| 20:14 Uhr

Die Halde Viktoria in Püttlingen
Viktoria und der Prinz aus China

Mitte der 70er Jahre haben Arbeiter die Halde Viktoria mit 80 000 Gehölzen bepflanzt. Im Herbst leuchtet sie inzwischen in allen Farben. Rechts ist der alte Absinkweiher zu sehen.
Mitte der 70er Jahre haben Arbeiter die Halde Viktoria mit 80 000 Gehölzen bepflanzt. Im Herbst leuchtet sie inzwischen in allen Farben. Rechts ist der alte Absinkweiher zu sehen. FOTO: Robby Lorenz
Die Halde in Püttlingen heißt Viktoria und gehört zu den ältesten im Saarland. Aus dem Industrie- ist ein Naturschutzgebiet geworden. Von Michael Kipp

China ist von der Halde Viktoria in Püttlingen aus nicht zu sehen. Im Osten reicht der Blick gerade mal bis zu den Kraftwerken Weiher und Bexbach. Im Südwesten wächst Frankreich aus dem Warndtwald am Horizont. Mit seiner dampfenden Petrochemie in Carling. Im Westen: das Saartal, die Halde Duhamel, das inzwischen still gelegte Kraftwerk Ensdorf und die Kokerei Dillingen. Die heute noch die Stahlhütte befeuert, die so arge Konkurrenz hat. Aus China. Auch die Völklinger Hütte ist zu sehen. Ein Weltkulturerbe.


Das ist das Gelände der Grube Viktoria am Fuße der Halde nicht. Seit 1963 ist sie geschlossen. Unrentabel. Nur das Fördergerüst Viktoria II und ein paar unter Denkmalschutz stehende Funktionsgebäude stehen noch. 1300 Bergleute förderten zuletzt 2100 Tonnen Kohle pro Tag. Das einzige, was die Grube heute noch aus dem Schacht nach oben bringt, ist Grubenwasser. Bis zu 6000 Kubikmeter pro Tag. Es fließt in den Schlehbach. Um den Schacht haben sich Mittelständler auf dem Gelände angesiedelt, das nun Gewerbegebiet „Viktoria II“ heißt.

Namensgeberin ist Kronprinzessin Victoria Adelaide Mary Louisa von Sachsen-Coburg und Gotha. Die Mutter von Kaiser Wilhelm II. – der die Chinesen um 1900 genau im Blick hat. Die Ermordung deutscher Missionare und deutscher Gesandter in China, der Boxerkrieg – all das nervt den Kaiser. So kommt es, dass am 26. September 1901 die Püttlinger Viktoria-Schächte zu einem Schauplatz deutsch-chinesischer Diplomatiebemühungen werden. Prinz Tschun ist zu Gast. Ein Halbbruder des chinesischen Kaisers. „Der Bergmannsfreund“ – eine Zeitung „zur Unterhaltung und Belehrung der Bergleute“ – berichtet über den Besuch im Köllertal.

Die Reise ins Reich unternimmt der Prinz an Bord eines deutschen Schiffes von Shanghai nach Genua, mit der Eisenbahn nach Basel und von dort nach Brandenburg. In Potsdam trifft er Kaiser Wilhelm II.. Um die Verstimmungen diplomatisch zu lösen. Danach bereist der Prinz das Kaiserreich. Am 25. September kommt er mit dem Zug über Koblenz nach Saarbrücken. Im Hotel „Rheinischer Hof“ in der Bahnhofstraße steigt er ab. Am folgenden Tag besucht er die festlich geschmückte Grube Gerhard in Luisenthal. Die Bergkapelle spielt ihm zu Ehren bei der Grubeneinfahrt im Josefa-Schacht. Im Viktoria-Schacht in Püttlingen fährt er wieder aus. Wieder spielt die Kapelle. Die Musik und die Grubenfahrt sollen dem Kaiserhalbbruder gut gefallen haben. Im Beamtenkasino der Grube Viktoria gibt es danach noch einen Imbiss (Lyoner?).

Gesehen hat der Prinz damals eine der größten und ältesten Grubenanlagen der Saarregion. Erstmals urkundlich erwähnt ist der Bergbau in Püttlingen im Jahr 1588. Im Groß- und Bauernwald fördern die ersten Gruben ab 1742. Zwischen 1866 und 1869 teufen Bergleute den Püttlinger Schacht ab, der ab 1871 Viktoria I heißt. Viktoria II kommt 1881 hinzu. In Engelfangen entstehen der Aspenschacht (1890) und die Anlage Viktoria III (1902). Bis 1919 gehören die Fördergerüste zur Grube Gerhard in Luisenthal, das damals noch auf Püttlinger Gemarkung liegt. Heute gehört Luisenthal zu Völklingen. Insgesamt bohren die Gruben Viktoria und Gerhard 19 Schächte ins Kohlefeld. Dazu neun Stollen. Ein mächtiges Bergwerk. Seit 1872 mit Bahnanschluss nach Völklingen.



Als der Kaiser-Halbbruder in Püttlingen aus dem Schacht kommt, ist die Industrialisierung schon lange unter Tage angekommen. Die Fördermengen steigen, der Anteil der „Berge“ am geförderten Material auch. Dazu kommt: Die Kohlenwäsche schafft es nicht, die kompletten Brennstoffe vom nutzlosen Gestein zu trennen. So landet ziemlich viel Schwarzes Gold auf der Halde. Zunächst etwa 250 Meter östlich von Schacht I. Die Umgehungsstraße zerschneidet heute diese Aufschüttung. Die nicht lange in Betrieb ist. Sie brennt ständig – wegen des hohen Kohleanteils. Die Grube gibt sie auf. Das ausgebrannte Gestein nicht. Das verkauft sie. Rot und feinkörnig ist es, eignet sich gut zum Bauen, für Einfahrten, im Straßenbelag, auf Sportplätzen. „Braschen“ nennt der Saarländer diese Erde. Ein einträgliches Nebengeschäft für die Grube. Die seit den 1930ern eine gute Waschanlage besitzt. Weniger Kohle landet daher auf der neuen Halde, auf der Viktoria.

In der Kohlewäsche schütten die Bergleute das „Bergematerial“ in Förderwagen, die 750 Liter fassen. Diese Wagen fahren auf Ketten- und Seilbahnen, später auf Förderbändern zu den Abkippstellen. Viele kleine Kegelhalden entstehen auf der Fläche der heutigen Halde. Nach dem
2. Weltkrieg ist das Terrain ausgereizt, die Halde muss in die Höhe wachsen. Dazu baut die Grube 1948 eine moderne Hochsturzanlage. Sie fährt unzählige Kippwagen pro Tag über die kleinen Halden. Sie wachsen zu einer zusammen. Als Viktoria 1972 in den Besitz der Stadt Püttlingen übergeht, ist sie ein tiefschwarzer, nackter Spitzkegel. Knapp 100 Meter hoch thront sie über dem Terrain. Wie eine Pyramide.

1975 beginnt die Stadt das Gelände zu sanieren, zu rekultivieren. Erste Maßnahme: Die Pyramidenspitze kommt weg. Um ein Aussichts-Plateau zu schaffen. Im März 1976 ist es fertig. Der Blick von der Halde ist schön, nur ihr Anblick nicht, denken die Püttlinger damals. Im Mai 1976 startet eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. 40 Kräfte bepflanzen die Halde: 80 000 Junggehölze. Ahorn, Eberesche, Kiefer, Roterle, Linde, Weide und Pappel. Sie setzen sie in die steilen Hänge. Eine Trockenperiode setzt den Setzlingen zu. Doch die Feuerwehr rettet mit Wasser aus Schläuchen einen Großteil der Aussaat. Etwa 70 Prozent der Gehölze überleben und hüllen heute die Halde in ihr grünes Kleid.

Am Fuße des Berges findet sich ein ehemaliger Absinkweiher. 1984 und 1985 hat die Stadt an dem Teich etwa 20 000 Pflanzen gesetzt. Ergebnis: Ein etwa 33 Hektar großes Biotop der Sonderklasse hat sich bis heute entwickelt. Das 46 Fußballfelder große Gebiet nennt die Stadt „Espenwald“, durchzogen von Wanderwegen, deren Höhepunkt nicht nur das Gipfelplateau der Halde ist. Unterschiedliche Klimazonen und Biotop-Typen finden sich auf und um den Berg.

Am ehemaligen Schlammweiher ist es im Sommer feucht und heiß, der Südhang der Halde ist trocken. Kühl und schattig ist es am Nordhang – wertvolle Lebensräume. Rohrweihe, Wasserralle, Teichrohrsänger, Wechselkröte, Gelbbauchunke, Kammmolch, Ringelnatter, Zauneidechse, Zwerg- und Breitflügel-Fledermaus, die blauflügelige Ödlandschrecke – seltene Tiere, laufen, kriechen und fliegen einem im Espenwald über den Weg. Die Püttlinger nennen ihre „Hausbergehalde“ nicht nur deshalb liebevoll „Monte Schlacko“, obwohl dort Bergbau-„Berge“ und keine Hütten-„Schlacken“ liegen. Sie haben sie ins Herz geschlossen. Saarlands heute größtes Rockfestival, das „Rocco del Schlacko“, wummert von 1999 bis zu seinem Umzug 2003 im kleinen Rahmen am Fuße der Halde neben dem alten Grubensportplatz. Am Rand einer Bergbaufolgelandschaft, die seit 2005 unter Naturschutz steht. Das erste und einzige Naturschutzgebiet in Püttlingen. Auf einem Terrain, das jahrhundertelang ein Industriegebiet war. Das sollten die Chinesen sich heute mal anschauen.

Alle Teile der Serie:

1. Die Gipfel der Berge

2. Halde Grühlingstraße

3. Halde Lydia

4. Halde Göttelborn

5. Halde Landsweiler-Reden

6. Haldenlandschaft Heinitz

7. Halde Viktoria

8. Halde Duhamel

9. Leserfotos

10. Interview mit Delf Slotta

Als die Stadt Püttlingen 1972 Besitzerin der Halde wurde, war der Gipfel noch eine Spitze. Als erste Maßnahme ließ sie die Spitze abtragen. Die Aussichtsfläche auf dem Gipfel entstand.
Als die Stadt Püttlingen 1972 Besitzerin der Halde wurde, war der Gipfel noch eine Spitze. Als erste Maßnahme ließ sie die Spitze abtragen. Die Aussichtsfläche auf dem Gipfel entstand. FOTO: Robby Lorenz
Prinz Tschun, Halbbruder des chinesischen Kaisers, bei seinem Besuch am Josefa-Schacht der Grube Gerhard. Der Prinz ist der fünfte Mann in der ersten Reihen von rechts. Der ganz kleine Mann mit Hut.
Prinz Tschun, Halbbruder des chinesischen Kaisers, bei seinem Besuch am Josefa-Schacht der Grube Gerhard. Der Prinz ist der fünfte Mann in der ersten Reihen von rechts. Der ganz kleine Mann mit Hut. FOTO: RAG-Archiv-Saar
Die Halde sah in den 1950er Jahren aus einigen Perspektiven aus wie eine schwarze Pyramide. Auf dem Bild ist auch der alte Absinkweiher zu sehen, der damals viel größer war als der heutige.
Die Halde sah in den 1950er Jahren aus einigen Perspektiven aus wie eine schwarze Pyramide. Auf dem Bild ist auch der alte Absinkweiher zu sehen, der damals viel größer war als der heutige. FOTO: Rieger
Die Luftaufnahme der Grube Viktoria entstand Anfang der 50er Jahre. In der Mitte des oberen Bildrandes ist der alte Grubensportplatz zu erkennen. 1999 fand daneben das erste Rocco del Schlacko statt.
Die Luftaufnahme der Grube Viktoria entstand Anfang der 50er Jahre. In der Mitte des oberen Bildrandes ist der alte Grubensportplatz zu erkennen. 1999 fand daneben das erste Rocco del Schlacko statt. FOTO: Repro: Robert Baltes / Stadtarchiv Saarbrücken