Die Kirche St. Hedwig in Sulzbach-Neuweiler : Wo Licht die Strenge bricht

Die Kirche St. Hedwig in Sulzbach-Neuweiler : Wo Licht die Strenge bricht

Die Architektur des Neuanfangs nach dem zweiten Weltkrieg. Als der Meister-Architekt Gottfried Böhm 1954 die katholische Kirche St. Hildegard in Sulzbach-Neuweiler erbaute, war er noch ein Niemand. Der Küster Karl Malter (82) erinnert sich.

Wie eine „feste Burg Gottes“ ragt die Südseite von St. Hildegard aus einem naturhaft belassenen Grashang wie der fensterlose Turm einer Ritterburg. Die roh bearbeiteten Sandsteine stammen, so wird erzählt, aus der 1952 geschlossenen Grube Mellin in Sulzbach, vom abgerissenen Maschinenhaus. Das Raum hohe, über 14 Meter gestreckte Fensterband, das sich im Innern der Kirche als blau leuchtende Hauptattraktion erweist, wurde nach außen nahezu gänzlich versteckt. Mehr Schlichtheit geht kaum.

Im Mittelalter hatte jede Burg ihren Wächter. St. Hildegard hat mehr als das. Die katholische Kirche hat einen zärtlichen Kümmerer. Er heißt Karl Malter, ist 82 Jahre alt und seit 1954, seit der Planungsphase, mit dem Gebäude in Sulzbach-Neuweiler vertraut. Um dessen bauliches Wohlergehen sorgt Malter sich – ja, wie ein Vater. Oder wie ein typischer Saarländer. Über die architektonischen Qualitäten oder Eigenwilligkeiten der Inneneinrichtung, die auf einen der berühmtesten deutschen Architekten, auf Gottfried Böhm (Jahrgang 1920) zurückgehen, spricht er eher am Rande. Etwa über die Trapez-
form des Saales, dessen Wände sich bis zum Chor verengen und eine geradezu soghafte Perspektive erzeugen. Oder über die Dynamik, die sich zwischen der rohen Material-Anmutung und strengen Formensprache sowie der üppigen Ornamentik entwickelt. Nein, bei Malter geht es ums Anpacken und darum, wie er die freiwillige Feuerwehr mit zwei Kästen Bier und einer Flasche Schnaps dazu motiviert, die Leuchten der gigantischen Lampenanlage auszutauschen. Seit 38 Jahren übt Malter an der Seite seiner Frau Hildegard das Küsteramt aus, seit 1994 offiziell, damals ging er in Rente. Netzwerken ist sein Talent, das Gewinnen von Sponsoren für Teppiche in der Grabkapelle oder für die steinerne Bank der Messdiener oder von Mitstreitern für die selbst gebaute Weihnachtskrippe. Sie ist sein ganzer Stolz.

Malter, der 12 Jahre lang Messdiener und 22 Jahre lang Sternsinger war, erinnert sich an jeden der acht Pfarrer der vergangenen 65 Jahre und an unzählige Begebenheiten. Insbesondere aus Zeiten, in denen die Gruben und Hütten noch brummten und die Arbeiter sonntags morgens um 7.30 Uhr zum ersten Gottesdienst erschienen - direkt von der Nachtschicht. Die Gemeinde saß dann bereits in den Bänken, doch die Männer, 50, 60 waren das, wollten meist noch eine rauchen, um sich wach zu halten. „Da ging Pastor Albert André raus und hat ihnen vor der Tür die Predigt gehalten“, berichtet Malter. Dicht am Gemeindeleben sind die Erinnerungen von Malter, nur zu Gottfried Böhm fällt ihm wenig ein. Dessen Karriere stand damals, als St. Hildegard geplant wurde, noch ganz am Anfang. Der Kölner Architekt, sagt Malter, sei selten vor Ort gewesen; die Bauleitung übernahm ein hiesiger Kollege.

„Wir hatten uns vorher Böhms Kirche St. Albert auf dem Saarbrücker Rodenhof angeschaut. Ich war begeistert, aber nicht alle Gemeindemitglieder fanden Böhms Ideen gut.“ Der wiederum war wenig erfreut, als er – zu spät – feststellen musste, dass die Glasfenster hinter der Apsis, die er entworfen hatte und die im Wechsel die sieben Sakramente von der Taufe bis zur letzten Ölung symbolisieren sollten, mitunter in der falschen Reihenfolge eingebaut worden waren. Doch wer außer Malter wollte das heute noch bemerken?

Er heiratete 1962 in St. Hildegard, erlebte hier die Taufen seiner beiden Söhne. Wobei die nicht in der dafür vorgesehenen Taufkapelle unter dem Altarraum stattfanden. Der unbeheizbare Raum blieb auf Dauer ungenutzt, nachdem an Weihnachten 1957, als die erste Taufe gefeiert werden sollte, das Taufwasser gefroren war.

Die Innengestaltung ist keineswegs aus einem Guss, zwar hat Böhm die Atmosphäre prägende blaue abstrakte Glasfront im Süden entworfen, doch auch der Glaskünstler Rolf Link ist mit seiner sakralen Kunst sehr präsent. Rot und Grün kommen durch dessen 14 farbprächtige, jedoch recht kleinformatige Fenster an den Seitenwänden ins Spiel. Sie illustrieren den Kreuzweg Jesu. Ein weiteres biblisches Motiv findet sich über dem Nordportal, in Raumbreite, der „Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen“. Außerdem kamen über die Jahre zu Links Glasmosaiken noch weitere Bild-Elemente hinzu, sechs großformatige, naiv anmutende „Hungertücher“. Eines davon liegt Malter besonders am Herzen, es stammt von brasilianischen Frauen, die am Frankfurter Flughafen wegen Drogenschmuggels festgesetzt wurden. Im Gefängnis fertigten sie das Fastentuch, dessen Rosen-Symbolik an die mildtätige Elisabeth von Thüringen erinnert. „Die Frauen haben das mit den Drogen für ihre armen Familien in der Heimat getan“, sagt Malter und wirkt sehr nachdenklich.

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Der Altarraum wurde in den 70er Jahren umgestaltet. Von Gottfried Böhm stammt die Farb- und Motivkomposition der Glasfront. Das Blau betont den dunkel-warmen Sandstein-Ton  der Wände. Foto: Robby Lorenz
Der ursprüngliche Glockenturm wurde 2005 abgerissen und durch diesen ebenfalls von Böhm gestalteten Turm vor der Kirche ersetzt. Foto: Robby Lorenz
Ein Glaselement in der Taufkapelle. Es wurde von Rolf Link entworfen. Foto: Robby Lorenz
Eines der drei Portale von St. Hildegard von Georg Probst aus München. Thematisiert werden Schöpfung, Sünde, Erlösung. Foto: Robby Lorenz
Vom Saarländer Ernst Alt stammen die dramatische Pietà und der bronzene Tabernakel in Form eines Brotkorbes. Foto: Robby Lorenz
Küster Karl Malter (82) hat den Kirchenbau von der Planung an verfolgt. 1954 war er Messdiener. Foto: Robby Lorenz
Die Grabkapelle der Kirche St. Hildegard für Pfarrvikar Friedrich Klein, der kurz nach der Grundsteinlegung für den Kirchenneubau 1956 starb. Foto: Robby Lorenz

Alle bisherige Teile:
Teil 1: St. Albert, Saarbrücken

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