Das Saargebiet: Eine Serie zum 100. Geburtstag des Saarlandes

Serie Das Saargebiet – Teil 1 : Der Ursprung des Saarländers

Am 10. Januar 1920 ist der Versailler Vertrag in Kraft getreten. Damit ist auch das Saargebiet geboren. Warum und Wie? Nicht nur diese Fragen beantwortet unsere neue Serie. Sie heißt: das Saargebiet.

Es geht um das, was bleibt. Von dieser so genannten Völkerbundszeit im Saargebiet. Offiziell startet sie am 10. Januar 1920, enden wird sie 1935. So heißt es im Versailler Vertrag. Dieser Friedensvertrag, der nach dem Ersten Weltkrieg alle Probleme der Menschen lösen soll und will – und doch fast nur Zwietracht sät. Kaum eine Nation ist damals wirklich einverstanden mit dem Vertrag. Die deutschen Kriegsverlierer nicht, die Briten nicht, der US-Kongress ist gar dagegen, die Russen dürfen nicht mitreden. Die Franzosen sind auch nicht mit dem Vertrag d’accord. Und auch die Menschen an Saar und Blies sind unzufrieden. Schließlich sind sie nun keine Deutschen mehr, keine Preußen oder Bayern mehr. Und das waren sie die vergangenen 105 Jahre durchgehend. Nun sind sie gefühlt nichts mehr. Sie sind jetzt Bewohner eines politischen Gebildes, dem der Vertrag Grenzen gibt, die den heutigen des Saarlandes ähneln. Ein Landstrich, der ab Januar 1920 15 Jahre unter der Verwaltung des Völkerbundes stehen soll, der die Ausbeutung seiner Gruben als Reparationszahlung von den Franzosen zulässt. Vertragstreu.

In dieser nationalaufgeladenen  Gemengelage entsteht im Saargebiet auf 1912 Quadratkilometern unter den 770 000 Einwohnern ein Wir-Gefühl. Mehr noch. Was sicher von dieser Zeit bleibt, ist der Saarländer. Er findet damals zu seiner Identität – obwohl sie viel untereinander streiten. Fühlen sie sich gerade deshalb als Gemeinschaft?

Vor allem in den zwei Jahren vor der Abstimmung 1935 streiten sie untereinander. Bei der Wahl dürfen die Saargebietler laut Versailler Vertrag abstimmen, ob sie zurück ins Deutsche Reich wollen, ob sie Franzosen sein wollen – oder ob sie einfach weiter unter einer Völkerbundsverwaltung leben wollen. Sie entscheiden sich am 13. Januar für „Heim ins Reich“. Mit über 90 Prozent der Stimmen. Trotz oder wegen Hitler?

Diesen und weiteren Fragen geht unsere Serie über das Saargebiet nach. Sie stellt auch die Frage, wie in den wenigen Jahren ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wachsen kann. Wie entsteht eine Gesellschaft? Warum ist der oft kritisierte Versailler Vertrag so etwas wie die Geburtsurkunde des schönsten Bundeslandes der Welt? Und warum liegt dessen Wiege nicht im Département de la Sarre oder in der Province de la Sarre ein paar Jahrhunderte früher.

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, zeichnen wir in unserer Serie die Saargebietszeit nach. Wir erzählen vom Einmarsch der Franzosen, von Moscheen in Saarbücken, von der Übernahme der Gruben, von Spartakus-Krawallen, von einem 100 Tage lange dauernden Bergarbeiterstreik. Von der Jahrtausendfeier der Rheinlande an der Saar. Warum und wie der Franc Währung im Saargebiet wurde. Was war eigentlich mit der Inflation der Mark? Der Weltwirtschaftskrise? Und dann Adolf Hitler? Warum laufen ihm die Saarländer nach? Warum hören sie damals nicht auf Max Braun, Johannes Hoffmann (der spätere Saar-Ministerpräsident) oder Fritz Pfordt, auf die großen saarländischen (und immer noch wenig gewürdigten) Antifaschisten, die vor Hitlers Regime mit klarem Blick und weiser Voraussicht gewarnt haben? Und was war mit den Bergleuten? Den Hüttenarbeitern? Warum wollten fast alle zurück ins Reich? Warum machen die Katholiken alles mit? Wie sah die Zeit der Populisten und Nationalisten wirklich aus? Wie heute? Antworten finden sich in der Geschichte und den Geschichten, die wir nacherzählen. Meist geben sie politische Antworten, auch mal wirtschaftspolitische. Und natürlich soziale. Antworten, die bis ins Heute wirken.

Ausgangspunkt der Serie sind aber auch Fragen zum Alltag, zum Privaten. Oder: Wie sahen die Goldenen 20er, die „Golden Twenties“, im Saargebiet aus? Gab es hier Charleston? Drogen und Prostitution? Hedonistisch? Oder doch eher biederes Vereinsleben? Was ist mit der Mode? Wie sieht der Alltag im Saargebiet aus? Diese Fragen sind die Leitplanken für fünf Serienteile zum Ende unserer Reise durch die Geschichte des Saargebietes. Eine Reise in die Kinderstube unseres Bundeslandes.

Die wir nicht alleine antreten. Auch die Landesregierung feiert das Jubiläum des Versailler Vertrages als Geburtsurkunde des Saarlandes. Sie stellt ihre Veranstaltungen unter das Motto „Saarhundert“. Eine Feierstunde wird es am 10. Januar 2020 geben. Dazu hat sie eine Wanderausstellung geplant, die in allen Kommunen gezeigt werden könne.

Im Historischen Museum Saar in Saarbrücken läuft bereits eine Ausstellung zum Thema. Bis zum 24. Mai 2020 können Sie sich auch dort sehenswert über das Alltagsleben der Saargebietler informieren. Die Ausstellung nennt sich „Die 20er Jahre –  Leben zwischen Tradition und Moderne im internationalen Saargebiet“. Warum international? Ziemlich viele Fragen für lediglich 15 Jahre. Oder waren es doch 16? Wir werden sehen.

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