Georges-Henri Pingusson in Boust: Rundes Gotteshaus mit Strahlkraft

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Nachkriegsmoderne in der Region – Teil 5 : Rundes Gotteshaus mit Strahlkraft

Im lothringischen Boust plante Georges-Henri Pingusson nach dem Zweiten Weltkrieg seine erste kreisförmige Kirche. Damit setzte er eine umstrittene Vision um.

Geplant war der Parkplatz nicht, sondern dem Architekt ein Dorn im Auge. Den steilen Weg bis zur Kirche St. Maximin im lothringischen Boust sollte der Besucher zu Fuß laufen und so seine Seele freimachen, um die Botschaft Gottes zu empfangen. Doch egal, ob zu Fuß oder mit dem Auto, der Weg zu St. Maximin lohnt sich. Hier plante der Architekt Georges-Henri Pingusson die erste runde Kirche Frankreichs mit dem Altar in der Mitte als Ersatz für die alte Usselkirch, die 1940 durch Bomben zerstört wurde.

„Diese Gestaltung für die neue Kirche sollte an die Tradition der Urchristen erinnern, war aber in den 60er Jahren, als die Kirche gebaut wurde, nicht unumstritten“, erklärt Alfred Munsch vom Förderverein für das kulturelle Erbe der Gemeinde Boust. „Doch Pingusson hat sich nicht reinreden lassen, er hat es durchgezogen und seinen Traum umgesetzt.“ Das imponiert Munsch, der gerne Menschen durch den Bau führt. Dabei war der ehemalige Lokführer für dieses Ehrenamt nicht unbedingt prädestiniert. „Eigentlich bin ich Protestant, also habe ich in einer katholischen Kirche nichts zu suchen“, scherzt er. Doch er habe sich in das atypische Bauwerk verliebt – auf den zweiten Blick. „Je öfter ich komme, je mehr gefällt mir die Atmosphäre hier. Man muss mehrmals kommen, um das hier zu schätzen.“ Das tun aber nur noch die wenigsten. „In den 60er Jahren wurden sogar noch unter der Woche Messen hier gehalten, in der Krypta“, berichtet Munsch. Heute finde nur noch ein Mal monatlich hier ein Gottesdienst statt – und höchstens ein paar Beerdigungen.

Auch Touristen kommen selten. Dabei ist St. Maximin nicht alleine seiner runden Architektur wegen so besonders. „Die Decke mit ihren Falten aus Stein soll an ein Beduinenzelt erinnern. Und das blaue runde Kirchenfenster, das ist einmalig“, schwärmt Alfred Munsch. 24 Platten sind an einander gereiht, die vom italienischen Künstler Silvano Bozzolini, einem Vertrauten Pingussons, gestaltet wurden. Sie stellen das Leben Jesu auf Erden und nach seinem Tod die Anfänge des Christentums dar. 22 von ihnen sind dunkelblau, zwei weiß, um so Tageslicht in das Gebäude durchzulassen.

Alfred Munsch engagiert sich in einem Förderverein für das kulturelle Erbe der Gemeinde Boust. Foto: Robby Lorenz

Seit 2014 steht die Kirche unter Denkmalschutz. Ein Fluch und ein Segen zugleich für ein Gebäude, dessen Instandhaltung sich als schwierig erweist. Der alte Zement der 60er Jahre zerfällt nach und nach. Doch die Auflagen für jegliche Reparaturarbeiten sind sehr streng. „Man darf nicht mal mehr auf dem Vorplatz mit dem Kärcher sauber machen“, sagt Munsch. Als die Skulptur an der Mauer vor der Kirche einen Finger verlor, rückten die Steinmetze aus Paris an. Doch die strengen Regelungen haben auch was Gutes. „Die zuständige Behörde konnte verhindern, dass ein riesiger unpassender Kronleuchter über dem Altar angebracht wurde, der den ganzen Bereich entstellt hätte“, erzählt er. Eine schlechte Luftzirkulation, feuchte Wände, fehlende Regenrinnen: „Die Kirche hat Macken, aber sie bleibt die großartige Vision Pingussons.“

Die ursprüngliche Vision des Architekten ging noch weiter. Rund um die Kirche hatte Pingusson ein Schwimmbad, einen Sportplatz und eine Jugendherberge geplant. „Er wollte aus diesem Ort das Zentrum der Gemeinde machen.“ Doch damals wie heute war die Kommune knapp bei Kasse. Tatsächlich gebaut wurde lediglich die Kirche St. Maximin. Ihre Türe öffnet Alfred Munsch immer wieder gerne – auch für deutsche Besucher. Die nächste Gelegenheit, einen Blick hinein zu werfen, gibt es am kommenden Sonntag, 22. September, am Tag des offenen Denkmals.

Alle bisherigen Teile der Serie unter: https://www.saarbruecker-zeitung.de/nachkriegsmoderne
Teil 1: St. Albert, Saarbrücken
Teil 2: St. Hildegard, Sulzbach-Neuweiler
Teil 3: Mügelsbergschule, Saarbrücken
Teil 4: St. Ludwig, Saarlouis

Hier geht es zur Bilderstrecke: Rund, blau und modern: Die Kirche St. Maximin in Boust

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