1. SZ-Serien
  2. Lebenswege

Mohammed Ghodstinat hinterklässt eine Lücke in der „Initiative Hilfe für Einzelschicksale international“.

Serie Lebenswege : Ein Blinder erhellte anderen die Welt

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Mohammed Ghodstinat.

Die Geschichte der Jugendjahre von Mohammed Ghodstinat liest sich ein wenig wie ein Märchen. Zur Welt gekommen ist er im Januar 1943 in Teheran, als der Älteste von acht Geschwistern. Seine Eltern mussten schnell erkennen, dass ihr Neugeborener nicht richtig sehen konnte. Ein schweres Schicksal in einer schweren Zeit für eine Familie. „Ein behindertes Kind zeigte man damals im Iran nicht herum, sondern man versteckte es am besten“, erklärt seine Frau Ilona Ghodstinat. Eine Operation, die dem damals Dreijährigen helfen sollte, endete unglücklicherweise damit, dass der kleine Mohammed auf einem Auge völlig erblindete.

Es gab verschiedene Versuche, dem Jungen sein Augenlicht wiederzugeben – inklusive des Tragens von Hühnergedärmen auf dem Kopf, wie Ilona Ghodstinat erzählt. Mit sechs Jahren war der kleine Mohammed vollkommen erblindet. Eine Schule konnte er nie besuchen. Mit 16 Jahren vermittelte ihm ein reicher Onkel einen Platz in einem Internat für Blinde. Die angebliche Ausbildung bestand allerdings darin, dass man den blinden Kindern dort beibrachte, wie sie an erfolgreichsten am Straßenrand betteln könnten.

Als er 19 Jahre war, tat sich dann endlich eine neue Welt für den wissensdurstigen jungen Mann auf, der bis dahin weder lesen noch schreiben konnte. Der Onkel ermöglichte ihm einen längeren Aufenthalt in Wien, wo Mohammed Ghodstinat in einem Blindenwohnheim unterkam. Dort hat er sich gierig auf alles an Wissen und Bildung gestürzt, das ihm zur Verfügung stand. Innerhalb kürzester Zeit legte er den Hauptschulabschluss ab, nach wenigen Jahren bestand er 1970 dann sein Abitur. An der Marburger Uni, wo man sich auf ein Studium für blinde Menschen spezialisiert hatte, schrieb er sich für Soziologie und Pädagogik ein und hat dort auch erfolgreich promoviert.

1972 unternahm der junge Mohammed Ghodstinat eine Studentenreise nach Prag. Im Bus, der bereits in Bielefeld Studentinnen und Studenten eingeladen hatte, saß auch die junge Ilona. Und neben ihr war noch ein Platz frei. Bis die beiden jungen Leute in Prag angekommen waren, hat sie bereits eine feste Freundschaft verbunden. „So fest, dass wir die ganze Woche in Prag zusammen verbracht haben“, erinnert sich Ilona Ghodstinat. „Und nach dieser Woche war klar: Diesen Mann werde ich heiraten.“ Gedacht, getan. Nach der Heirat 1973 ist das junge Paar gemeinsam nach Marburg gezogen, seit 1983 wohnt die Familie in Dillingen, wo Mohammed Ghodstinat bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) als Behindertenbeauftragter eine Stelle gefunden hatte und seine Frau Ilona an der Gesamtschule unterrichtete.

Ab 1995 hatte sich Mohammed Ghodstinat ganz der „Initiative Hilfe für Einzelschicksale international“ verschrieben. Die von ihm gegründete Hilfsorganisation setzt sich unbürokratisch und schnell für Menschen mit Behinderungen in Deutschland und der ganzen Welt ein und ermöglicht ihnen medizinische Hilfe. In den mehr als 25 Jahren ihres Bestehens konnte die Initiative bislang über 800 Menschen zu einer Operation oder einer Behandlung verhelfen. Über 3000 Mal konnte auch mit vergleichsweise geringeren Summen viel bewegt werden, beispielsweise mit Hörgeräten oder Zahnspangen. Für sein Engagement wurde Mohammed Ghodstinat 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, 2017 erhielt der Dillinger den Felix-Koßmann-Preis, der in Anerkennung besonderer Verdienste um die humane Betreuung kranker Menschen verliehen wird.

Nach längerer Erkrankung ist vor wenigen Wochen Dr. Mohammed Ghodstinat, der Vorsitzende und Gründer der „Initiative Hilfe für Einzelschicksale international“, gestorben. Damit hinterlässt er eine große Lücke in dem engagierten Verein, der vielen tausend Menschen in den vergangenen 25 Jahren helfen konnte. Und er hinterlässt auch in seiner Familie, bei seiner Frau Ilona und den beiden Söhnen Markus und ­Matthias und deren Familien, eine Lücke.

Seine Arbeit bei der „Initiative Hilfe für Einzelschicksale“ indes wird seine Ehefrau Ilona Ghodstinat nunmehr weiterführen. Ilona Ghodstinat nutzt auch gleich die Gelegenheit, sich bei den Lesern unserer Zeitung recht herzlich für ihre Mitwirkung und Unterstützung bei vielen der Vereinsaktionen zu bedanken: „Wir wüssten nicht, was wir ohne sie machen sollten.“

Die Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend hat Mohammed Ghodstinat in seinem Buch „Das blinde Kind“ (Gollenstein-Verlag, 1997) festgehalten. 1987 hat er ein Märchenbuch für Erwachsene unter dem Titel „Der blinde Geigenspieler“ veröffentlicht. 2003 erschien ein persischer Geschichtenband von ihm.

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege