Serie Lebenswege Kessler’sch Sefa kannte im Ort jeder

Eppelborn-Wiesbach · Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Josefa Müller.

Auf diesem Foto ist Josefa Müller 90 Jahre alt.

Auf diesem Foto ist Josefa Müller 90 Jahre alt.

Foto: Familienalbum

„Meine Mutter war eine starke Frau. Sie war ihrer Zeit voraus“, sagt Doris Götzinger, geborene Müller, über ihre Mutter Josefa Müller, die am 26. November 100 Jahre alt geworden wäre.

Josefa Müller war eine beliebte Gastwirtin und Kinobetreiberin aus Wiesbach und eine Ikone des Ortes. Jeder kannte sie, meist unter ihrem Rufnamen „Kessler’sch Sefa“, aber auch bedingt durch ihre unermüdliche Arbeit in der eigenen Gaststätte (damals „Alt Kessler’sch“) sowie durch ihren Einsatz beim Bau und Betreiben des Wiesbacher Kinos. „Der Einsatz in beiden Bereichen war für die Nachkriegszeit durchaus keine selbstverständliche Frauendomäne“, betont Doris Götzinger.

Josefa – von allen nur „Sefa“ genannt – kam am 26. November 1922 in Wiesbach als erstes Kind von Peter und Mathilde Monz, geborene Romp, zur Welt. Ihr Vater Peter war Bergarbeiter und bekannt für seine handwerklichen Fähigkeiten. Die Wiesbacher brachten ihm damals alle möglichen Gegenstände zur Reparatur vorbei, heute würde man das wohl „Repaircafé“ nennen. Die Familie bekam noch zwei Söhne, Gerhard (1925) und Alois (1927), um die sich Josefa bald verantwortlich kümmern musste, da ihre Eltern sehr früh starben. Vater Peter starb 1944, Mutter Mathilde ein Jahr später.

Zuvor hatte Josefa eine kaufmännische Ausbildung absolviert und arbeitete während des Krieges in Saarbrücken bei der Kaffeefirma Oppenauer, was für damalige Zeiten auch keine Selbstverständlichkeit war, zumal sie den Weg nach Saarbrücken und nach Hause mit dem Fahrrad zurücklegen musste. Manchmal aufgrund besonderer Umstände sogar zu Fuß. „Heute unvorstellbar, obwohl es genau in unsere verzwickte Energie- und Umweltproblematik passen würde“, sagt Doris Götzinger. Nach dem Tod der Eltern sorgte Josefa zwar für ihre Brüder und den Haushalt, ging aber auch noch mit Leidenschaft ihren geliebten Hobbys nach: Theaterspielen im Wiesbacher Theaterverein und Chorsingen im damaligen Kirchenchor. Die Aufführungen des Theatervereins und des Chores fanden im Saal des Gasthauses „Josef Müller“ statt und wurden musikalisch begleitet unter anderem von einem Klavierspieler, der gleichzeitig der Sohn dieses Geschäftshaushaltes war. Dieser Mann, Rolf Müller, war ein begehrter Junggeselle, der eins der ersten Autos in Wiesbach besaß. Josefa lernte den neun Jahre älteren Rolf beim Theaterspielen kennen und lieben. Gegen manchen Widerstand ihrer Verwandtschaft setzte sie letztendlich doch die Heirat durch, die am 13. Mai 1948 vollzogen wurde.

 Das Foto aus dem Familienalbum zeigt Josefa Müller 1956 mit den Kindern Doris (stehend links) und Jutta (in ihrem Arm). Am rechten Bildrand ist das Familienauto zu sehen, das eins der ersten Autos in Wiesbach war.

Das Foto aus dem Familienalbum zeigt Josefa Müller 1956 mit den Kindern Doris (stehend links) und Jutta (in ihrem Arm). Am rechten Bildrand ist das Familienauto zu sehen, das eins der ersten Autos in Wiesbach war.

Foto: Familienalbum

Zielstrebig und mit ganz viel positiver Energie führte Josefa Müller fortan das Lokal, bekam vier Kinder, Gitti (1949), Doris (1951), Jutta (1955) und Klaus (1958), baute das alte Kino der Familie ihres Mannes um zu dem modernen, allseits bewunderten neuen „Filmtheater Wiesbach“. Baubeginn war 1957, Eröffnung war zwei Jahre später. „Dieses Projekt war ihr ganzer Stolz! Schade nur, dass wenige Jahre nach der Fertigstellung die Fernsehapparate Einzug bei den Familien hielten und die Akzeptanz des Kinos nachließ“, sagt Doris Götzinger. So lohnte sich der finanzielle Aufwand zum Kinobetrieb irgendwann nicht mehr und das Filmtheater wurde Anfang der 80er-Jahre geschlossen. „Eine herbe Enttäuschung für meine Mutter“, betont die Tochter.

Doch Josefa ließ sich nicht entmutigen. So hatte sie mit 50 Jahren noch ihren Führerschein gemacht und nutzte die neue Mobilität für allwöchentliche Ausflugsfahrten mit ihrem Mann. Sie war wie in allen Bereichen auch beim Autofahren couragiert und mit Begeisterung dabei, sodass sie den Führerschein erst mit 82 Jahren, fünf Jahre nach dem Tode ihres Mannes Rolf, abgab.

Parallel zum Kinobetrieb hatte sie viel Kraft in die Gastwirtschaft gesteckt, hatte diese um- und ausgebaut, für die Gäste gekocht. Berühmt waren ihre Schnitzel und Hackbraten, und sogar bei Hochzeiten, Geburtstagen und ähnlichen Feierlichkeiten war Josefa Müller unermüdlich in Gasthaus und Küche aktiv. Dabei behielt sie stets ihren Optimismus und ihre ansteckende Lebenslust. Erst 1983 zog sie sich mehr und mehr aus dem Geschäftsleben zurück, und ihr Sohn Klaus übernahm das Elternhaus, modernisierte die Wirtschaft und baute die Kinoräume für andere Geschäftsbereiche um. Unter anderem zogen dort eine Sparkasse und eine Bäckerei ein, und es wurde ein „Eventsaal“ eingerichtet. „Klaus zeigte in all den Folgejahren, dass er die Energie seiner Mutter geerbt hatte“, sagt seine Schwester. Zwölf Jahre später (1995) wurde die Gaststätte als Restaurantbetrieb weiter verpachtet.

Josefa Müller vermisste nach ihrem Rückzug als Wirtin die Zeit, in der sie täglich mit so vielen Gästen zusammengekommen war. Das Leben nach diesem „Wirtschaftstreiben“ war ihr zu ruhig. „Trotzdem bewahrte sie sich auch in den letzten Jahren ihren Frohsinn, den wir alle immer an ihr bewundert haben“, sagt Doris Götzinger.

Im April 2016, im Alter von 93 Jahren, hörte Josefa Müllers Herz auf zu schlagen. Sie starb friedlich in ihrer Wohnung, nur eine Etage über ihrer geliebten Wirtschaft, die heute noch als Restaurant betrieben wird, und zwar unter dem Namen Sefa. „Wir alle vermissen sie sehr!“, sagt die Tochter im Namen aller Geschwister und Familienangehörigen.

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege

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