Als das Saargebiet auf dem Verhandlungstisch in Versailles liegt

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Das Saargebiet – Teil 3 : Die Geburtsurkunde des Saarlandes

Vielen Deutschen galt der Versailler Vertrag als Dokument „der Schande“. Für die Saarländer ist das Datum der Unterzeichnung die Geburtsstunde ihres Landes. Zum Ärger der Franzosen.

Die Saarländer gibt es noch nicht, als die Verhandlungen im Januar 1919 in Versailles beginnen. Zwei Monate nach dem Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs liegt das Schicksal Deutschlands auf dem Verhandlungstisch in Frankreich. Mehr noch. Eine neue Weltordnung wollen die 32 Teilnehmerländer dort niederschreiben. Einen Völkerbund wollen sie gründen, neue Grenzen sollen sie ziehen, Streitigkeiten schlichten. Frieden für alle heißt das Ziel.

Paris ist voller Diplomaten. Tausende. Sie beraten, diskutieren. Serben und Rumänen streiten, Chinesen und Japaner. Die Polen wollen Danzig, die Griechen Smyrna. Die Araber fordern Unabhängigkeit, Belgien will Ostafrika, Tschechen und Slowaken wollen wachsen, Ukrainer, Kurden und Armenier die Unabhängigkeit. Und da ist ja noch das Schicksal der Saarländer. Auch darüber soll der Friedensvertrag bestimmen. Bis dato sind die Saarländer Preußen oder pfälzische Bayern. Deutsche, die gerade unter der Besatzung der Franzosen stehen.

Was tun mit ihnen, mit den Deutschen? Die großen Vier verhandeln in Versailles. Im Hinterzimmer. Frankreich, Großbritannien, die USA, dazu Italien. Deutsche und Russen haben am Tisch nichts zu sagen. Wichtig zu wissen ist, dass sich England im Krieg bei den Amerikanern fünf Milliarden Dollar geliehen hat. Frankreich vier Milliarden. Eine Menge Geld damals. Sie sind abhängig vom starken Mann am Tisch: von US-Präsident Woodrow Wilson. Fest steht auch: Deutschland wird zahlen müssen.

Der Versailler Vertrag. Das Dokument aus dem Jahre 1919 gilt als Geburtsurkunde des Saarlandes. Foto: Auckland War Memorial Museum

Für Wilson ist die Selbstbestimmung der Völker mit der wichtigste Baustein für einen dauerhaften Frieden. Einen, der keine Rache fordert. Eine gerechte Friedensordnung. Frei von Eigennutz und geheimer Machtdiplomatie. Dafür will Wilson sich in Versailles einsetzen. Ein Idealist. Für Italien verhandelt Ministerpräsident Vittorio Orlando. Er will Gebiete in Südtirol und einen Streifen Küste in Dalmatien.

Der britische Verhandlungsführer ist David Lloyd George, Premierminister, 56 Jahre alt, ein Mann zwischen dem Wunsch nach einer guten Lösung für Europa – und seiner eigenen Wiederwahl in England. Dort hat er im Wahlkampf versprochen, in Versailles die „deutsche Zitrone auszupressen, bis die Kerne quietschen“. Was er aber nicht kann und will, da er Deutschland als künftigen Handelspartner nicht allzu sehr schwächen will. Außerdem braucht er ein lebensfähiges Deutschland als geopolitisches Pfand. Gegen das erstarkende Russland. Als Puffer zum Bolschewismus. Wie viel Militär braucht Deutschland dafür?

Dass Deutschland überhaupt noch Militär bekommen soll, ist für Frankreichs Verhandlungsführer Georges Clemenceau ein Graus. 1,4 Millionen tote französische Soldaten im Ersten Weltkrieg. Die Deutschen haben 4000 französische Ortschaften in Trümmern gelegt, 20 000 Fabrikanlagen haben sie demontiert oder zerstört, Hunderte Schachtanlagen geflutet. Deutschland hat zwar zwei Millionen tote Soldaten zu beklagen, ist aber nahezu unversehrt. Der militärische Verlierer Deutschland droht als wirtschaftlicher Sieger aus dem Krieg rauszukommen. Nicht mit Clemenceau. Von dem damals 77-jährigen Ministerpräsidenten heißt es, er wolle aufrecht stehend begraben werden, das Gesicht dem verhassten Deutschland zugewendet. Sein Ziel in Versailles: Sicherheit vor den Deutschen und Entschädigung. Selbstverständlich für ihn ist die Rückgabe des Elsass’ und Lothringens. Auch die Saar will er. Dort hat er bereits die Gruben übernommen und eine Militärverwaltung eingerichtet. Schonmal vorab. Motto: Der Versailler Vertrag wird das schon bestätigen.

Zumal die Franzosen zunächst mehr wollen. Sie wollen den Rhein als natürliche Grenze aufbauen. Am rechten Rheinufer wollen sie eine
50 Kilometer breite und entmilitarisierte Zone einrichten, auf dem linken eine selbstverwaltete rheinische Republik. Als Puffer zwischen Frankreich und dem Erbfeind. Deutschland soll links des Rheins Geschichte sein. „Ein verrückter Vorschlag“, kontert US-Präsident Wilson: „Ich würde mich lieber auf der Straße steinigen lassen, als dem zuzustimmen.“ Widerspricht diese Idee doch vehement seinem Postulat zur Selbstbestimmtheit der Völker. Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Scheitern. Bis die Franzosen zurückrudern und einen neuen Vorschlag unterbreiten: eine zeitlich begrenzte Besetzung des Rheinlandes. Mit Abzug nach spätestens 15 Jahren – wenn die Deutschen denn vertragstreu sind.

Teile der Saar wollen die Franzosen hingegen weiterhin; fordern, die Grenzen von 1814 festzuschreiben. Also Saarlouis und Saarbrücken zu Frankreich. Die Grenzen von 1814 seien „le minimum, que la France doit revendiquer“. Für das Kohle- und Industriebecken nördlich dieser Linie soll ein politisches Sonderregime her; ohne Einfluss der Deutschen, dazu sollen die Gruben in beiden Zonen in französischen Staatsbesitz übergehen.

Während der britische Premier David Lloyd George bereit ist, dem politischen Sonderstatus für das Saargebiet zuzustimmen, widersetzt sich Wilson. Angesichts der von den Deutschen im Ersten Weltkrieg zerstörten 220 nordfranzösischen Schachtanlagen akzeptiert der US-Präsident lediglich eine zeitlich befristete Ausbeutung der saarländischen Minen. Ein politisches Sonderregime will er nicht. Auch nicht, als die französischen Verhandlungsführer behaupten, dass im Saargebiet 150 000 selbstbestimmte Franzosen leben würden. Eine unhaltbare Aussage. Frankreich schreibt die Annexion ab, besteht in den Verhandlungen aber weiter auf den Saargruben.

Der Kompromiss ist am 9. April 1919 gefunden und später in den Artikeln 45 bis 50 des Vertrages niedergeschrieben. Im „Bassin de la Sarre“ soll ab 1920 eine Regierungskommission das Sagen haben, die dem Völkerbund untersteht. 15 Jahre lang. 1935 sollen die Einwohner über ihr künftiges politisches Schicksal selbst entscheiden. Ob sie Franzosen sein wollen, Deutsche, oder unter dem Völkerbund verbleiben wollen. Dazu dürfen die Franzosen die saarländischen Gruben ausbeuten. Auch 15 Jahre lang.

Doch wo sind die Grenzen dieses Saargebiets? Auch die muss der Vertrag zunächst mal festlegen. Hierfür nehmen die Unterhändler Saarbrücken, Ottweiler, Saarlouis, Merzig und St. Wendel aus Preußen. Dazu ein wenig Bayern wie St. Ingbert und Teile von Homburg. Fertig. Das „Saarbecken“ erstreckt sich über 1912 Quadratkilometer. Ohne jegliches historisches Vorbild. Im Wesentlichen deshalb, damit die Wander-Arbeiter im Saarkohlenbecken keine Grenzübertritte haben. Die etwa 770 000 Einwohner sind nun eine politische Einheit, und das „Territoire du Bassin de la Sarre“ ist so etwas wie die Urzelle des Saarlandes. Auch wenn die Menschen das gar nicht wollen. Sie wollen zurück ins Reich.

Das ist nach dem Versailler Vertrag geschockt. Deutschland verliert 13 Prozent seiner Fläche, zehn Prozent seiner Bevölkerung, 26 Prozent seiner Steinkohleförderung und
38 Prozent der Stahlproduktion. Dazu sind die Deutschen laut Vertrag allein am Krieg schuld – das sehen sie damals und heute (wieder) anders. Dazu sollen sie den Siegern noch Geld zahlen. Wie viel steht damals noch nicht fest. „Der lange Vertragstext wäre ganz unnötig gewesen“, sagt Deutschlands Außenminister Ulrich von Brockdorff-Rantzau resigniert: „Sie hätten auch einfach schreiben können: Deutschland gibt sein Recht zu existieren auf.“ Die Franzosen sind auch nicht zufrieden mit dem Werk, da sie ihre Ziele nicht durchsetzen. Wilson ist es nicht, da er seine Ideale nicht überall in den Vertrag schreiben kann. Und weil der Kongress in den USA es ablehnt, den Versailler Vertrag zu unterschreiben. Am
28. Juni 1919 unterzeichnen die Deutschen den Vertrag dennoch. Widerwillig zwar – und unter der Drohung, dass die Franzosen nach Berlin marschieren, doch sie unterschreiben. Das Saargebiet ist geboren.

www.saarbruecker-zeitung.de/saargebiet

Die bisherigen Serienteile:
Teil 1: 100 Jahre Saarland
Teil 2: Die Zeit von 1918 bis 1920