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Medardus Luca war vom Fußball und den Menschen begeisert

Serie Lebenswege : Er war ein Lieblingsschwiegerpapa-Typ

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Medardus Luca.

Das Uefa-Cup-Spiel am 24. November 1971 im Wiener Praterstadion: Anpfiff des Spieles Rapid Wien gegen Juventus Turin um 18.30 Uhr. Dabei: der junge saarländische Linienrichter Medardus Luca. Das erste internationale Spiel des jungen Luisenthalers.

Fußballbegeistert war der damals 36-Jährige schon immer. Bis 1961 hat er aktiv beim VfB Luisenthal gekickt, hat sich aber dann mit 26 Jahren restlos vom Amt des Schiedsrichters begeistern lassen. Sein allererstes Spiel als Unparteiischer: im Dezember 1961, der SC Großrosseln gegen die Sportfreunde Köllerbach. „Die Schiedsrichterei war sein Leben“, berichtet Nadine Eggert, die Tochter des im November 2016 verstorbenen Medardus Luca.

Sie erinnert sich an ihre Kindheit, in der der Fußball immer eine Rolle gespielt hat. „Seine Ausbildung an der Sportschule und das körperliche Training dort waren hart.“ Aber ihr Vater sei immer „ein Macher“ gewesen. „Einer, den man auch mitten in der Nacht mit einem Problem anrufen konnte. Und der sich immer mit einem an einen Tisch gesetzt hat und eine Lösung für jedes Problem gefunden hat.“

Ab 1965 hat Medardus Luca dann regelmäßig in der Regonalliga gepfiffen, ab 1974 in der zweiten Bundesliga und beim DFB-Cup und ab 1977 in der Königsklasse der Unparteiischen, der Bundesliga. 44 Mal war er dort im Einsatz, bis er 1982 wegen Erreichen der Altersgrenze zurücktreten musste. Denn Bundesliga-Schiedsrichter dürfen nur bis zum vollendeten 47. Lebensjahr pfeifen. Seine Gesamtbilanz: 113 Spiele in Bundesliga, zweiter Bundesliga und beim DFB-Pokal. Aus seiner Zeit in der Bundesliga gibt es übrigens nicht nur ein dickes Notizbuch, in dem Medardus Luca akribisch alle Spiele, die er gepfiffen hat, eingetragen hat, sondern auch einen Erinnerungskarton mit Hotelseifen. Denn alle kleinen Seifenstückchen mit dem aufgedruckten Namen des jeweiligen Hotels, in denen er übernachtet hat, hat er als Erinnerung aufbewahrt.

Der italienische Name von Medardus Luca täuscht übrigens. Denn Luca war ein waschechter Werdener Bub. Im März 1935 als Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters in Geislautern geboren, hat er nur als Kleinkind einige Jahre in Italien verbracht, und zwar im Vatikan, wo sein Vater angestellt war. Recht schnell ist seine Mutter Maria wieder nach Deutschland zurückgekehrt, und so ist Medardus Luca in Wehrden bei Mutter und Großmutter aufgewachsen. Mit 20 hat er seine große Liebe Alice geheiratet – die er übrigens beim Fußballspielen kennengelernt hat, denn Alice Luca stand bis Ende der 70er-Jahre beim VfB Luisenthal im Tor der Damenmannschaft. Tochter Nicole, damals ganz jung noch, hat im Team als Verteidigerin gespielt. Nach der Hochzeit ist das junge Paar nach Luisenthal gezogen. Recht schnell kam die erste Tochter Ilona zur Welt, die zweite Tochter Nicole folgte fast zehn Jahre später im Jahr 1965. Mitte der 90er haben Alice und Medardus Luca ein Haus in Völklingen-Geislautern bezogen, zusammen mit Tochter Nicole Eggert und ihrer Familie.

Sein Lieblingsschwiegervater sei er gewesen, sagt Nicole Eggerts Mann Thomas. Jemand, auf den immer Verlass gewesen sei, jemand, der immer ein offenes Ohr für die Sorgen anderer gehabt habe. Auch Thomas Eggert ist Fußballer: „Ich habe es sogar bis zur Oberliga geschafft, da war er sehr stolz drauf.“

Wer glaubt, als Bundesligaschiedsrichter hätte man in den 70ern finanziell ausgesorgt gehabt, der irrt. Damals gab es im Gegensatz zu heute nur eine geringe Aufwandsentschädigung. Die Reisekosten und das Hotel mussten die jeweiligen Schiedsrichter noch dazu vorlegen, erklärt Nicole Eggert. Deshalb hat Medardus Luca bis Mitte der 60er-Jahre als Bergmann in der Merlebacher Grube, danach bis zum Ruhestand als Betonbauer bei Dyckerhoff und Widmann gearbeitet. Auch als Betonbauer ist er viel herumgekommen. Beispielsweise hat er Anfang der 80er-Jahre jeweils für ein Jahr in Saudi-Arabien und Kuwait gearbeitet und dort neue Betonwerke aufgebaut.

Medardus Luca war nicht nur Macher, sondern auch Familienmensch. Für seine drei Enkel Alexander, Mike und Laura hatte er immer ein offenes Ohr und oft ein kleines Geschenk in der Tasche. Auch einen Urenkel hat er vor seinem Tod noch begrüßen dürfen. Doch den Vater, den „nichts umgeworfen hat“, wie Nicole Eggert beschreibt, hat schließlich eine Demenz in die Knie gezwungen. Ganz langsam ab 2010, zunächst schleichend, fast unmerklich. Bis 2014 seine geliebte Frau Alice gestorben ist und er sich zunehmend in eine andere Welt zurückgezogen hat. „Wir mussten hilflos zuschauen, wie seine Welt immer kleiner wurde“, berichtet Tochter Nicole.

Ein paar Tränen schimmern in ihren Augen. „Es war ein Drama, diesem Verfall zuschauen zu müssen.“

Ende 2014 blieb der Familie nichts anderes übrig, als ein Pflegeheim für den Vater zu suchen. „Wir haben ihn jeden Tag besucht, auch meine Kinder. Es war uns einfach wichtig, ihm ein ,Dahemm-Gefühl’ zu geben. Und ja, auch in der Demenz haben wir viel gemeinsam gelacht.“ Den Umgang mit einem dementen Angehörigen müsse man lernen. „Es ist aber schwierig, und man muss es verkraften können“, sagt Nicole Eggert. Schließlich ist Medardus Luca nach kurzer schwerer Krankheit am 17. November 2016 gestorben.

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege