Die Bergleute im Saargebiet streiken 100 Tage lang

Kostenpflichtiger Inhalt: SZ-Serie Das Saargebiet, Teil 6 : Einhundert Tage Streik im Saargebiet

Die Regierungskommission des Völkerbundes, die französische Grubenverwaltung – die Menschen an der Saar fühlen sich Anfang der 1920er Jahre fremdbestimmt und ausgenutzt. Sie streiken.

Seit 27. Februar 1920 hat der Völkerbund das Sagen im Saargebiet. Sagt der Versailler Vertrag. Viele Saarländer sagen, dass die Regierungskommission (Reko) des Völkerbundes nur eine Scheinveranstaltung sei. Sie setze unter dem Deckmantel des Völkerbundes die Ziele der Franzosen um. Und die seien klar: Annexion der rechtsrheinischen Gebiete. Also auch das Saargebiet. Damit seien sie bei den Versailler Friedensverhandlungen zwar nicht durchgekommen, jetzt würden sie es durch die Hintertür versuchen, sagen viele Saargebietler. Dabei wollen sie nicht nach Frankreich, nicht unter die Verwaltung dieses neuen Völkerbundes; sie wollen fast alle heim ins Deutsche Reich. Und bitte nicht erst nach 15 Jahren. Denn erst 1935 sollen die Saarländer laut Vertrag abstimmen, zu wem sie gehören wollen: Zu Deutschland, zu Frankreich, oder weiter Mandatsgebiet?

Der Völkerbund regiert das Land, die Saar-Gruben gehören den Franzosen. Sie haben 15 Jahre das Recht, sie auszubeuten. Dazu gründen sie die „Mines Domaniales Françaises de la Sarre“. Eine neue Grubenverwaltung. Auch sie ist sehr unbeliebt, gilt sie doch als heimliche (französische) Regierung im Land. Ernährt der Bergbau im Land doch mehr als 220 000 Menschen.

Und die haben ein Feindbild: Reko-Präsident Victor Rault. Ein Franzose, der kein Deutsch kann. Ein „Erbfeind“. Und ein weiteres deutliches Zeichen für die Saargebietler, dass der Völkerbund ein Vasall der Franzosen sei. Das saarländische Kommissions-Mitglied Alfred von Boch gilt zwar als unabhängig, ist aber nicht lange im Amt (siehe unten). Sein Nachfolger ist Jacob Hector (1920 bis 1923). Damals Bürgermeister von Saarlouis. Auch er fährt einen pro-französischen Kurs. Genau wie Hectors Nachfolger Julius Land (1923 bis 1924). Erst zu Bartholomäus Koßmann (1924 bis 1935) entwickeln die Saarländer nach anfänglichen Differenzen ein Vertrauensverhältnis.

Offiziell soll sich die Kommission um das Wohl der Saar-Bevölkerung kümmern und die im Versailler Vertrag festgeschriebenen Rechte der Franzosen im Saargebiet durchsetzen. In diesem Spannungsverhältnis arbeitet der Beamtenapparat. Mehrere Hundert ausländische, meist französische Funktionsträger kommen ins Land. Sie nehmen fast alle Spitzenpositionen in Verwaltung und Justiz ein. Zwar haben die Gemeinden und Landkreise weiter ein Wahl- und Selbstverwaltungsrecht; die Reko mischt sich jedoch gerne ein. Zum Beispiel in Saarbrücken. Sowieso ist Demokratie im Saargebiet ein schwieriges Thema. Genau wie Rault. Er haut zu Beginn Not-Verordnung auf Not-Verordnung raus, erntet den Zorn der Saarländer. „Französischer Annexionskommissar“ nennen sie ihn.

Zumal die Entscheidungen seiner Regierungskommission auf eine Abkapselung vom Reich nicht nur hindeuten. Eigene Fahne, eigene Post, eigene Sozialversicherung – die Kommission bemüht sich offensichtlich, Verbindungen zum Reich zu kappen. Sie rechtfertig dies damit, die Freiheit der Abstimmung 1935 gewährleisten zu wollen. Die Saargebietler sollen ohne Einflüsse von reichsdeutscher Seite entscheiden. Dass sie damit nicht einverstanden sind, meldet die Reko dem Völkerbundsrat in Genf bereits im Juni 1920: Viele Saarländer weigerten sich, den Friedensvertrag und die Autorität des Völkerbundes anzuerkennen, mahnt die Reko an. Die Zeitungen im Saargebiet würden diese Haltung mit ihrer kritischen Berichterstattung unterstützen. Wie zum Beispiel am 6. August 1920, als es zum ersten Streik kommt. Zu einem Beamtenstreik – die ehemals bayrischen und preußischen Staatsdiener fühlen sich ungerecht behandelt, es gibt keine Übernahmegarantie der Regierungskommission für sie, nur wenige wollen einen Amtseid auf den Völkerbund ablegen. Dazu die neuen und fremden Vorgesetzten. Der Streik dauert bis zum 14. August. Die Reko reagiert kompromisslos: mit Kriegsrecht, einem Belagerungszustand und etwa 200 Ausweisungen. Darunter nicht nur Beamte, sondern auch Professoren, Geistliche, Kaufleute, Lehrer, Bürgermeister, Rechtsanwälte, Ärzte und Redakteure. Menschen, die angeblich im Untergrund gegen die Reko arbeiten. Das saarländische Kommissions-Mitglied Alfred von Boch tritt hernach zurück.

Die Saarländer fühlen sich nach diesem Streik alleingelassen, sie schicken eine „Denkschrift über das Saargebiet“ nach Genf an den Völkerbundrat. Darin schreiben sie, dass sie nicht gegen den Völkerbund seien, sie wollen schlicht mitreden im Saargebiet, bestenfalls in einem Parlament. Es geht um Demokratie. Am 15. Oktober 1921 kommt es zu einer Großdemo im Saarbrücker Ludwigspark. Gleiches Thema: 40 000 Saarländer fordern ein Parlament, das sie gegenüber der Kommission vertritt. Genf reagiert und richtet im März 1922 den so genannten Landesrat ein. Er hat 30 Sitze – und nur eine beratende Funktion, aber kaum etwas zu sagen. Keine wirkliche Legislative. Im Juni 1922 wählen die Saarländer das Zentrum als stärkste Partei in den Rat.

Der nächste Streik naht. Ende 1922 kündigen die großen gewerkschaftlichen Bergarbeitervereinigungen fristgerecht den Tarifvertrag mit der französischen Grubenverwaltung. Gleichzeitig haben Franzosen und Belgier das Ruhrgebiet besetzt. Wegen ausbleibender Reparationen. Viele Industriearbeiter streiken daher im Ruhrgebiet. Die Saar-Bergleute dürfen nicht offiziell demonstrieren oder gar Solidarität zeigen. In Tarifauseinandersetzungen schon. Und da stecken sie ja gerade drin. Praktisch. So vermischen sich soziale und nationale Fragen. Am 5. Februar 1923 startet der Streik. Er soll bis 15. Mai 1923 laufen. 100 Tage – solange reicht die Streikkasse, die mit Geld aus dem Reich gefüllt ist. Der längste Streik auf deutschem Boden (der damals ein internationaler war). Wieder fackeln die Franzosen nicht lange: Ihre Truppen besetzen die Gruben, um den Betrieb mit Streikbrechern und französischen Arbeitern halbwegs aufrecht zu erhalten. Wieder Ausnahmezustand. 2000 Entlassungen. Die Grubenverwaltung wirft Hunderte aus ihren Wohnungen, da sie ihr gehören. Hütten, Straßenbahnen und Kraftwerke stehen teilweise still, da kein Koks mehr da ist. Mitte Mai verständigen sich die Gewerkschaftsvertreter mit der Grubenverwaltung auf einen Lohnzuwachs von 3,50 Francs – nur 50 Centimes über dem Angebot der Franzosen von Anfang Februar.

Der Streik ist dennoch ein Erfolg für die Saargebietler. Nicht nur die internationale Presse übt heftige Kritik an der Kommission, an den undemokratischen Zuständen. Am Armee-Einsatz. Das kanadische Kommissionsmitglied Richard Deans Waugh ist so sauer auf die Arbeit der Reko, dass er zurücktritt. Er kritisiert die „Rücksichtslosigkeit und Dummheit der Regierungskommission“. Die sich in naher Zukunft neu ausrichten muss. Der Völkerbundsrat in Genf will es so. Die Kritik scheint zu fruchten.

www.saarbruecker-zeitung.de/saargebiet

In der Saargebietzeit war die Bergwerksdirektion in Saarbrücken Sitz der französischen Bergwerksverwaltung. Hier ein Bild aus dem Jahr 1934 mit Blick in die Triererstraße. Foto: Stadtarchiv Saarbrücken
Streikbrecher auf dem Weg zur Zeche. Welche dies ist, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Fest steht, dass die saarländische Bergleute sind, die von französischen Soldaten zur Arbeit geleitet werden. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Diese Bekanntmachung der französischen Grubenverwaltung im Saargebiet stammt aus der Zeit des 100-tägigenBergarbeiterstreikes. "An die Belegschaft der Saargruben. Die Auszahlung der im Monat Februar 1923 verdienten Löhne, welche für den 15. und 16. März vorgesehen ist, findet an diesen Tagen nur für die in der Zeit arbeitenden Bergleute statt.". Foto: Landesarchiv des Saarlandes

Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission
Teil 5: Der Franc im Saargebiet