Serie Nachkriegsmoderne in der Region – Teil 1: Kleines „Paradies“ auf dem Saarbrücker Rodenhof

Serie Nachkriegsmoderne in der Region – Teil 1 : Kleines „Paradies“ auf dem Saarbrücker Rodenhof

Wir stellen die Architektur des Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg im Saarland vor. Heute, Teil 1: Die Kirche St. Albert in dem Saarbrücker Stadtteil Rodenhof, die der Kölner Architekt Gottfried Böhm erschuf.

Die Tür zum Paradies klemmt. Deshalb führt Annemarie Madenach ihre Besucher über einen Umweg in die Kirche St. Albert in Saarbrücken. Und nicht über die Eingangshalle, „das sogenannte Paradies“, wie die 85-Jährige sagt.

Kaum jemand dürfte mit dem katholischen Gotteshaus auf dem Rodenhof, eingeweiht 1954, so vertraut sein wie Madenach. Seit dem ersten Tag geht sie in diesem Tempel der Nachkriegsmoderne ein und aus, sie gehörte dem Pfarrgemeinderat an, war lange dessen Vorsitzende. „Man ist schon in der Kirche zu Hause“, sagt sie. „Aber nicht nur ich, sondern meine Generation.“

Als Jugendliche faltete Madenach zu Hause sorgsam die Baupläne für St. Albert. Denn ihr Vater Hans, damals im Kirchenvorstand, fungierte von 1948 und 1955 als Bauleiter, zunächst für das Pfarrheim, ab 1952 beim spektakulären Kirchenneubau. „Ehrenamtlich“, wie Madenach betont. Also in seiner Freizeit, die eigentlich der Familie gehörte. Doch die packte mit an. Auch die Tochter, geboren 1934.

„Ich kann mich erinnern, dass wir Mörtel von den Steinen geklopft haben“, sagt Annemarie Madenach. 1944 war die vorherige Kirche auf dem Rodenhof, erst fünf Jahre alt, von acht Sprengbomben zerstört worden. Nach 1945, in den ersten Nachkriegsjahren, klaubten Gemeindemitglieder in Kleinstarbeit die Ziegelsteine aus den Trümmern, säuberten sie. Für das Pfarrheim, aber auch die Krypta der neuen Kirche St. Albert – ein frühes Meisterstück des Architekten und Bildhauers Gottfried Böhm (geb. 1920) aus Köln.

1986 erhielt Böhm den Pritzker-Preis, die wohl renommierteste Auszeichnung für Architekten weltweit. Im Saarland lassen sich einige seiner Werke bewundern, aus mehreren Jahrzehnten. Wohl am bekanntesten ist der von ihm entworfene Mittelrisalit des Saarbrücker Schlosses. Die besondere Beziehung zwischen der Grenzregion und dem internationalen Stararchitekten begann auf dem Rodenhof mit St. Albert. Diesen Kirchenbau könne er nicht gut verheimlichen, hat Böhm einmal gesagt. Zu spektakulär ist er.

Weithin sichtbar ist der schlanke, beinahe freistehende Glockenturm aus Stahlbeton, dreißig Meter hoch. „Ich war mit meinem Vater auf dem Dach des Turms“, erinnert sich Annemarie Madenach an die Bauzeit. Und schiebt nach: „Natürlich war da ein Gerüst drumherum.“ Als „Grubenlampe“ ist der Turm geschmäht worden, berichtet sie. Im Oval des Kirchenbaus, überragt von Betonstützen, erblickten manche einen Gasometer. „Bei so einem Extrembau ist das normal“, sagt Madenach über die kühne Modernität von St. Albert. Wie fand ihr Vater die Entwürfe von Gottfried Böhm? „Der war begeistert.“

Denn der Neubau war eine Maßanfertigung für eine Gemeinde, deren Pfarrer Heinrich Massing (1901–1971) sich der liturgischen Bewegung verschrieben hatte. Der Geistliche wollte die Gläubigen um den Altar versammeln, sie ansprechen und einbinden, statt ihnen den Rücken zuzukehren. Das erklärt das Oval des Kirchenraums, die Konzentration auf den Altar – den Lieblingsort von Madenach.

„Massing hat die Gemeinde nicht nur geprägt, sondern in den Bau mitgenommen“, erklärt sie. So schufen sich die Menschen auf dem Rodenhof eine neue Kirche – im doppelten Sinn. Aus den Entwürfen von Böhm entwickelte sich ein Gemeinschaftswerk. Kann Architektur den Glauben formen? Für Madenach ist das so. Und der Glaube forme Architektur, sagt sie. Das ist in St. Albert zu besichtigen.

Seit 1993 steht die Kirche unter Denkmalschutz. Trotzdem bangen in der Gemeinde einige Gläubige um das Bauwerk, wegen der Pfarreireform im Bistum Trier. Sie befürchten nichts weniger als die Vertreibung aus ihrem Paradies.

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Hier geht es zur Bilderstrecke: St. Albert – ein architektonisches Meisterwerk auf dem Rodenhof