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Serie Zurück zu G9?
Lehrstück in Sachen Bürger-Engagement

Abi nach 12 oder nach 13 Jahren?
Abi nach 12 oder nach 13 Jahren? FOTO: Armin Weigel / dpa
Saarbrücken. Hochschulreife nach 12 oder nach 13 Jahren? Im Saarland hat die Initiative „G9-jetzt!“ dazu ein Volksbegehren angestrengt. Welche Erfahrungen haben die Initiatoren dabei gemacht? Und was treibt sie an? Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Geht’s nur uns so? Das war die Frage, die alles andere ins Rollen brachte – bis hin zum Volksbegehren jetzt. „Geht’s nur uns so, dass unser Kind in der Schule jeden Tag nur durchgehetzt wird?“ – ohne dass Themen im Unterricht durchdrungen, geschweige denn vernetzt würden? Dann aber merkten Katja Oltmanns und Guido Jost, dass es auch anderen Kindern so ging wie ihrer ältesten Tochter (damals Sextanerin in einem Saarbrücker Gymnasium). Das war 2013. Doch bei der Landeselternvertretung ließ man sie nach Josts Aussage abblitzen. Also suchten sie anderswo Verbündete und stießen Anfang 2014 auf G9-Initiativen in anderen Bundesländern. „Wieso gibt’s hier keine?, fragten wir uns“, erzählt Katja Oltmanns. Zwei Jahre später hatten sie ihre eigene G9-Bewegung mit einem harten Kern von rund 25 Aktiven. Und das derzeit laufende Volksbegehren angestrengt.


Ziemlich rasant das alles. Dass das Thema G8/G9 sie mal so absorbieren, sie ihm fast ihr gesamtes Privatleben opfern würden, hätten sich Oltmanns und Jost 2013 nicht gedacht. Wie auch? Wer weiß schon, was es heißt, ein Volksbegehren auf den Weg zu bringen? Doch selbst wenn – „wir würden es wieder tun“, so das Paar heute. Weil sind davon überzeugt sind, das Richtige zu wollen. Dass ihre Kinder selbst im Falle eines (derzeit sehr unwahrscheinlichen) Erfolges des Volksbegehrens nicht mehr davon profitieren würden, ändert für  beide daran nichts.

Das Volksbegehren über die Rückkehr zu G9 ist auch ein Lehrstück über bürgerschaftliches Engagement heute. Fragt man Katja Oltmanns und Guido Jost, wie sie die Bereitschaft dazu heutzutage einschätzen, ziehen sie eine ernüchternde Bilanz. „Man engagiert sich nur bei unmittelbarer Betroffenheit oder wenn man einen persönlichen Vorteil erwartet“, sagt Jost, Umweltplaner von Beruf. Wieso aber haben sie selbst (und die Hälfte ihrer Mitstreiter) sich das alles aufgeladen? Wochenenden für das G9-Projekt zu opfern. Abends oft noch mit Verbänden und Initiativen zu korrespondieren. Mangels Sponsoren eigenes Geld in die Kampagne zu stecken. Regelmäßig Infostände in Fußgängerzonen aufzustellen und sich manchmal beleidigen zu lassen von Passanten, die ihnen nur Profilierungswut unterstellten. All das. Weil sie eine ganze Weile vom Erfolg ihrer Initiative getragen wurden, viel positive Resonanz erhielten, umreißt es Oltmanns. Und weil sie sich dachten: Wenn es sonst keiner tut, müssen wir’s eben machen.

„Das ist ja jetzt überhaupt erst das zweite Volksbegehren auf Grundlage der heutigen Landesverfassung“, sagt Thomas Gretscher, einer der anderen Aktiven – 2015 scheiterte eines zur Begrenzung der Überziehungskreditzinsen der Sparkassen. In kaum einem anderen Bundesland sind die Hürden aber auch derart hoch. In allen Landesverfassungen – außer im Saarland, in Bayern, Brandenburg und Hessen – besteht die Möglichkeit der „freien Sammlung“ von Unterschriften auf der Straße, die die Behörden dann prüfen. Im Saarland hingegen muss man in seiner Meldegemeinde persönlich vorstellig werden, um zu unterschreiben. Damit nicht genug, sind deren Öffnungszeiten meist alles andere als arbeitnehmerfreundlich. Alle Parteien forderten immer eine funktionierende, lebendige Demokratie, sagt Gretscher. Und schiebt nach: „Wollen sie es wirklich?“

Sollte das G9-Volksbegehren scheitern, könnte es also auch an den bürokratischen Beschwernissen und der Trägheit der Bürger (nach dem Motto „Dafür extra ins Bürgeramt?“) liegen. Sprachen sich doch bei einer von der Elterninitiative in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage 72 Prozent der Saarländer Anfang 2017 für die Abkehr von G8 aus. Nie waren die Befürworter längeren, entschleunigteren Lernens ihrem Ziel näher als an jenem Tag. Mit einem Mal beherrschte das Thema auch den Landtagswahlkampf. „Herr Commercon hat damals nochmal die alten SPD-Wahlkampfplakate von 2012 rausgeholt, auf denen, G8 ist Murks’ stand“, sagt Jost mit einem Gran Zynismus in der Stimme.



Es war nicht der einzige Moment, der die Sprecher der „G9-jetzt!“-Initiative im Lauf der Jahre irritierte. In der Landesschülervertretung (LSV), so schildern sie es, war es 2014 bereits zu einem viel radikaleren Gesinnungswandel gekommen. In einem „Spiegel online“-Interview von Dezember 2014 habe der damalige LSV-Vorsitzende Florian Weimann, bis dahin ein vehementer G8-Kritiker, plötzlich „eine 180-Grad-Kehrtwende“ vollzogen, erinnert sich Jost. Damals hatte der Elternverein den vermeintlichen „Schulfrieden“ an der Saar bereits gehörig aufgemischt – und damit offenbar insbesondere die CDU auf den Plan gerufen, unter deren Ägide G8 2001 mit viel Aplomp im Saarland eingeführt worden war – womit man bundesweit endlich mal Vorreiter sein durfte. Jost glaubt heute, „dass die alte Union der Jungen Union damals nahegelegt hat, wo es lang geht“.

Sie hätten Anfang 2014, als es losging, eigentlich nur „das ganze Thema G8/G9 nochmal ergebnisoffen diskutieren wollen“, sagt Oltmanns. „Erst als wir merkten, dass viele unsere Initiative begrüßen, haben wir uns auf den Weg gemacht“, so schildert es Jost. Nach dem Einknicken der Landesschülervertretung und der „indifferenten Haltung“ der Landeselternvertretung muss sich auch Trotz in ihnen geregt haben. Wurden sie doch das Gefühl nicht los, dass ein unvoreingenommenes Stimmungsbild unter den Betroffenen (Schülern, Lehrern und Eltern) von Verbandsseite nicht gefragt war. „Das war in den anderen Bundesländern ganz ähnlich. Auch dort mauerten die Schüler- und Elternvertretungen“, meint Oltmanns. Desillusionierend sei auch die Anhörung im Landtag verlaufen, so Jost: „Wir dachten, dort gehe es um einen ernsthaften Austausch über Für und Wider. Aus dem Bildungsausschuss aber kamen nur Bedenken.“

Ihre wichtigste Lehre aus den drei Jahren ist, dass man für ein solches Volksbegehren mehr Geld brauche. „Erfolg hängt von Werbung ab. Radio- oder Plakatwerbung hätte uns geholfen“, so Jost. Wieviel Frust der Januar für sie bringen wird, wenn die Eintragungsfrist in den Rathäusern am 3. Januar abläuft und die nötigen 54 000 Unterschriften wohl nicht erzielt worden sind, „wird auch davon abhängen, ob wir krachend scheitern oder knapp“, meint er. „Demokratie lebt vom Mitmachen“, heißt es auf der Internetseite der G9-Initiative. Darüber sollten die Bürger bis 3. Januar nochmal nachdenken.

saarlandweite Elterninitiative "G9 jetzt" Redaktionsgespräch im kleinen Konferenzraum der SZ, Katja Oltmanns
saarlandweite Elterninitiative "G9 jetzt" Redaktionsgespräch im kleinen Konferenzraum der SZ, Katja Oltmanns FOTO: Robby Lorenz
saarlandweite Elterninitiative "G9 jetzt" Redaktionsgespräch im kleinen Konferenzraum der SZ, Guido Jost
saarlandweite Elterninitiative "G9 jetzt" Redaktionsgespräch im kleinen Konferenzraum der SZ, Guido Jost FOTO: Robby Lorenz