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„Er war ein nachdenklicher Mann“

„Er war ein nachdenklicher Mann“

Heinz Günther Düsterwald

Völklingen. Heinz Günther Düsterwald, Jahrgang 1940, und sein Bruder Wolfgang, Jahrgang 1943, wurden in Groß Tarpen in Westpreußen geboren. Der Vater war Hufschmied, die Mutter Hulda versorgte den Haushalt und die beiden Söhne. Es war Krieg. Vater Walter kämpfte an der Ostfront. 1944 wurde er als vermisst gemeldet und später für tot erklärt, damit die Witwe eine Rente bekam.

Die Mutter floh mit ihren beiden Söhnen wie Zigtausende anderer Deutscher damals im Januar 1945 aus Preußen Richtung Westen. Nach langen Fußmärschen und Fahrten in Güterwagen der Deutschen Reichsbahn kam die Mutter mit ihren zwei kleinen Söhnen in Fürstenberg in Nordrhein-Westfalen an und wurde dort in einem Haus der Freiherrn von Fürstenberg im Dachboden einquartiert. Mutter Hulda arbeitete in der Landwirtschaft .Die beiden Jungen gingen in Fürstenberg in die Schule. In den 50er Jahren heiratete Hulda - die genaue Jahreszahl ist nicht bekannt - den Hufschmied Georg Ludwig. Die Söhne trugen weiter den Familiennamen Düsterwald.

Sohn Heinz Günther wollte evangelischer Pfarrer werden, absolvierte aber auf Wunsch seiner Mutter eine dreijährige Lehre als Schreiner, die er 1957 mit der Gesellenprüfung abschloss. Seine Mutter sagte zu ihm, so ist es überliefert: "Pfarrer kannst Du immer noch werden."

Als Günter Düsterwald 17 Jahre alt war, zog er zu seiner Tante und seinem Onkel nach Witten, arbeitete im Bergbau unter Tage, wollte dann als Freiwilliger zur Bundeswehr, wurde aber nicht angenommen.

1964 heiratete er zum 1. Mal. 1966 wurde Tochter Andrea geboren. 1967 wurde die erste Ehe geschieden. "Die beiden hatten sich auseinander gelebt. Die genauen Umstände der Ehescheidung kenne ich nicht", sagt Milena Düsterwald, seine zweite Ehefrau. Sie stammt aus Slowenien, lebte in Köln, arbeitete in einem Café, lernte dort ihren späteren Mann kennen. Heinz Günther Düsterwald, der ehemalige Schreinergeselle und Bergmann, hatte inzwischen für sich einen neuen Berufsweg entdeckt. Er wurde ein so genannter Markthändler. Er konnte überzeugen, hatte ein sicheres Auftreten. 1968 arbeitete er als Freiberufler ohne feste Anstellung in Frankfurt am Main, und bot auf Märkten in großen Städten Artikel an, die im Sortiment der Kaufhäuser nicht zu finden waren. Zum Beispiel einen Textilschwamm. Oder, wie man nachlesen kann, zuletzt einen Turbo-Garnierschneider, mit dem Frucht- und Gemüsedekorationen hergestellt werden konnten. "Und er konnte verkaufen", sagt Ehefrau Milena.

Die beiden lebten, wenn man so will, zunächst in "wilder Ehe" zusammen: "Dann stellte ich fest, dass meine Aufenthaltsgenehmigung für die Bundesrepublik abgelaufen war. Er sagte: ,Lass uns heiraten.' Die Hochzeit war am 15. Januar 1975, nur standesamtlich, im Freundeskreis." Sie erzählt: "Es war nie langweilig mit ihm, er diskutierte gern, hatte überall Freunde. Und er konnte ausgezeichnet kochen."

1977 wurden Sohn Sven und 1983 Tochter Jessica geboren, die mit uns zusammensitzt und über ihren Vater erzählt: "Er war gläubiger Protestant, aber kein Kirchgänger. Er sagte: ,Gott ist überall.´ Er war ein gerechter nachdenklicher Mann, vielseitig interessiert. Nachdenklich, aber auch einer, der überzeugen konnte. Sonst wäre er ja als selbstständiger Markthändler nicht erfolgreich gewesen.. Er war SPD-Anhänger, aber kein Parteimitglied. Er hat viel gelesen, Zeitungen, aber auch Bücher. Er hatte ein gutes Allgemeinwissen."

Tochter Jessica, die später Sozialpädagogik studierte und als Erziehungsleiterin arbeitet, sagt, als ich sie frage, wie er als Vater war: "Egal, was ich gefragt habe. Er konnte antworten. Er war verständnisvoll. Er hat mir durch die Pubertät geholfen. Er war irgendwie immer unterwegs. 2005 ging er in Rente. Aber das darf man nicht wörtlich nehmen. Er war weiter Markthändler. Und im selben Jahr zog die Familie in ein Einfamilienhaus in Völklingen- Heidstock. Das Haus war kleiner als ihr Haus in Saarbrücken. Ich war ausgezogen. Da brauchten sie nicht mehr so viel Platz."

2006 lernte Tochter Jessica ihren späteren Ehemann Heiko kennen. Und 2013 wurde Enkelsohn Matei geboren. Tochter Jessica: "Er war ein toller, stolzer und sehr liebevoller Opa." "2010", so erzählt seine Frau Milena, "blieb ihm das erste Mal bei einem Spaziergang die Luft weg. Er hat sein Leben lang stark geraucht, 40 Zigaretten am Tag. Im Januar 2014 hatte er Darmprobleme. Bei einer Endoskopie wurde Krebs diagnostiziert. Dann hatte er zwei Herzinfarkte. Er wurde operiert. Die OP war erfolgreich. Er erholte sich. Im September kam er wieder ins Knappschaftskrankenhaus nach Püttligen. Er starb dort."