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Bettina Reichert ist nun zehn Jahre tot.

Serie Lebenswege : Sie hat trotz Leid nie das Lachen verloren

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Bettina Reichert.

Bettina Reichert aus dem Saarbrücker Stadtteil Gersweiler hat ihr ganzes Leben in den Dienst der Familie gestellt. Am 29. November jährte sich ihr zehnter Todestag. Ihre Tochter Claudia Loew, ihr Schwiegersohn Thomas Loew und ihre Cousine Doris Mais erinnern im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung an eine Frau, für die privates Vergnügen einen ganz geringen Stellenwert hatte.

Bettina Reichert kam am 27. Mai 1923 als erstes Kind des Eisenbahnsekretärs Franz Schmitz und dessen Ehefrau Margarethe, geborene Bollinger, in Burbach zur Welt. Sie hatte sieben Geschwister, von denen heute noch vier leben. Ihr ältester Bruder – der 1924 geborene Franz – starb mit nur 19 Jahren an der Duchenne-Muskeldystrophie (DMD), einer genetischen Erbkrankheit, die meist nur Buben befällt und unheilbar ist. Doch das wusste Bettina damals noch nicht – später sollte sie es allerdings in der eigenen Familie gleich mehrfach erfahren. „Von sieben Jungen in meiner Generation erkrankten vier an DMD“, erzählt Claudia Loew. Bettina kümmerte sich schon früh um ihren kranken Bruder und war ihrer Mutter Margarethe vor allem im Zweiten Weltkrieg und bei zwei Evakuierungen nach Mainfranken (1939) und Hamburg (1944) eine große Stütze.

1942 lernte Bettina bei einer Straßenbahnfahrt ihren späteren Ehemann, den ein Jahr jüngeren Arno Reichert aus Klarenthal, kennen. Doch die erste Verabredung platzte. Während Bettina vor einem Kino auf Arno wartete, hatte der gerade seinen Einberufungsbefehl erhalten und war an die Ostfront abkommandiert worden. In Russland geriet er in Gefangenschaft. Nach dem Krieg arbeitete Bettina zunächst in Paris als Au-pair-Mädchen, ehe ihr Vater sie 1949 nach Burbach zurückbeorderte. Dort hörte sie eines Tages auf der Straße jemanden „Bettina! Bettina!“ rufen. Es war Arno Reichert, der gerade aus sibirischer Gefangenschaft zurückgekehrt war. „Das Schicksal wollte es so. Sie waren füreinander bestimmt“, glaubt Tochter Claudia. Am 31. August 1951 wurde in Burbach Hochzeit gefeiert, danach zog das junge Paar nach Klarenthal in Arnos Elternhaus. Sie bekamen drei Kinder: Hartmut (1952), Claudia (1954) und Stephan (1958). Doch Claudias Brüder erkrankten jeweils im Alter von vier Jahren an DMD. Hartmut starb im Dezember 1974, Stephan im März 1979. Mutter Bettina pflegte ihre Söhne Tag und Nacht und kümmerte sich zudem um ihre Schwiegermutter, die an Diabetes erkrankt war.

„Wie sie das alles geschafft hat, weiß ich bis heute nicht“, staunt Claudia Loew. Dabei war Bettina Reichert selbst schwer krank. 1965 war bei ihr Unterleibskrebs diagnostiziert worden. Ihr musste ein Tumor aus der Gebärmutter entfernt werden. Als wenn das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, bekam sie auch noch eine Nierenbeckenentzündung und musste sechs Wochen ins Krankenhaus. Kaum zuhause stürzte sie sich wieder in ihre Arbeit. „Kraft und Stütze gab ihr ihr Glaube“, sagt Claudia Loew. Einen großen Glücksmoment erlebte Bettina Reichert 1973, als Claudias Tochter Simone auf die Welt kam und Bettina zur Oma machte. „Da war sie völlig happy“, erinnert sich Claudia Loew.

Urlaub kannte Bettina Reichert nicht. „Dafür hatte sie gar keine Zeit“, sagt ihre Tochter. Nur ein einziges Mal gönnte sich Bettina Reichert mit ihrem Ehemann ein paar Tage zum Ausruhen, als die Gemeinde Klarenthal ihr für ihre aufopfernde Pflegeleistung eine Reise ins österreichische Lermoos schenkte.

1981 zog die Familie von Klarenthal nach Gersweiler, wo sie in der Krughütter Straße ein Haus kaufte. Doch vier Jahre später schlug das Schicksal erneut zu, als Arno Reichert an Krebs erkrankte. Ehefrau Bettina pflegte ihn, bis Arno Reichert 1985 starb. Als Bettinas Tochter Claudia nochmals heiratete und ihr Ehemann Thomas den dreijährigen Jan mit in die Ehe brachte, war es für Bettina Reichert keine Frage, Jan als ihr Enkelkind anzunehmen und zu verwöhnen. Sie war selig, als Enkelin Simone 1996 heiratete und ihr 1999 mit Philipp einen Urenkel schenkte.

Bettina Reichert war zeitlebens nie allein, sie wohnte immer mit ihren Liebsten in einem Mehrgenerationenhaus und war stets der Mittelpunkt der Familie. Im Juli 2002 wurde ihr eine Herzklappe eingesetzt, trotzdem wollte sie sich sofort wieder in die Arbeit stürzen. „Wir mussten sie regelrecht bremsen“, erzählt Claudia Loew. Ein paar Jahre lang ging alles gut, doch ab 2008 forderte das Alter seinen Tribut, Bettina Reichert baute körperlich immer mehr ab, konnte keine Treppen mehr steigen und musste sich mit dem Rollator fortbewegen. Obwohl sich Claudia und Thomas Loew sowie Enkelin Simone jetzt liebevoll um sie kümmerten, konnten sie nicht verhindern, dass Bettina Reichert im Juni und Juli 2009 zweimal in ihrer Wohnung stürzte. Ein Aufenthalt in der Geriatrie Brebach wurde notwendig, es schloss sich im August 2009 der Umzug ins Pflegeheim Füllengarten an. „Sie durfte nicht mehr allein zu Hause sein“, sagt Claudia Loew. Aber auch im Pflegeheim war Bettina Reichert nicht vor Unfällen geschützt. Am 29. November 2009 stürzte sie erneut, brach sich den Oberschenkelhals, wurde sofort operiert, doch nach der OP kam es zum Kreislaufzusammenbruch. Bettina Reichert starb mit 86 Jahren. Am 4. Dezember 2009 wurde sie auf dem Gersweiler Friedhof zu Grabe getragen. Claudia Loew fasst das Leben ihrer Mutter in einem Satz zusammen: „Sie hat nie geklagt, nie gejammert, nie das Lachen verloren.“

 Bettina Reichert im Jahr 2002
Bettina Reichert im Jahr 2002 Foto: Familie

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege