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Dr. Luitwin Bies ist nun zehn Jahre tot.

Serie Lebenswege : Er brauchte Tisch, Stuhl, Schreibmaterial

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Luitwin Bies.

„Dr. Luitwin Bies war ein netter angenehmer Mensch, bekennender Kommunist. Ich schätzte sein enormes Fachwissen und sein Engagement für die vergessenen Verfolgten und Unterdrückten.“ Mit diesen Worten hat Karl-Heinz Schäffner, früherer Leiter der Volkshochschule (VHS) Völklingen, Leben und Werk des 2009 verstorbenen Historikers, Politikers, Publizisten und Familienvaters gewürdigt.

Geboren 1930 in Merzig, und dort auch aufgewachsen, lernt Luitwin Bies in Thüringen seine spätere Frau Waltraut, eine gebürtige Berlinerin, kennen. Die Familie lebt ab 1955 in Völklingen und ab 1957 im Stadtteil Geislautern. Sie bekommen drei Kinder.

1950 wird Bies Mitglied der Kommunistischen Partei Saar (KPS), ein Jahr später Mitglied des Landesvorstandes bis zum Verbot. Er holt das Abitur im Fernkurs nach, absolviert ein Fernstudium der Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, promoviert zum Dr. phil. über das Thema „Klassenkampf an der Saar 1919 bis 1935 – Die KPD im Saargebiet im Ringen um die soziale und nationale Befreiung des Volkes“. Viele weitere Publikationen, Bücher, Schriften, Broschüren, Ausstellungen folgen, bis zuletzt. Dabei geht es um Themen wie den Sturz des Naziregimes, den antifaschistischen Widerstand, aber auch um Gegenbewegungen zur NS-Herrschaft aus dem katholischen Milieu beziehungsweise von Seiten der grenznahen Bevölkerung, und immer wieder um Einzelschicksale von engagierten saarländischen Frauen und Männern in der Zeit des Dritten Reichs.

„Mein Mann hat immer nur einen Schreibtisch, einen Stuhl und was zum Schreiben gebraucht, um unentwegt arbeiten zu können“, sagt seine Witwe im Rückblick. Recherchieren, schreiben, publizieren, unter anderem 15 Jahre lang als Leiter des Arbeitskreises „Stadtgeschichte“ bei der Völklinger VHS und im Archiv der Hüttenstadt – das ist die eine, die wissenschaftliche Seite von Bies. Als weiteres wichtiges Wesensmerkmal beschreibt Sohn Patric das nachhaltige Engagement seines Vaters, einem bekennenden Kommunisten, in gesellschaftlichen Fragen und seinem Einsatz für andere. „Nie wieder Krieg!“, lautete das Credo von Luitwin Bies. „Mein Vater hat sich lebenslang darum bemüht, das Andenken an die Opfer der verheerenden Weltkriege aufrecht zu halten und die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Das fing schon in seiner eigenen Familie an. Sein älterer Bruder ist ja im U-Boot-Krieg gefallen.“

Schon früh, ab 1956, habe sich sein Vater für die Verständigung mit der Sowjetunion eingesetzt, auch Reisen in die damalige UdSSR unternommen. Ab dem Ende der 50er-Jahre engagierte sich Bies in der „Freundschaftsgesellschaft BRD-UdSSR“ gemeinsam mit dem früheren Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine, aber auch mit politisch Andersdenkenden wie dem damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Franz Josef Röder für die Ostverträge und unterstützte aktiv die bis heute bestehende Städtepartnerschaft zwischen Saarbrücken und Tblissi.

Als engagierter Historiker erinnerte Bies an verfolgte Abgeordnete des früheren Saarländischen Landesrates und brachte damit ein aktuelles Forschungsprojekt der Uni Jena in die Gänge. Er recherchierte das Schicksal des 1933 als Vorzeigepionier im Kampf gegen den Faschismus nach Moskau gekommenen Jugendlichen Hubert L’Hoste aus Oberlinxweiler, ein menschliches Drama, das zu einem Buch mit dem Titel „Hubert im Wunderland“ führte; in dem gleichnamigen Film wirkte er sogar selbst mit. Patric Bies: „Wenn mein Vater nicht so viel gesammelt hätte, gäbe es heute diese Forschungen, Bücher und Filme überhaupt nicht.“

Luitwin Bies war darüber hinaus auch Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender der „West-Ost-Gesellschaft“ im Saarland sowie Gründungsmitglied der „Peter-Imandt-Gesellschaft“, die der Partei Die Linke nahesteht. Zwischen 1956 und 1974 engagierte sich Luitwin Bies im Völklinger Stadtrat. Zwischen 1983 und 1990 arbeitet er für die „Vereinigung der Verfolgten des NS-Regimes“ in Frankfurt/Main und ab 1990 bis 1995 als Stadthistoriker im Völklinger Archiv. Er leitete, wie erwähnt, 15 Jahre lang den VHS-Arbeitskreis „Stadtgeschichte“, der etliche Publikationen über Völklinger Episoden zwischen der Kaiserzeit ab 1870 über die beiden Weltkriege bis hin in die 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts verantwortet. „Mein Mann war Historiker aus Leidenschaft, der Zeit seines Lebens notiert, gesammelt, bewahrt und aufgeschrieben hat“, resümiert Waltraut Bies.

Der eingangs erwähnte VHS-Direktor Schäffner ergänzt: „Obwohl er aus seinem Bekenntnis zum Kommunismus nie ein Hehl gemacht hat, war Luitwin Bies in historischen Themen immer objektiv geblieben. Ein großer Mann, der von vielen Bürgerinnen und Bürgern in unserer Stadt geschätzt wurde und dessen Rat was zählte. Wir freuen uns sehr, dass der umfangreiche Nachlass von Dr. Luitwin Bies von der Familie dem Stadtarchiv zugeführt wurde. Damit bleibt das Wirken des Historikers und engagierten Völklinger Bürgers der Nachwelt erhalten.“

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege