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Epifanio Nicastro lebte an vielen Orten, wurde aber nirgends heimisch.

Serie Lebenswege : Immer auf der Suche nach dem Glück

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Epifanio Nicastro.

In den 1950er-Jahren kamen, meist aus dem Süden Europas, sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland, um sich eine Existenz aufzubauen. Die meisten wollten später wieder in ihre Heimat zurückkehren, doch viele blieben für immer. Einer davon war Epifanio Nicastro, der am 16. Februar 1942 im sizilianischen Caltanisetta (Provinz Agrigento) als ältester Sohn von Giuseppe und Maria Nicastro geboren wurde.

Im Alter von 16 Jahren folgte er seinem Vater nach Deutschland, fand in den Erbacher Heimstätten (spätere Saarstraße) Unterkunft und arbeitete bei Ehrhardt & Hellmann auf dem Bau. Über die Umwege Stuttgart und Köln landete er schließlich im „Portofino“, der damals ersten Pizzeria in Homburg. Seine Geschwister Maria, Fina und Giovanni zogen mit der Mutter ebenfalls nach Homburg, wo die Geschwister heute noch leben. Epifanios ältester Sohn Giuseppe, heute erfolgreicher Unternehmer in St. Wendel, erzählt uns die Lebensgeschichte seines Vaters, dessen Weg alles andere als einfach war.

Anfang 1970 lernte Epifanio im lothringischen Behren les Forbach seine spätere Ehefrau, die damals 17-jährige Concetta Saldi kennen, die auch aus Sizilien stammte und Ende der 50er-Jahre mit ihren Eltern und 13 Geschwistern ausgewandert war. Wie es die sizilianische Tradition damals verlangte, machte Epifanio mit seinen Eltern einen Antrittsbesuch bei Familie Saldi und bat um Concettas Hand – obwohl er sie noch gar nicht kannte. „Eine arrangierte Hochzeit eben“, sagt Giuseppe Nicastro. Der elterliche Segen wurde erteilt, und die beiden heirateten im August 1970 in Behren. Im Juli 1971 kam Sohn Giuseppe zur Welt, der noch zwei Brüder bekam: Sebastiano (1972) und Giovanni (1976). Bis Mitte der 70er-Jahre wohnte die junge Familie in Erbach. Dann machte sich Epifanio selbstständig und eröffnete das Ristorante-Pizzeria „Da Nicastro“ in Blieskastel – mit durchschlagendem Erfolg. „Mein Vater war der erste Italiener in Blieskastel, der Pizza im Angebot hatte, und die Blieskasteler liebten diese Spezialität“, erzählt Giuseppe Nicastro. Epifanio verdiente viel Geld – das er aber auch gerne wieder ausgab. Er kaufte ein Haus, leistete sich einen Pontiac und schickte seine zwei ältesten Söhne ins Internat. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 70er trieb die Zinsen aber so in die Höhe, dass Epifanio in Zahlungsschwierigkeiten geriet. 1980 musste er sein Restaurant schließen und das Haus mit Verlust verkaufen.

Die Familie zog nach Rodenbach bei Kaiserslautern. Dort betrieb sie die „Reiterklause“, doch die Pfälzer mochten Pizza nicht so, das Restaurant brachte nicht den gewünschten Ertrag. Eines Tages stattete der aus Rodenbach stammende damalige Fußballnationalspieler Hans-Peter Briegel der „Reiterklause“ einen Besuch ab und schloss mit Epifanio eine langjährige Freundschaft. „Als Briegel vom 1. FC Kaiserslautern zu Hellas Verona wechselte, besuchte ihn mein Vater in Verona und verbrachte sogar ein paar Tage in Briegels Haus“, erzählt Sohn Giuseppe. Nachdem Epifanio auch die „Reiterklause“ schließen musste, übernahm er in Glan-Münchweiler die nächste Gastronomie, die ebenfalls nicht gut lief. Er zog nach Hüttigweiler und übernahm dort 1985 die „Brückenschänke“. Obwohl seine Gäste die italienisch-mediterrane Küche liebten und das Restaurant sich gut machte, musste man wieder weiterziehen. „Mein Vater konnte sich mit dem Eigentümer das Hauses nicht über notwendige Umbauarbeiten einigen“, sagt Giuseppe Nicastro. So ging es 1989 nach Heiligenwald, wo Epifanio für kurze Zeit das Restaurant „Am Sachsenkreuz“ betrieb, ehe er 1990 in Homburg das Restaurant „La bonne Auberge“ eröffnete. Privat wurde er in Saarbrücken auf dem Rodenhof ansässig, wo er bis zum Schluss wohnte. „Wir wurden an keinem Ort so richtig heimisch, zogen oft um, Freundschaften wurden immer wieder auseinandergerissen“, fasst Giuseppe Nicastro traurig zusammen.

Epifanio Nicastro mit seinen Schwestern Fina (links) und Maria 1951 Foto: Familie Nicastro/unbekannt

2004 erkrankte Epifanio Nicastro an Krebs, der nicht operabel war. Es folgten viele schwere Jahre mit weiteren Krankheiten, wie Diabetes, Arthrose, Grauem Star und Anzeichen von Demenz. Über ein besonderes Erlebnis durfte sich Epifanio dennoch freuen: „Etwa zwei Jahre vor seinem Tod unternahm ich mit ihm eine Tour durch seine Vergangenheit“, erzählt Sohn Giuseppe. Sie besuchten das ehemalige Wohngelände in Erbach, die ehemalige Arbeitsstätte Portofino und die Sportanlage des TuS Lappentascherhof, wo Epifanio lange Fußball gespielt hatte. Dort trafen sie im Clubheim auf ein paar ältere Herren, die Karten spielten. Einer von ihnen sah Epifanio an und sagte: „Ich kenne dich doch! Du bist doch der Peter!“ (Epifanios Spitzname bei den Deutschen). „Es stellte sich heraus, dass beide einst in einer Mannschaft spielten, und es wurde ein toller Tag für meinen Vater“, erzählt Giuseppe Nicastro.

Die großen Leidenschaften seines Vaters waren der Fußball und die Küche. Besonders stolz war dieser auf die Karriere seines jüngeren, mittlerweile ebenfalls verstorbenen Bruders Giovanni, der lange Jahre Fußballprofi beim FC Homburg war. In seinen letzten beiden Lebensjahren baute Epifanio körperlich und geistig stark ab, musste schließlich in das Hospiz im evangelischen Krankenhaus Saarbrücken gebracht werden, wo er am 19. November 2019 mit 77 Jahren starb. Am 28. November 2019 wurde Epifanio Nicastro auf dem Waldfriedhof Burbach beigesetzt.

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