Das Saargebiet tanzt in den 1920ern wie in Berlin Charleston und hört Jazz.

Serie Das Saargebiet – Teil 13 : Mit Bubikopf ins Tanzcafé

Im Saargebiet tanzen die Damen und Herren in den 1920ern wie in Berlin Charleston und hören Jazzmusik. Auch hier lassen sich die Frauen die Haare kurz schneiden. Die Freizeit konnte damals ein rasantes Vergnügen sein.

Der Leib zittert, die Hüften kreisen, die Schenkel und der Hintern wackeln. Die Hände berühren hektisch Teile des Körpers wie in Ekstase. Abwechselnd X- und O-Beine, Knie und Füße drehen sich von innen nach außen – und zurück. Kaum ein Tanz ist so bezeichnend für die Zeit der 1920er wie der Charleston. Auch im Saargebiet zappeln die Menschen im Viervierteltakt. „Auch hier ist das Lebensgefühl der 20er angekommen“, erklären Jessica Siebeneich und Reiner Jung vom Historischen Museum Saar unisono. Beide haben sich die Zeit genauer angeschaut. Und präsentieren derzeit ihre Ergebnisse in der Ausstellung „Saarhundert“ im Museum in Saarbrücken.

Vor allem in Saarbrücken sind die 20er Jahre damals angekommen: Im Apollotheater gibt es Revuen und Varietéshows, in den Cafés treffen sich die wohlhabenden Saarbrücker zum Tanznachmittag, lauschen Jazzbands. So wirbt 1920 der Saarbrücker Continental Palast in der Saarbrücker Zeitung mit der Ankündigung: „Der Clou des Großstadtlebens in Paris-London-Saarbrücken ist die Jazz-Band“.

Rund um den Hauptbahnhof entstehen urbane Strukturen. Hotels und Restaurants eröffnen. 1924 zählt Saarbrücken 18 Cafés, wovon das Café Kiefer das größte Südwestdeutschlands sein soll. Die politische Sondersituation des Saargebietes befeuert diese Entwicklung, lässt eine großstädtisch-internationale Atmosphäre erblühen. Der Völkerbund hat seine Beobachter vor Ort, die internationale Presse ihre Journalisten. Der Regierungskommission gehören Kanadier, Briten, Italiener, Spanier, Dänen, Belgier und Finnen an. Dazu die vielen Franzosen. Im Beamtenapparat, in der Grubenverwaltung. Die Theater- und Museumslandschaft wächst. Die noch junge Stadt erlebt eine kulturelle Blüte.

Siebeneich, Historikerin und Ausstellungskuratorin, hat sich unter anderem das Freizeitverhalten der frühen Saarländer angeschaut: Jazz-Konzerte oder Charleston-Tanzveranstaltungen finden im Hotel Monopol statt, erzählt sie. Das Hotel ist modern, der Tanzsaal vom Architektenpaar Friedrich Zollinger und seiner Frau Freda Zollinger-Streiff gestaltet. „Oder das Café Clou, das Hotel Excelsior – das waren die besseren Häuser. Entsprechend war dort auch das Publikum“, erklärt Siebeneich. Nutten und Koks – wie in Berlin? „Es gab Prostitution hier, das wissen wir“, erklärt Sieb-
eneich. „Aber das lässt sich in einer Ausstellung nur schwer zeigen.“

Die Saargebietler, die sich die Cafés und teuren Hotels in Saarbrücken nicht leisten können, sind zum Circus, zu Ringkämpfen, zu Fußballspielen, zum Sport unterwegs. Auch damit hat sich Reiner Jung beschäftigt: Der Historiker und stellvertretender Direktor des Museums erklärt, dass es in Saarbrücken damals auch klassische Gaststätten für den Durchschnittsbürger gab. Auch Oktoberfeste feiern sie bereits damals: „Mit Festzelt, Ochs am Spieß, original Münchner Kapelle und großem Vergnügungspark“, erinnert Jung an die Zeit, in der auch Kirmesveranstaltungen en vogue sind. So war zum Beispiel am Sonntag, 9. Oktober 1927, der „Aufstieg mittels Riesen-Freiballons von Miß Elvira Wilson“ zu beobachten, wie die Saarbrücker Zeitung schreibt: „Ohne Korb an einer Strickleiter, Kopf nach unten hängend. Anschließend Ballonverfolgung mit Autos, Motorradfahrern etc.“.

Zur gleichen Zeit laufen im Union-Theater Filme: „Metropolis“ von Fritz Lang, „Faust“ mit Emil Jannings, „Chand“, der Film des Urwaldes, und „Alarm“, der große Feuerwehrfilm. „Das Kino hat die Gesellschaftsschichten damals vereint, dort gingen alle hin. Es war das populärste Medium dieser Zeit“, erklärt Jung. Allein in Saarbrücken gibt es sechs Kinos, aber auch auf dem Land gibt es sie. Viele Dörfer haben ihr eigenes Lichtspielhaus. Und ihre Kostüm- und Maskenbälle zur Faschingszeit. Die es aber auch in Saarbrücken damals gibt.

Im Saargebiet selbst ist vor allem das Wandern eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen. „Als Ausgleich zur industriellen Arbeitswelt“, wie Jung erklärt. R. Rudolf Rehaneck lässt in einem Vorwort zu seinem 1929 erschienenen Saarland-Wanderführer diese Naturliebe pathetisch in Worten aufblühen: „Umtost vom wahnsinnigen Geheul und Gestampfe der Maschinen, gehetzt im nervenpeitschenden Gewühle der Großstadt [...]. Im Unterbewusstsein aber dämmert ihm eine Erkenntnis, die sich allmählich durchringt in das unbändige Sehnen: wirkliche Erholung in herzerfrischender Wald- und Höhenluft zu finden, losgelöst von aller Hast und Unruhe in Muße den Blick auf das lachende Blau des unendlichen Himmels zu lenken – die Sehnsucht nach dem köstlichen Frieden der Allmutter Natur!“ Mit anderen Worten: Echte Erholung gibt es nur in der Natur.

Die Ausflugsziele ähneln den heutigen: die Saarschleife in Mettlach, die Abteikirche in Tholey. Der Schaumberg, der höchste Berg des Saargebietes, ist eines der Highlights. Ab 1928 gibt es dort eine Jugendherberge. Seit 1930 steht dort ein Aussichtsturm (1976 durch den heutigen ersetzt). Auch im Saarkohlenwald rund um Saarbrücken stehen Ausflugsgaststätten für Wanderungen. Zum Beispiel die Simbacher Mühle, der Pavillon Maurice oder das Forsthaus Neuhaus. Wanderer aus Merchweiler, Wemmetsweiler und Heiligenwald treffen sich bei Steigershaus, an der Illinger Burg oder auf der Erkershöhe. Neben Wandervereinen gibt es natürlich noch weitere: Musikvereine, Theater, Sport. „In den Vereinen sind damals häufig Menschen verschiedener Schichten“, erklärt Jung. Vor allem im Industriegürtel. In Friedrichsthal, Merchweiler und Quierschied „leben die verschiedenen Gesellschaftsschichten eng beieinander und treffen sich daher auch in den Vereinen“, erklärt Jung.

Wobei die Frauen dort sicher auch mal mit Bubikopf aufgelaufen sind. Oder im Taillenkleid. Die Mode ist damals nicht nur in Saarbrücken angekommen. Zu den Frühjahrsmodenschauen strömen die Damen, dazu kommt, dass das Saarbrücker Passage-Kaufhaus (PK) einen Lieferservice hat, seine Mode bis nach Saarlouis und in die umliegenden Landkreise fährt. Die Kleider sind damals „schon etwas sackartig, weniger figurbetont, eher praktisch“, erklärt Siebeneich. „Im Gegensatz zu den Korsetts und Unterröcken, die zuvor die Mode bestimmt hatten, ist diese Kleidung einfach besser für das Alltags- und Arbeitsleben geeignet.“ Und sie ist bezahlbar. In den Kaufhäusern gibt es verschiedene Preisstrukturen, „man konnte auch das Kleid von der Stange kaufen“. Im PK, im Kaufhaus Weil. Und die selbstbewusste Frau? Jung: „Ja, es gab auch hier schon Persönlichkeiten, die dem Ideal der selbstbewussten, unabhängigen ,neuen Frau’ nahekamen.“ Doch nicht jede mit Bubikopf und Charlestonkleid sah sich im neuen Rollenverständnis. „Viele wollten doch lieber den ,abgesicherten‘ Weg mit einer Ehe. Die meisten Frauen, die arbeiten gegangen sind, mussten arbeiten. Nicht, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollten, sondern weil ihnen nichts anderes übrig blieb“, erklärt Siebeneich. Emanzipiert und selbstbestimmt waren nur ganz, „ganz wenige Frauen hier“. Akademikerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen. Frauen aus guten Verhältnissen. Wie Angela Braun-Stratmann, Frauenrechtlerin, Journalistin und Politikerin der SPD, langjährige Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt im Saargebiet. Und Frau von SPD-Chef Max Braun. Sie konnte sicher auch Charleston tanzen.

Ein Paar bei der Fastnachtsfeier des Kaufmännischen Vereins im Café Kiefer, 1930.
Saarländer vergnügen sich auf der Kirmes in Burbach im Jahre 1932. Foto: Landesarchiv des Saarlandes/Nachlass Walter
Ein Paar bei der Fastnachtsfeier des Kaufmännischen Vereins im Saarbrücker Café Kiefer, 1930.
Die Menschen Kirmes in Burbach im Jahre 1932. Foto: Landesarchiv des Saarlandes/Nachlass Walter. Foto: Landesarchiv des Saarlandes/Nachlass Walter

Alle bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920
Teil 3: Der Versailler Vertrag
Teil 4: Krawalle und Kommission
Teil 5: Der Franc im Saargebiet
Teil 6: 100 Tage Streik
Teil 7: Die Jahrtausendfeier
Teil 8: Die Wirtschaftskrise
Teil 9: Hitler und seine Folgen
Teil 10: Die Einheitsfront
Teil 11: Die Wahl
Teil 12: Die Kohle