Besuch in der Cité Radieuse von Le Corbusier in Lothringen

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Nachkriegsarchitektur in der Region – Teil 9 : Cité Radieuse in Briey: Zu Hause in der vertikalen Stadt

Im lothringischen Briey-en-Forêt ragt ein Hochhaus in den Wald. Hier wollte der Architekt Le Corbusier seine Vision von einer ganzen Stadt in einem Gebäude verwirklichen. Doch bei der Umsetzung haperte es.

Namensschilder gibt es an den Wohnungstüren im ersten Stock nicht. Es ist recht düster, lediglich die farbigen Türen werden durch einzelne gedämpfte Lampen beleuchtet und alle sehen ähnlich aus. Das Büro von Véronique Léonard, Leiterin des Vereins „la première rue“ (die erste Straße), findet man trotzdem schnell. Denn alle Bewohner des Hauses kennen sie und begleiten die Besucher zu ihr. Rund 300 Menschen im Monat führt Léonard beherzt durch die sogenannte „Cité Radieuse“ (deutsch: „strahlende Stadt“) in Briey-en-Forêt.

Hier, knapp 40 Kilometer nordwestlich von Metz, plante der Architekt Le Corbusier ein ganzes Dorf in einem Wohnblock von 17 Geschossen mit nur sechs Erschließungsebenen, die „Straßen“ genannt werden. Bei der Eröffnung 1961 waren alle 339 Wohnungen sofort belegt. Dazu sollten ein Supermarkt, Geschäfte und sogar ein Kindergarten auf dem Dach entstehen. In Auftrag gegeben wurde das Gebäude in Briey damals durch das Amt für sozialen Wohnungsbau. Das Konzept von Le Corbusier sollte viele Familien wirtschaftlich effizient und zugleich mit einem bestimmten Wohnkomfort unterbringen. „Immerhin verfügen die Wohneinheiten über ein eigenes Badezimmer und abgetrenntes WC, das war in den 60er Jahren nicht selbstverständlich“, berichtet Léonard. Ihr Verein widmet sich dem Erbe Le Corbusiers in Briey. Sie organisiert Vorträge, Ausstellungen und zeigt gerne die Musterwohnung.

Alle Unterkünfte wurden nach dem gleichen Schema gebaut, als zweckmäßige Maisonette-Wohnungen. Geht die Eingangstür auf, landet man direkt in der offenen Küche, die in das Wohnzimmer übergeht. Über eine Treppe gelangt man in den oberen Stock, wo sich das Elternschlafzimmer, das Bad, WC und die Kinderzimmer befinden. Letztere lassen sich durch eine Schiebetür verbinden. Die Wohnungen sind ineinander verzahnt, sodass sich die Schlafbereiche einmal über – und bei der gegenüberliegenden Wohnung – unter dem zentralen Flur über die gesamte Breite des Gebäudes erstrecken.

Véronique Léonard vom Verein „La première rue“ führt täglich Besucher durch die Cité Radieuse in Briey. Foto: Robby Lorenz

Von einem Kindergarten auf dem Dach wollten die Eltern zwar nichts wissen. Dennoch war die „Cité Radieuse“ als Wohnprojekt zunächst ein Erfolg. Doch das änderte sich schnell. Bereits 1966 jedoch zogen die ersten Bewohner weg, als die Nato ihren Stützpunkt im nahen Etain schloss. Als es dann auch noch im Bergbau kriselte, leerte sich eine „Straße“ nach der anderen. „Für das Sozialbauamt war das Gebäude nicht mehr rentabel. Doch auch der Abriss wäre teuer gewesen. Also entschied man sich, das Gebäude „vor sich hin gammeln zu lassen“, sagt Léonard. Bis der Bürgermeister von Briey den 100. Geburtstag von Le Corbusier nutzte, um den Verfall des Gebäudes in die Schlagzeilen zu bringen.

Die „Cité Radieuse“ wurde gerettet und privatisiert, es zog unter anderem eine Schule für Krankenschwestern ein. Heute gehören die 260 übrig gebliebenen Wohnungen Privatleuten. „Viele wurden umgebaut, von 20 bis 150 Quadratmetern sind alle mögliche Wohnungsgrößen vorhanden“, sagt Léonard. „Die Mentalität hier ist etwas Besonderes. Es wurde zwar nie die ‚Stadt’, von der Le Corbusier träumte, aber die Cité wuchs zu einer Gemeinschaft. Die Bewohner haben einen eigenen Verein, der am Mittwochnachmittag Aktivitäten für die Kinder des Hauses anbietet. Es ist mehr als ein Wohnblock, es ist ein Zuhause.“ Umsetzen konnte Le Corbusier seine ganzheitliche Vision der vertikalen Stadt nicht ganz. „Doch die Seele der Cité, die ist einmalig.“ 

Alle bisherigen Teile der Serie:

Teil 1: St. Albert, Saarbrücken

Teil 2: St. Hildegard, Sulzbach-Neuweiler

Teil 3: Mügelsbergschule, Saarbrücken

Teil 4: St. Ludwig, Saarlouis

Teil 5: St. Maximin, Boust

Teil 6: Rentenversicherung, Saarbrücken

Teil 7: Frauenwohnheim, Saarbrücken

Teil 8: Schmollerschule, Saarbrücken

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