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Die Schwestern Adele Bähr und Martha Rundstadler haben fast ihr ganzes Leben zusammen verbracht.

Serie Lebenswege : Die Schwestern waren unzertrennlich

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Adele Bähr und Martha Rundstadler.

Familienbande halten meist auch in schlimmen Zeiten. Ein Paradebeispiel dafür waren die Schwestern Adele Bähr und Martha Rundstadler aus Kleinblittersdorf, die 91 Jahre lang – also fast ihr ganzes Leben – in direkter Nähe zueinander verbrachten.

Martha wurde am 11. Januar 1925 als erstes Kind von Johann und Maria Braun in Kleinblittersdorf geboren. Adele kam am 14. März 1929 in Neufechingen zur Welt. Seit 1927 wohnte die Familie in St. Arnual, wo der Vater als berittener Gendarm eine Dienstwohnung erhalten hatte. Im August 1935 wird Johann Braun nach Medelsheim im Bliesgau versetzt, sodass die junge Familie erneut umziehen muss. Hier lernt Martha den Nachbarsjungen Winfried Rundstadler kennen, den sie später heiraten wird.

Die ersten beiden Wohnungswechsel waren beruflich bedingt, der dritte am 1. September 1939 nach Blankenhain bei Weimar (Thüringen) war ungewollt: Der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen, Medelsheim lag in der „Roten Zone“. Die Bewohner wurden ins Innere des Deutschen Reiches evakuiert, mussten ihren Besitz zurücklassen. Frankreich war im Juni 1940 besiegt, die Familie Braun kehrte zurück nach Medelsheim, musste am 1. August 1940 jedoch erneut umziehen, Johann Braun war nach Metz versetzt worden. Dort machte Adele ihren Hauptschulabschluss und besuchte die Hausfrauenberufsschule.

Im September 1944 hatte sich das Kriegsgeschehen gewendet, wieder wurde die Familie evakuiert: Sie bezog bei einem Onkel in Morbach im Hunsrück Quartier. Nach dem Krieg im Mai 1945 zog ein Teil der Familie mit einem Handwagen von Morbach nach Kleinblittersdorf und bereitete in den Kriegstrümmern in der Saargemünder Straße eine Wohnung vor. Mutter Maria Braun organisierte derweil einen Lkw und folgte mit den zwei Töchtern im Juli 1945. Wenig später kehrte Vater Johann aus der Kriegsgefangenschaft zurück, man bezog eine größere Wohnung in der Kloppstraße. Hier wurde die damals 20-jährige Martha nun von ihrem Jugendfreund Winfried besucht, er kam jeden Sonntag zu ihr geradelt. Ab 1947 hatte Adele eine gute Anstellung beim Sozialamt der Stadt Saarbrücken gefunden und lernte am 1. Mai 1948 auf einer Hochzeit den damals 24-jährigen Alois Bähr kennen und lieben. Zwei Jahre später, am 5. September 1950, wurde in der Pfarrkirche St. Agatha geheiratet – an diesem Tag läuteten erstmals alle vier Glocken gemeinsam. 1955 wurde der erste Sohn, Hans-Joachim, geboren, 1959 folgte der zweite Sohn, Werner. Bis zum Tode von Alois Bähr im Dezember 2018 war die Ehe mehr als 68 Jahre lang glücklich.

Schwester Martha hatte ihren Winfried am 12. Oktober 1948 geheiratet und war nach Überherrn gezogen, wo am 11. Januar 1950 der erste Sohn Walter zur Welt kam. Lange getrennt waren die Schwestern nicht, schon im Dezember 1950 zog Martha mit Mann und Kind wieder nach Kleinblittersdorf in die Saargemünder Straße. Adele wohnte mit Alois in dessen Elternhaus in der Friedhofstraße. Vater Johann kaufte 1951 in der Almet ein Grundstück, wo mit einem Unternehmer und viel Eigenleistung ein Doppelhaus gebaut und ein großer Nutzgarten zur Selbstversorgung angelegt wurde. Bis heute wird das Doppelhaus bereits in der zweiten Generation von je einem Sohn von Martha und Adele mit Schwiegertochter bewohnt. Das Besondere an diesem Haus war und ist der gemeinsame Balkon, auf dem Martha und Adele viel Zeit miteinander verbrachten. Nun verlief das Leben der beiden Schwestern geregelter.

Martha bekam 1954 mit Manfred ihr zweites Kind, Opa Johann Braun, der im Obergeschoss über Adele wohnte, bewährte sich als ausdauernder Kinderbetreuer. Die Kinder wurden groß, heirateten, schenkten ihren Eltern vier Enkelkinder und feierten in der nun großen „Bährenfamilie“ viele Geburtstage. Es gab immer die Schwarzwälder-Kirschtorte mit doppelter Kirscheinlage von Adele. „Die dazu erforderlichen Schattenmorellen kamen selbstverständlich aus dem eigenen Garten“, erzählt Adeles Sohn Hans-Joachim.

Die Ehe von Adele und Alois Bähr war geprägt vom ehrenamtlichen Engagement. Beide waren in Vereinen aktiv. Alois stand in vielen Ämtern, insbesondere in der katholischen Kirchengemeinde, in vorderster Reihe und hatte Adele stets als starke Frau im Hintergrund. „Sie war Ratgeber, Schreibkraft, Redenschreiber und häufig auch Impulsgeberin“, sagt Sohn Hans-Joachim. Sie waren bei Basaren, Pfarr- und Dorffesten engagiert. Über Jahre trug Adele mit ihrer Pfarrfesttombola zum wirtschaftlichen Erfolg der Veranstaltung bei.

Doch ab 2017 konnte Adele Haushalt und Küche kaum noch bewältigen. Ehemann Alois musste ab dem Frühjahr 2016 täglich von der Sozialstation betreut werden. Schwester Martha starb am 2. November 2016 mit 92 Jahren nach einem Schlaganfall zuhause bei ihrer Familie. Ab März 2017 mussten Adele und Alois Bähr mehrfach ins Krankenhaus. Ab April 2017 entlastete eine Vollzeitpflegekraft Schwiegertochter Angelika in der Pflege, nur so konnten beide zuhause sein. Alois Bähr starb am 21. Dezember 2018, Adele folgte ihrem geliebten Mann am 25. Juli 2019. Auf dem alten Kleinblittersdorfer Friedhof fand sie am 31. Juli im Familiengrab, das ihr Mann als Ehrenverpflichtung für seine Dienste von der katholischen Kirchengemeinde erhalten hatte, ihre letzte Ruhe.

 Martha Rundstadler (links) mit Schwester Adele Bähr
Martha Rundstadler (links) mit Schwester Adele Bähr Foto: Familie
 Adele Bähr
Adele Bähr Foto: Familie

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege