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Amanda Hassel wäre an diesem Samstag 80 Jahre alt geworden.

Serie Lebenswege : Ein Feuer löschte ihr Leben aus

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Amanda Hassel.

An diesem Samstag, 23. November, wäre Amanda Hassel aus Lebach-Landsweiler 80 Jahre alt geworden. Sicherlich hätte sie diesen Festtag gerne gefeiert und viele hätten mitgefeiert – doch es sollte anders kommen.

Amanda Hassel war am 23. November 1939 als zweites Kind von Agnes Reinhardt, geborene Raber, und Viktor Reinhardt in Landsweiler zur Welt gekommen. Sie hatte noch einen acht Jahre älteren Bruder, Gilbert. Amandas Mutter war eine gute Schneiderin, und so bot sich die Möglichkeit, das Familieneinkommen, für das Vater Viktor als Stahlwerker auf der Völklinger Hütte sorgte, durch Heimarbeit aufzubessern. Auf den ersten Fotos, die Amandas Tochter Beate Hassel und deren Ehemann Ralf Helmstädter in ihrem Haus in Saarbrücken zeigen, sieht die junge Familie glücklich aus und lächelt erwartungsfroh in eine vielversprechende Zukunft. Doch 1941 folgte ein erster Schicksalsschlag: Als kriegswichtiger Facharbeiter blieb Amandas Vater im Zweiten Weltkrieg vom Wehrdienst verschont, aber die junge Familie verlor den Ernährer dennoch, als er bei einem Arbeitsunfall tödlich verunglückte.

Vaterlos musste die Familie Ende 1944 vor den Kriegswirren in die Nähe von Hof in Bayern fliehen. Die damals Fünfjährige Amanda erinnerte sich gerne an diese Zeit und erzählte oft Geschichten darüber. Wie von den Karussellfahrten – einem damals selten gekannten Luxus –, um die sie mit dem Ausruf „Bittscheen, Fräulein, Reitschul’ fahr’n“ die Kinderfrau anbettelte. Nach dem Krieg besuchte Amanda gemeinsam mit ihrem späteren Mann Adolf Hassel, der um die Ecke wohnte, die gleiche Klasse in der Landsweiler Volksschule. Zuhause musste Amanda sich schon damals um den Haushalt kümmern, denn Mutter Agnes nähte bis spät in die Nacht, um die Familie finanziell über die Runden zu bringen.

Nach ihrer Schulzeit arbeitete Amanda in einer Näherei in Riegelsberg und heiratete am 5. Juni 1961 ihre Jugendliebe, den Offsetdrucker Adolf Hassel. Im Herbst 1962 wurde Tochter Beate geboren. Amanda versorgte jetzt nicht nur den Haushalt der Mutter, sondern auch noch den der jungen Familie und kümmerte sich leidenschaftlich gerne um den eigenen Garten, in dem sie Obst, Gemüse und Blumen pflanzte. Später arbeitete sie in einem kleinen Molkerei­laden im Dorf und pflegte die Kontakte zu den Menschen in Landsweiler. Gerne half sie auch bei einem Bauern in der Nähe aus, dem sie beim Kartoffeln- und Rummelernten sowie im Stall half. Sie nahm aktiv am dörflichen Vereinsleben teil, war Mitglied im Turnverein, Kegelverein, Landfrauenverein und Motorsportclub.

Wie viele Frauen dieser Generation machte sie erst spät, mit 45 Jahren, den Führerschein. Ob Weinlese in Rheinhessen oder Einkäufe – mit dem eigenen Auto wurde dies viel leichter. Erneut schlug das Schicksal zu, als Mutter Agnes erkrankte und das Bett hüten musste. Mit Hilfe eines ambulanten Pflegedienstes und der aufopfernden eigenen Pflegeleistung versorgte Amanda ihre Mutter sechs Jahre lang zu Hause, doch am 9. November 1995 verstarb die geliebte Mutter im Alter von 86 Jahren.

Amanda schöpfte Kraft aus ihrem Glauben, dem regelmäßigen Besuch eines Fitnesscenters und ihren langjährigen Freundinnen. Erholung fand sie im Urlaub mit den Turnerfrauen oder mit Tochter, Schwiegersohn und Freunden in die Provence, nach Burgund, in die Bretagne sowie bei Pilgerfahrten nach Lourdes.

Beate Hassel beschreibt ihre Mutter als geselligen Menschen, der sich durch Freundlichkeit, Lebensfreude, Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit auszeichnete: „Sie hatte das Herz am richtigen Fleck.“ Berühmt war sie für ihren köstlichen Kartoffelsalat, ihren Schweinskäs und ihren Frankfurter Kranz. Mit Ende 60 hatte bei Amanda Hassel mit Osteoporose und Arthrose erste körperliche Gebrechen begonnen, das Fortbewegen gestaltete sich immer schwieriger. Sie benötigte ein künstliches Knie, eine Versteifung der Wirbelsäule war erforderlich, die Knochen brachen, ohne dass sie stürzte. Jede Bewegung war eine Tortur. „Und trotzdem kümmerte sie sich liebevoll um ihren ebenfalls erkrankten Mann“, erzählt Tochter Beate.

Am 2. November 2017 geschah das Unfassbare, als im Keller ihres Hauses ein Feuer ausbrach. Amanda Hassel war allein im Haus, ihr Ehemann lag im Krankenhaus. Obwohl Tochter und Schwiegersohn ihr immer wieder anboten, bei ihnen in Saarbrücken zu übernachten, wenn sie alleine war. Aber sie wollte „das Haus nicht alleine lassen“. Schnell stand das ganze Haus in Flammen, schwere, schwarze Rauchschwaden zogen durchs ganze Dorf. Die Feuerwehr trug Amanda Hassel aus dem brennenden Haus, der Rettungsdienst konnte sie noch wiederbeleben, doch sie kam nicht mehr zu Bewusstsein und starb aufgrund der schweren Rauchvergiftungen zwei Tage später auf der Intensivstation des Saarbrücker Winterbergklinikums. Vergebens hoffend begleiteten sie Tochter, Schwiegersohn, Verwandte und Freunde in den letzten Stunden. Am 10. November 2017 wurde Amanda Hassel in Landsweiler zu Grabe getragen. Zur Trauerfeier erschien das ganze Dorf. Nicht nur die Menschen, sondern auch der Himmel weinte an diesem grauen Tag.

 Amanda Hassel 2014
Amanda Hassel 2014 Foto: Familie Hassel

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege