Die Machtergreifung von Hitler und die Auswirkungen aufs Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Das Saargebiet – Teil 9 : Als Hitler das Saargebiet verwirrte

15 Jahre lang kämpfen viele Menschen im Saargebiet für eine Rückkehr ins Reich. Doch plötzlich ist im Reich Hitler an der Macht. Das aber scheint nur wenige Saarländer abzuschrecken.

Ende 1932 spielt Adolf Hitler noch kaum eine Rolle im Saargebiet. Seine
NSDAP hat bei den letzten Saargebiet-Landesratwahlen im März 1932 gerade mal 6,7 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen können. Erst als Paul von Hindenburg Hitler am 30. Januar 1933 zum deutschen Reichskanzler ernennt, ändert sich alles. In Deutschland, in Europa – auf der Welt. Und im Saargebiet. Schließlich sollen die Menschen dort 1935 darüber abstimmen, ob sie lieber zum Deutschen Reich, zu Frankreich oder unter Völkerbundverwaltung gehören wollen. Dabei ist bis zur Machtübernahme von Hitler die Stimmungslage im Saargebiet klar: „Zurück ins Reich“. Zentrum, KPD, SPD, DSVP, USPD – alle wollen sie wieder Deutsche sein. Doch wollen auch alle zu Hitler? Wie reagieren die Parteien, die Menschen im Saargebiet?

Zumindest gefallen Hitlers Hakenkreuzfahnen nicht jedem im Saargebiet. Sie ist verboten, bis sie offizielle Reichsflagge wird. Die Regierungskommission hat etwas dagegen. Sie verwaltet das Saargebiet im Namen des Völkerbundes. Auch am so genannten „Tag von Potsdam“, am 22. März 1933, als der Reichstag in Berlin zum ersten Mal unter Hitler tagt. Das gefällt einigen Saarländern. Vor allem dem damaligen Homburger Bürgermeister Hans Ruppersberg. Er findet Hitler großartig und lässt auf dem Schlossberg eine Hakenkreuzfahne hissen. Dazu hört er sich die Sitzung aus Potsdam im Radio an. Die Lautsprecher stellt er auf den Rathausbalkon. Später unterzeichnet er Dokumente mit „Heil Hitler“. Damit verstößt er mehrfach gegen die Neutralitätspflicht, denen die Bürgermeister des Saargebietes damals in der Zeit kurz vor der Abstimmung unterworfen sind. Folge: Der Oberste Gerichtshof des Saargebietes wirft ihn aus seinem Amt, brummt ihm eine Gefängnis- und Geldstrafe auf. Als die Nazis 1935 das Saargebiet übernehmen, darf Ruppersberg wieder zurück auf seinen Posten. Etwas später wird er gar Bürgermeister von Neunkirchen. Schließlich hat er im Abstimmungskampf an der Saar vehement für die Rückkehr ins Reich gekämpft. Seit an Seit mit den anderen deutschnational-gestimmten Parteien im Saargebiet.

Die schließen sich 1933 zusammen. Zur sogenannten Deutschen Front. Die deutschnationale Partei (1,6 Prozent), die deutsch-saarländische Volkspartei (6,7), die deutsch-bürgerliche Mitte, das Zentrum (43,2) und die NSDAP-Saar (6,7) machen nun nicht nur gemeinsam Propaganda für den Anschluss ans Deutsche Reich, sie geben auch nach und nach ihre Eigenständigkeit auf. So wollen sie zeigen, dass der Anschluss keine politische Frage ist. Sondern eine der Ehre und des Herzens. Sie ordnen alles dem Ziel der Rückkehr zur „Deutschen Mutter“ unter. Zwar gibt es immer wieder Reibungen mit der NSDAP-Politik im Reich. Auch harte Kritik. Doch letztlich zählt das Ziel: „zurück ins Reich“. Industrielle wie Hermann Röchling, aber auch in den Reihen der Porzellanfabrikanten-Familien Villeroy und Boch setzt man sich für die Deutsche Front ein. Wie etwa Martha von Papen. Sie ist eine geborene Boch-Galhau und Frau des früheren deutschen Reichskanzlers Franz van Papen. Vor allem Röchling gibt alles. Im Abstimmungskampf setzt er seine Arbeiter unter Druck und droht bei antideutscher Haltung mit Sanktionen. Während nach außen die Deutsche Front mit Personen, die mitten aus der Gesellschaft kommen, Wahlkampf betreibt, hat intern die Führung die Saar-NSDAP übernommen. Sie löst sich erst 1934 auf, hat aber die besten Kontakte ins Reich und kommt so an Geld und Propagandamaterial. Schließlich will Hitler im Saargebiet seinen ersten großen Propaganda-Erfolg feiern. Leitmotiv: „Deutsch ist die Saar – immerdar“. Ihr Lied, das sogenannte Saarlied mit dem Titel „Deutsch ist die Saar“, gesungen auf die Melodie des Steigerliedes. Hitler selbst betreibt Propaganda. Nicht im Saargebiet, das

darf er nicht, aber am Niederwalddenkmal oberhalb der Stadt Rüdesheim am Rhein. Dort redet er am 27. August 1933 vor angeblich 200 000 Menschen, etwa 50 000 aus dem Saargebiet. Er begrüßt sie als „meine Saarländer“. So bitter sich das liest: Die Nazis haben letztlich das politische Gebilde und das Wort „Saarland“ etabliert. Zeitgleich findet in Neunkirchen (Sozialdemokraten) und Saarbrücken (KP) Antifaschismus-Veranstaltungen statt. Mit insgesamt 40 000 Teilnehmern.

Dazu kommt, dass auch die Bischöfe in Trier und Speyer sich für eine Rückkehr ihrer Saar-Schäfchen ins Deutsche Reich einsetzen. Die „Liebe zum angestammten Volkstum und der Treue zum Vaterland“ sei „sittliche Pflicht“. Die Empfehlung ist natürlich im Saargebiet eine Ansage mit Gewicht. Schließlich sind die Bischöfe immer noch für das Saargebiet zuständig. Und: Die Menschen an der Saar sind streng katholisch. Die größten Gewerkschaften auch. Die freien Gewerkschaften halten sich 1933 noch zurück mit einer Wahl-Empfehlung. Hitler und die Zustände in Deutschland kritisieren sie jedoch heftig.

Die Linken sind sich zunächst uneins. Beim Parteitag der saarländischen SPD am 11. Februar 1933 rechnet der Vorsitzende Max Braun mit Hitlers Regime im Reich ab: „Deutschland, unser Vaterland (...) ist das Land des blutigsten und hemmungslosesten Terrors geworden, in dem die Freiheit im täglichen Todeskampf liegt“. Natürlich auch vor dem Hintergrund, dass viele Parteifreunde im Reich politisch oder aus rassistischen Gründen verfolgt werden, sie aus Deutschland ins Saargebiet fliehen. Ein Teil der Emigranten, vornehmlich die politisch Verfolgten, engagieren sich später im Abstimmungskampf auf Seiten der Status-Quo-Bewegung. Die gibt es 1933 noch nicht. Im Gegenteil: Die Saar-Sozialdemokraten lassen die Antwort auf die HeimIns-Reich-Frage noch offen. Erst als das Deutsche Reich am 14. Oktober 1933 aus dem Völkerbund austritt, sich kurz davor die Zentrumspartei in der Deutschen Front auflöst, ist für die Saar-SPD und Braun das Maß voll. Zwei Tage später machen sie ihre endgültige Position deutlich: „So lange dieses Blut- und Henkerregime Deutschland vergewaltigt, ist an eine Rückkehr des Saargebietes nicht zu denken“, sagt Braun. Die SPD versucht nun, den Völkerbund dazu zu bewegen, die Abstimmung fünf bis zehn Jahre zu verschieben. Bis Hitler nicht mehr an der Macht sei. Den Status Quo zu wählen, ist Ende 1933 noch keine Option für die SPD. Ein Anschluss unter Hitler aber auch nicht.

Die KP hat 1932 bei den letzten Landesratwahlen im Saargebiet 23,2 Prozent gewonnen, die SPD nur 9,9. Die Kommunisten haben also wesentlich mehr der 120 000 links Wählenden hinter sich. Die KP Saargebiet will natürlich nichts mit Hitlerdeutschland zu tun haben, geht aber davon aus, dass er nicht lange an der Macht bleiben wird, da die Arbeiterklasse in Deutschland revoltieren würde. Daher propagiert die KP bis Mitte 1934 die überhaupt nicht zur Abstimmung stehende Parole von einem „roten Saargebiet in einem sozialistischen Rätedeutschland“. Einer der KP-Kämpfer: der Wiebelskircher Erich Honecker. Der spätere DDR-Staatsratschef erklärt rückblickend: „Wir sprachen deutsch und fühlten uns immer als Deutsche. (...) Für uns stand fest, dass das Saargebiet eines Tages wieder zu Deutschland kommen würde. Die Frage für uns war, ob das dann ein kapitalistisches oder ein sozialistisches Deutschland (...) sein würde.“ Ein nationalsozialistisches soll es nicht werden. Das steht Ende 1933 fest. Doch was tun? Die Wahl verschieben? Durchziehen? Status Quo wählen? Die Entscheidung sollen SPD und KPD im Sommer 1934 treffen – gezwungenermaßen.

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