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Nicolas Kautenburger wurde an seinem 17. Geburtstag, 18. April 2015, beerdigt

Serie Lebenswege : Nicolas wurde am 17. Geburtstag beerdigt

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Nicolas Kautenburger.

Nicht ganz 17 Jahre alt ist Nicolas Kautenburger aus Brotdorf bei Merzig geworden. Beerdigt wurde er an seinem 17. Geburtstag, dem 18. April 2015, nach dem ihn vier Wochen zuvor ein Unfall aus dem Leben gerissen hatte.

Zurückgelassen hat er fassungslose Eltern und trauernde Geschwister. Die heute 14-jährige Anna sagt über Nicolas: „Er war toll. Er war ein fröhlicher und offener Mensch und hat immer Glück ausgestrahlt. Er war ein Vorbild für mich und meinen Bruder, war immer für uns da und hat auf uns aufgepasst.“

Auch Mutter Sabine Kautenburger zeichnet das Bild eines lebensfrohen und stets hilfsbereiten jungen Mannes. „Er hat immer gerne jedem geholfen, und es war ihm nichts zu viel.“ „Der Kauti“, wie ihn seine Freunde getauft hatten, pflegte einen großen Freundeskreis. Zusammen feierten die Freunde im „Blauen Häuschen“ neben der Firma des Vaters so manche Party. Oder die jungen Leute engagierten sich gemeinsam bei der freiwilligen Feuerwehr Brotdorf, wo „der Kauti“ noch kurz vor seinem Tod mithalf, den Wagen für den Brotdorfer Faschingsumzug zu bauen. Zur Feuerwehr habe der Nico ursprünglich überhaupt nicht gewollt, erzählt uns seine Mutter Sabine. Als aber sein bester Freund Aron aufgrund einer verlorenen Wette dort anheuerte, war er spontan dabei und später auch Feuer und Flamme für die Feuerwehr.

Eine andere Leidenschaft von Nico war die Fotografie: Autos, Motorräder, Menschen, Landschaften: Kein Motiv war vor dem begeisterten Fotografen sicher. Vor allem handwerkliche Arbeiten hatten es dem Azubi zum Industriemechaniker angetan. „Sein größtes Hobby war es, etwas zu schaffen“, sagt Sabine Kautenburger, „Und dabei war er auch geschickt.“ Eine Spezialität von ihm waren beispielsweise die Schwenker, die er in der väterlichen Firma zusammenschweißte und an Freunde und Bekannte verschenkte. Dort hat er auch von Kindesbeinen an mitgeholfen. „Mit zwölf Jahren hat er zum ersten Mal bei uns im Hof auf dem Gabelstapler gesessen“, erinnert sich Sabine Kautenburger. Später entdeckte er seine Leidenschaft für Zweiräder. Runde 10 000 Kilometer legte er alleine auf seinem Mountainbike zurück. Die letzte Fahrt auf seinem geliebten Moped wurde ihm allerdings zum Verhängnis.

Wie wird eine Mutter mit einem solch frühen Tod eines Kindes fertig? Sabine Kautenburger schüttelt den Kopf und sagt: „Es gibt kein Patentrezept.“ Und weiter: „Für mich sind keine fünf Jahre vergangen, es fühlt sich, an als ob es heute passiert wäre. Aber meine anderen beiden Kinder, Lukas und Anna, sind meine Kraft und meine Stärke.“

Länger als ein halbes Jahr rang Sabine Kautenburger mit sich, ob sie mit Nicolas Geschichte an die Öffentlichkeit gehen sollte. Ein Gedanke gab dann aber den Ausschlag: „Ich wollte anderen verwaisten Eltern zeigen, dass sie nicht alleine dastehen.“ Denn Sabine Kautenburger machte die Erfahrung, dass Eltern nach dem Tode eines Kindes vom Umfeld alleine gelassen werden und viele, auch vorher gute, Kontakte einschlafen. Dabei sei sie kein Einzelfall, über die Gründe kann sie nur spekulieren. „Es ist nicht so, dass sich verwaiste Eltern freiwillig zurückziehen, sondern es liegt am Umfeld. Wenn so ein ganz junger Mensch stirbt, kann sich das Umfeld damit nicht arrangieren. Keiner wusste, wie er sich uns gegenüber verhalten soll. Und mit einer solchen Situation möchte auch niemand konfrontiert werden.“

Diese Erfahrung hätten auch andere Eltern in dem Trauerkreis, den sie längere Zeit besuchte, gemacht, sagt sie. Und: „Ich möchte anderen verwaisten Eltern sagen, dass diese Abläufe, die sich nach dem Verlust eines Kindes in Gang setzen, ganz normal sind und niemanden abwerten.“ Denn die soziale Isolation trifft nicht nur die Eltern, sondern auch die Geschwister. „Ich hatte vorher viele gute Freunde, und fast alle haben sich zurückgezogen“, sagt Anna.

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