Serie Nachkriegsmoderne – Teil 3: „Dieses Gebäude hat wirklich eine Seele“

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Nachkriegsmoderne – Teil 3 : „Dieses Gebäude hat wirklich eine Seele“

2500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Saarbrücker Mügelsbergschule. Sie werden in einem denkmalgeschützten Gebäude unterrichtet. Doch gute Architektur der Nachkriegszeit hat heute auch Nachteile: Ohne stabiles Internet ist moderner Unterricht schwierig.

Dieses Licht, diese Fenster, diese Details aus den fünfziger Jahren. Man möchte seufzen, wenn man durch die Mügelsbergschule geht. Vor Freude über die Architektur, mit der Peter Paul Seeberger Saarbrücken seinen Stempel aufgedrückt hat. Schulbauten zählten dazu, aber auch das Ludwigsparkstadion, das es in seiner einstigen Form nicht mehr gibt.

Ein neuer Anstrich ziert die Wandflächen im Treppenhaus-Turm. Er ähnelt dem Ursprünglichen sehr. Foto: Robby Lorenz

Die Mügelsbergschule, die 2500 Schülerinnen und Schüler besuchen, steht unter Denkmalschutz. Für das Technisch gewerblich Berufsbildungszentrum (TGBBZ) 1 und 2 bedeutet das gute Architektur, noch dazu am Rande eines Parks. Es bedeutet aber auch gelegentliches Seufzen wegen der Gegebenheiten, die sie mit sich bringt. Die Botschaft „kein Netz“ lässt junge Leute, die ihr Leben per Smartphone gestalten, erschrecken, aber eben auch Lehrerinnen und Lehrer, die mit modernen Methoden unterrichten wollen. Und dazu ein funktionierendes Internet benötigen.

Die Holzstab-Verkleidung umschließt die originalen Lichtschalter sauber (Foto links). Foto: Robby Lorenz

Carmen Kreutzer, seit 37 Jahren an der Mügelsbergschule (TGBBZ 2) als Lehrerin tätig, mag das Gebäude dennoch. Es ist ein „tolles, altes Haus“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Wir wissen es zu schätzen.“ Nur sperrt es sich gegen so manche Veränderung, die wünschenswert wäre. Selbst wenn es mal gemütlich werden soll, etwa in einer Lounge für die Schülerinnen und Schüler, stehen Brandschutz und Denkmalschutz dagegen. Beides ist wichtig und nützlich, aber auch kräftezehrend. Schließlich muss die Schule ja erhalten werden.

Im Verwaltungstrakt ermöglicht die großflächige, milchige Verglasung zum Flur einen fast ungehinderten Blick in die Büros der Lehrer. Foto: Robby Lorenz

Carmen Kreutzer, die noch ein halbes Jahr Schuldienst vor sich hat, ist stellvertretende Schulleiterin. Zwei Tage vor Schulbeginn kam der neue Schulleiter, bis dahin hat Carmen Kreutzer die Schule ein Jahr lang geleitet – und das Gebäude dabei bis in den letzten Winkel kennengelernt. „Das Haus hat eine Seele“, sagt sie. Aber es sei eben auch ein Pflegefall. „Pflegestufe drei“, lautet ihr Befund. Da sie schon so lange hier unterrichtet, weiß sie, was das bedeutet. Rund 20 Jahre habe man auf eine neue Fensterfront gewartet. Fenster und somit Licht sind prägende Elemente im Haus. Mit dem Effekt, dass die Schüler von den Fluren aus auch in die Büros der Lehrer schauen können. Transparenz mag der Architektur guttun, dem Schulbetrieb nicht immer.

Stabholz-Verkleidungen umgeben auch transparente, altrosa-gefärbte Toilettentüren. Foto: Robby Lorenz

29 Berufe werden allein im TGBBZ 2 vermittelt. In Landesklassen, das heißt, die Schüler kommen aus dem ganzen Land, etwa um im Gastgewerbe ausgebildet zu werden. Bekannt aber wurde die Schule nicht wegen der Landesklassen, auch nicht wegen der sehr sehenswerten Architektur Peter Paul Seebergers. Bekannt wurde der Glaskasten auf dem Gebäude 1: Dort hatte der saarländische Tatort-Kommissar seine Wohnung, hierhin kehrte Schauspieler Devid Striesow abends nach getaner Ermittlungsarbeit auf seinem Roller zurück.

Foto links: Im Treppenhaus zur Wohnung des früheren Saar-Tatort-Kommissars auf dem Hauptgebäude dringt das Tageslicht über mehrere Etagen durch farbige Rundfenster. Foto: Robby Lorenz

Der Kommissar ist längst ausgezogen, die Anekdoten hallen nach: In der Mügelsbergschule wird auch Kochen unterrichtet. Und als der Abzug in der Küche mal nicht funktionierte, mussten alle raus aus dem Gebäude. Auch das Fernsehteam, das gerade einen Tatort drehte.

Foto oben: Der ebenerdige Flur des Verwaltungstraktes endet mit großen Fenstern zum Echelmeyerpark. Drinnen findet sich wieder Holzstab-Verkleidung an der Wand, darüber eine großzügige Terrasse mit zeittypischem Geländer. Foto: Robby Lorenz

Als die Schule geplant und gebaut wurde (von 1952 an) war Peter Paul Seeberger Oberbaurat der Stadt. Er entwarf für Saarbrücken das seinerzeit größte Schulgebäude des Saarlandes; hier wurde die Ausbildung in den verschiedenen Gewerben zusammengefasst. Für das Gebäude selbst erhob Seeberger einen hohen bautechnischen und künstlerischen Anspruch. Den bemerkt man noch heute. Die meisten Schülerinnen und Schüler nehmen ihn wohl weniger wahr. Etwa das Licht, das durch die bunten Glasfenster im Treppenhaus fällt und sich als bunte Kringel auf der Treppe spiegelt. Spielerei? Auch. Schöne Effekte, auf die man Schüler erst einmal aufmerksam machen muss. Carmen Kreutzer tut das gerne, denn nach 37 Jahren ist ihr das Gebäude ans Herz gewachsen. In einem halben Jahr wird sie es verlassen, dann beginnt der Ruhestand. Sie hat ihr ganzes Berufsleben hier verbracht. Sie wird sich an viele Schülerinnen und Schüler erinnern, an Lehrerinnen und Lehrer. Aber auch an das Schulgebäude – weil es eine Seele hat.

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Die lichte Transparenz des Treppenhauses ist typisch für Schulbauten der 50er Jahre (unten). Foto: Robby Lorenz
Carmen Kreutzer lehrt seit 37 Jahren im Haus. Es ist ein „tolles, altes Haus“, sagt sie. Auch wenn Brandschutz und Denkmalschutz Veränderungen oft verhindern. Foto: Robby Lorenz

Alle bisherigen Teile:
Teil 1: St. Albert, Saarbrücken
Teil 2: St. Hildegard, Sulzbach-Neuweiler

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