passiven Widerstand gegen die Besetzung durch die Franzosen und Belgier muss die Reichsregierung unter Gustav Stresemann am 26. September 1923 abbrechen. Sie kann kein Streikgeld mehr zahlen. Wegen der Inflation. Wirtschaftlich ist diese Besetzung weder für Deutschland noch für Frankreich ein Erfolg. Die Deutschen beklagen einen Schaden von bis zu fünf Milliarden Goldmark. Und die Franzosen bekommen beileibe nicht so viel Kohle wie sie wollen aus den Gruben. Dazu sind 140 Tote zu beklagen, die Besatzer weisen 180 000 Menschen aus. Und Deutschland ist pleite mitsamt einer  zerstörten Währung.

Die Situation ist verfahren. Eine neue Lösung für die Reparationszahlungen muss her. Der Dawes-Plan. Ausgeklügelt von Charles Dawes. Und einer Sachverständigenkommission. Am 9. April 1924 ist der Plan fertig. Deutschland soll demnach nur noch so viel zahlen, wie es auch erwirtschaften kann. Absehbar ist, dass die Reparationen dadurch niedriger ausfallen. Als Sicherheit soll das Deutsche Reich seine Reichsbahn für 800 Millionen Goldmark verpfänden und die Reichsbank unter internationale Kontrolle stellen lassen. Die Deutschen stimmen zu. Unter der Bedingung, dass die Besetzung der Ruhr ein Ende hat. Frankreich geht auf den Deal ein und zieht die Besatzungstruppen im Sommer 1925 ab. Im gleichen Jahr wird Dawes US-Vizepräsident und bekommt für seinen Plan den Friedensnobelpreis verliehen.

Eine weitere Bedingung in seinem Plan ist, dass die Deutschen eine Währungsreform einleiten müssen. Was sie denn auch tun. Das Reich führt auf dem Höhepunkt der Inflation im November 1923 die Rentenmark ein, ab Oktober 1924 kommt die Reichsmark als Zahlungsmittel: Damit endet schließlich die Inflationsphase. Und die Geschichte der Mark ist zu Ende.

Es folgt ein wirtschaftlicher Aufschwung. Die goldenen 20er starten. Im Reich. Im Saargebiet eher weniger. Denn seit 1924 befinden sich die Franzosen in einer Finanzkrise. Und die betrifft den Franc. Der ja nun das Zahlungsmittel an der Saar ist.

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Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission