1. SZ-Serien
  2. Lebenswege

Hildegard Malter aus Neuweiler ist am 11. April 2020 gestorben.

Serie Lebenswege : Hildegard fehlt als Oma, Mama und Frau

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Hildegard Malter, geborene Zenner, aus Sulzbach-Neuweiler.

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen, er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.“ Welch ein schönes Bild sich in diesen Worten zeigt: „Es war der Lieblingspsalm meiner Frau“, sagt Karl Malter. Hildegard Malter, geborene Zenner, kam am 2. November des Kriegsjahres 1940 zur Welt. Sie war eine Frau, der trotz jahrzehntelanger Beschwernis durch chronische Krankheiten weder Glauben und Zuversicht noch die Liebe zum Mitmenschen verloren ging. Sie bekam mit ihrem Ehemann Karl zwei Söhne. Nun findet ihr Witwer Trost in ihrem Lieblingspsalm.

Am 4. Juli 1962, bei angenehmen sommerlichen Temperaturen, hatten Karl und Hildegard in der erst wenige Jahre zuvor eingeweihten Neuweiler Pfarrkirche geheiratet – in einem Gotteshaus mit demselben Namen wie die Braut: St. Hildegard. Kennen und lieben lernten sich die beiden bei einer Freizeitmaßnahme der katholischen Kirchengemeinde. Und hier engagierte sich das Ehepaar lebenslang. Jahrzehntelang verrichteten Malters beispielsweise in eben jener Kirche den Küsterdienst. Sie kümmerten sich gemeinsam um Messdiener, Sternsinger, Gottesdienste, Nachbarschaftshilfe, Weihnachtsgrüße und vieles mehr im Dienste der Kirchengemeinde wie der Gesellschaft überhaupt.

Beispielhaft war der Einsatz des Ehepaares Malter für kranke und verletzte Opfer des Irakkrieges. Die SZ berichtete seinerzeit mehrfach, wie Krankenhäuser in Dudweiler, Sulzbach und Neunkirchen kriegsversehrten irakischen Kindern kostenlos Behandlung, Pflege- und Arzneikosten (in einer Gesamthöhe von circa 800 000 Euro) gewährten, während Spender für die Flugkosten aufkamen. Als Motor für diesen Einsatz gilt Karl Malter. Er erhielt 2003 die Medaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland „für seine Verdienste um Volk und Staat“, unter anderem für die beschriebene Behandlung der Kinder und den Transfer von 200 Krankenbetten und neuen Matratzen von Deutschland nach Bagdad. Der Geehrte sagt im Rückblick: „Ohne die tatkräftige Unterstützung meiner Mitstreiter, darunter auch meine Frau, wären diese Projekte nicht gelaufen.“

Nun muss man wissen, dass Hildegard Malter, von Beruf gelernte Näherin, Hemdenkontrolleurin und spätere Küsterin, seit Jugendtagen, spätestens jedoch nach ihrem 40. Lebensjahr oft von schmerzhaften Krankheiten geplagt gewesen ist. Die Rede ist unter anderem von chronischer Polyarthritis, Rheuma, degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule, dauernden Gelenkschmerzen an Beinen, Armen und Händen, Osteoporose, Gürtelrose, Knochenbrüchen, um nur einiges zu nennen, immer verbunden mit häufigen Arztterminen, Krankenhaus­aufenthalten, Operationen, Rehamaßnahmen und so fort.

 Ein Kinderbild von Hildegard Malter
Ein Kinderbild von Hildegard Malter Foto: Familienalbum Malter

„Obwohl meine Frau schon so früh im Leben mit ihren Erkrankungen fertig werden musste, hat sie nie den Mut verloren. Sie hat gekämpft, hat sich immer an die Anweisungen ihrer Ärzte und Therapeuten gehalten. Sie hat stets systematisch trainiert, um wieder auf die Beine zu kommen und gleichzeitig nie ihr soziales Engagement vernachlässigt“, sagt der trauernde Witwer im Rückblick. Er ergänzt: „Obwohl ich ein positiv eingestellter Mensch bin, war das für uns alle eine sehr schwere Zeit, und jetzt fehlt uns die Oma, die Mama, meine Frau, doch sehr.“

Denn 2020 schlug das Schicksal noch einmal unerbittlich zu. Gelang zunächst noch eine weitere OP durch den Einsatz einer neuen Herzklappe, stürzte die Patientin in der Reha und musste deshalb in ein anderes Krankenhaus verlegt werden, in dem die behandelnden Ärzte bei Routineuntersuchungen eine belastende Diagnose machten: „Ihre Frau hat Leukämie. Beten Sie dafür, dass sie nicht allzulange leiden muss“, erfuhr der Ehemann. Jeden Tag besuchte er fortan die Sterbende: „Sie hat ja immer gewusst, was auf sie zukommt“, sagt Karl Malter. Es gab eine Patientenverfügung mit dem Inhalt: „Keine lebensverlängernden Maßnahmen“.

 Dieses Foto von Hildegard Malter ihr Ehemann Karl Malter 1996 im Wildpark Silz (Südliche Weinstraße) anlässlich eines Messdienerausfluges zur Burg Berwatstein (Wasgau/Pfalz) aufgenommen.
Dieses Foto von Hildegard Malter ihr Ehemann Karl Malter 1996 im Wildpark Silz (Südliche Weinstraße) anlässlich eines Messdienerausfluges zur Burg Berwatstein (Wasgau/Pfalz) aufgenommen. Foto: Karl Malter

Dass der Mann seiner kranken Frau, die selbst nicht mehr reden konnte, stundenlang die Hand hielt und ihr beruhigend Mut zugesprochen hat, das sei sogar am Überwachungsmonitor in positiver Weise sichtbar geworden, ergänzt der Witwer: „Die Kurven haben sich dann immer beruhigt.“ Am 11. April 2020, es war Karsamstag, ist Hildegard Malter in ihrem Krankenbett ruhig eingeschlafen, wohl im Bewusstsein des eingangs erwähnten Hirtenpsalmes, in dem es unter anderem heißt: „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.“ Ihr hinterbliebener Ehemann sagt: „Ich habe mich von ihr verabschiedet, voller Dankbarkeit für ein langes und erfülltes Eheleben mit zwei Kindern und einem Enkel. Wir werden sie nie vergessen.“

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege