Rudolf (Rudi) Kammer ist nun seit zehn Jahren tot. Sein Name ist mit der Awo Püttlingen verbunden.

Serie Lebenswege : Zehn Jahre nach dem Tod unvergessen

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Rudolf (Rudi) Kammer.

 „Zielsicher ging er durch Höhen und Tiefen. Manchmal war er traurig, weil man ihn nicht verstand.“ Das entnehmen wir der Chronik von 2011 zum 30-jährigen Bestehen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Püttlingen. Die Rede ist von Rudolf, genannt Rudi, Kammer. Die erwähnten 30 Jahre erinnern an eine Epoche, die entscheidend durch dessen Gestaltungswillen geprägt wurde.

Geboren wurde Rudolf Kammer am ersten Weihnachtstag des Jahres 1937 in Püttlingen. Er besuchte die Volksschule, trat mit 14 Jahren ins Berufsleben ein und heiratete 1959 Elisabeth Kammer, geborene Heisel – eine Frau, die dieser Tage für ihre ehrenamtlichen Verdienste das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte. Eine glückliche Ehe war es, sechs „gut gelungene Kinder“, sagt die Mama, die neun Enkel sowie zwei Urenkel hat.

Im Herbst 1981 gründete Kammer mit Gleichgesinnten den Awo-Ortsverein Püttlingen, den er schließlich 28 Jahre lang als Vorsitzender leitete. In der Chronik lesen wir: „Nach zehn Jahren konnte man schon eine erfolgreiche Bilanz vorweisen. Dabei hatte man in der Gründungsphase weder Kapital noch Räume.“ Man muss sich dabei vor Augen halten, dass unter der Führung von Kammer der damalige Awo-Vorstand das ehemalige Verkaufslokal von Ludwig Mathis, in Püttlingen nur als „Der Lutte“ bekannt, in der Köllner Straße für Vereinszwecke umgebaut hat. Wenn auch dort, wie die Presse einmal schrieb, „die Leid wie die Hüna uff da Schdong gehuggd honn“, die Stimmung „beim Lutte“ war immer prächtig, wie der Reporter bei diversen Gelegenheiten hautnah miterleben durfte. Kaffeenachmittage für jedermann gab es dort. Die Handarbeit kam nicht zu kurz. Gespielt, gesungen und „gesproochd“ wurde, es gab eine gut frequentierte Kleiderbörse, Vereinsfahrten, gemeinsame Theaterbesuche, und zum Abschluss freuten sich die Teilnehmer meistens über ein warmes Abendessen. Kammers Kinder haben von frühester Jugend an geholfen: „Der Papa war immer dahinter, und er hat auch selbst immer tatkräftig mit angepackt“, sagen die Töchter Pia und Kerstin. So beharrlich Rudi Kammer die Interessen seines Ortsverbandes voran brachte, so familiär prägte er auch das Familienleben. „Er war uns immer ein guter Papa, der uns alles beigebracht hat, was im Leben wichtig ist“, sagt seine Tochter Pia, die Kammers Vorsitz bei der Awo Püttlingen übernommen hat. Schwester Kerstin ergänzt: „Am schönsten waren unsere Wochenendurlaube am Hierbacher Weiher. Das war seine Welt.“

Ehefrau Elisabeth Kammer erzählt weiter: „Mein Mann war zwar kein großer Kirchgänger, aber ein guter Christ. Und er hat sich sein ganzes Leben lang für die soziale Gerechtigkeit eingesetzt.“ Als Maschinenbauschlosser bei der Burbacher Hütte beziehungsweise bei Saarstahl Völklingen war Kammer in der Industriegewerkschaft Metall organisiert, aber hat sich nie einer Partei angeschlossen: „Bitte haltet mir die Politik aus der Awo raus!“, hat er seine Frau (einer engagierten Sozialdemokratin) und seiner Tochter Pia (die für die SPD im Püttlinger Stadtrat sitzt) immer gebeten.

Im Alter von nur 49 Jahren musste Rudi Kammer seine Frühpensionierung hinnehmen, aufgrund einer zunehmenden Erblindung („eine Familienkrankheit“). Danach haben seine Angehörigen für ihn die Awo-Vorstandspflichten, insbesondere die schriftlichen Angelegenheiten, erledigt.

In der Folge sah man Kammer viel im Wiesenpfädchen der Köllertalstadt spazieren, nie einem Plausch mit seinen Mitbürgern abgeneigt. Und immer in Begleitung seines Irish Setters namens Kimba. Tochter Kerstin Kammer erinnert sich: „Der Hund war sein Ein und Alles.“ Schwester Pia ergänzt: „Kimba hat sich ganz auf die Bedürfnisse von unserem Papa eingestellt.“

Gestorben ist Rudi Kammer im Alter von 72 Jahren nach mehreren Bypass-Operationen im Knappschaftsklinikum Püttlingen, eine Lungenentzündung hatte ihm zusätzlich zu den OPs zugesetzt.

„Es ist bezeichnend für meinen Mann, dass er noch einen Tag vor seiner Einlieferung ins Krankenhaus einen Awo-Begegnungstermin wahrgenommen hat und sich am Ende von jedem Teilnehmer per Handschlag verabschiedet hat“, sagt Elisabeth Kammer in Gedanken an die letzten Tage und Momente. Einen Wunsch hat sie ihrem Mann nicht versagt: „Lass mich nicht verbrennen!“, hatte der seiner heutigen Witwe quasi als Vermächtnis aufgegeben. Elisabeth Kammer kam diesem Wunsch nach: „Er hat heute ein schönes Grab auf dem Püttlinger Engelsfeld.“

Um noch einmal die Chronik zu zitieren: „Im Nachhinein warst du oft Sieger. Auf einmal warst du nicht mehr da, und keiner kann’s verstehen. Im Herzen bleibst du uns ganz nah, bei jedem Schritt, den wir gehen.“ Und: „Rudi hat nun im Himmel bestimmt wieder eine Awo gegründet.“

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege

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