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Bergehalden im Saarland
Die Keimzelle des Steinkohlebergbaus

Die Bergehalden in der Industrielandschaft rund um Heinitz: Auf dem Bild oben die Halde Geisheck – auf dem Bild unten die kleinere Halde Dechen im Weilerbachtal. Im Hintergrund die beiden Königshalden in Neunkirchen. Bereits die Kelten schürften in diesem Gebiet nach Steinkohle.
Die Bergehalden in der Industrielandschaft rund um Heinitz: Auf dem Bild oben die Halde Geisheck – auf dem Bild unten die kleinere Halde Dechen im Weilerbachtal. Im Hintergrund die beiden Königshalden in Neunkirchen. Bereits die Kelten schürften in diesem Gebiet nach Steinkohle. FOTO: Robby Lorenz
Rund um Heinitz erstreckt sich eine Industrielandschaft par excellence. Geschaffen wurde sie von zwei Gruben. Von Michael Kipp

Die Unternehmer-Familie Holzer liebt Elversberg. Und den FC Bayern. Dabei ist Senior Frank Holzer Chef des Aufsichtsrates des ortsansässigen Fußball-Regionalligisten. Sein Sohn Dominik ist Präsident der Spielvereinigung. Seit Jahrzehnten fördert die Familie mit ihren Unternehmen den Club im Ortsteil von Spiesen-Elversberg – bis in den bezahlten Fußball. Und den FC Bayern. Als exklusiver „Gold-Partner“. „Ausgerechnet Bayern“ mag zumindest der Geschichtskenner denken. Schließlich würde es ohne die Preußen den Ort Elversberg gar nicht geben. Die SVE erst recht nicht. Warum das so ist, erschließt sich dem Besucher der Haldenlandschaft im Wald zwischen Bildstock, Landsweiler, Elversberg und Neunkirchen. An den Füßen der Halde Dechen, der Halde Geisheck. Der Fingerhalde in Heinitz. Nur einen langen Abschlag vom SVE-Stadion entfernt. Ein Ort, dessen Geschichte preußischer nicht sein könnte.


Der Name auch nicht. Friedrich Anton Freiherr von Heynitz ist der Namensgeber. Ab 1777 ist er preußischer Etat-, Kriegs- und dirigierender Minister. Oberberghauptmann ist er auch. Er modernisiert das nach den Kriegen in Schlesien darbende Bergbau- und Hüttenwesen. Er lässt nach Erz suchen, nach Kohle, stärkt die Knappschaft, führt 1798 die erste Dampfmaschine im preußischen Bergbau ein, baut Kanäle, fördert den Schienenausbau, gründet Eisenhütten, den ersten Kokshoch-
ofen Europas. 1791 bekommt Heynitz den „Schwarzen Adlerorden“. Dabei hat er noch ein paar Legislaturperioden zu ministrieren. Bis zu seinem Tod im Jahr 1802 ist er im Amt. Weder Friedrich II., Friedrich Wilhelm II. noch der III. wollen in den 25 Jahren auf ihn verzichten. Ein Superstar seiner Zeit.

Ein paar Jahrzehnte später fangen die Preußen unter Friedrich Wilhelm IV. an, Kohlevorräte im Saarland präzise zu kartographieren. Besonders fette Kohle finden sie im Wald zwischen Bildstock und Neunkirchen. Im Weilerbachtal und Binsenthal, am Riedberg. Sie ist perfekt für die Verkokung. Und damit elementar für die Hochöfen des Königreiches. So genannte Fettkohle. Den Stollen, den sie anhauen, taufen sie auf den Namen des Freiherrn von Heynitz. Den daneben wachsenden Ort nennen sie ebenso nach dem Superminister. Frei in den Buchstaben, wohlgemerkt. Daher steht heute vorm Mundloch des Heinitzstollens in Heinitz eine Heynitz-Büste. Und Elversberg? Das steht damals noch nicht.

Die Preußen haben eh andere Sorgen. Ein Anschluss an die bayrisch-pfälzische Ludwigsbahn muss her. Die läuft bis dato nur bis Bexbach, das damals bayrisch ist. Egal, vom Grubenbahnhof Heinitz setzt sich am 7. September 1850 der erste Kohle-Zug Richtung Bexbach in Bewegung. Mit bayerischem Personal. Die erste Kohle-Zugbewegung im damaligen Direktionsbezirk Saarbrücken. Heinitz ist eh die Keimzelle des Industrielandes an der Saar.

Und des Steinkohlebergbaus in Deutschland. Die Preußen treffen beim Anhauen des Flözes Tauentzien an dessen Ausläufern immer wieder den „Alten Mann“. Also Abbauspuren, „ausgekohlte“ Bereiche. Unregelmäßig. Die Kelten haben sie zurückgelassen. Sie wollen bereits vor der Geburt von Jesus an die „Kännelkohle“, die in einem kleinen Streifen in der Fettkohle liegt. Sie ist sammetschwarz, seidenglänzend, hart und zäh. Und sie lässt sich gut schnitzen. Die Kelten fertigen aus ihr Schmuck. Archäologen haben im Grab einer keltischen Dame in Rubenheim eine schwarze Perle aus Kännelkohle gefunden. Das Grab haben die Kelten etwa im Jahre 700 vor Christus angelegt. Die Kohle der Perle ist nachweislich aus dem Flöz Tauentzien. Damit ist Heinitz der älteste nachgewiesene Steinkohleberg-
bauort Deutschlands. Erst als die Gruben schließen, verschwindet das durchaus traditionsreiche Kunsthandwerk des Kohleschnitzens aus dem Ort im Wald.



Bis es so weit ist, haben die Preußen in der Grube Heinitz noch viele Meilensteine gesetzt. Und viele Bergehalden und Nebenschächte im Wald angelegt. Zu Hochzeiten der Grube gibt es neben den vier Heinitz-Schächten, drei in Dechen, dazu Geisheck l und II, den Bildstock- und den Mosel-Schacht. 1911 kommen der Eichen-Schacht und der Marsaut-Schacht hinzu. Die Halden sind kaum zu zählen. Eine Bergbau-Landschaft par excellence.

Heute ist in Heinitz vom Fortschritt nicht mehr viel zu sehen. Seit den letzten Schichten in den Gruben Heinitz 1962 und in Dechen 1968 schlummert der Ort nebst Berg-
bau-Hinterlassenschaften im Wald. Der sich das meiste wieder zurückgeholt hat. Viele Halden der Indus-
trielandschaft sind nur noch mit geübtem Auge zu erkennen. Ein zehn Kilometer langer Rundweg führt durch das Gelände. Zwölf-Weiher-Weg heißt er. Dass die Grube elf der Seen künstlich als Kühlbecken für Dampfmaschinen oder als Absinkweiher angelegt hat, fällt den Spaziergängern kaum auf: Er wähnt sich im Naturidyll.

Das ist Ende des 19. Jahrhunderts anders. Heinitz ist die größte und fortschrittlichste Grube des Saarlandes. In der Heinitzer Grube leuchtet 1878 das erste elektrische Licht im Saarland. 1882 fördern 4083 Berg-
leute aus dem Tauentzien-Flöz eine Million Tonnen Kohle pro Jahr. 1884 klingelt das erste Telefon im Saarland auf der Grube Heinitz. 1896 ist die elektrische Zentrale im Malakoffturm fertig.

Heinitz ist vorne dabei. Soweit, dass die Preußisch Königliche Bergwerksdirektion ein Denkmal für den Fortschritt bauen will. In Heinitz. In Form einer Gasmaschinenzentrale, die zur Stromerzeugung Kokereigas verfeuern soll. 1904 bekommen Professor Dr. Reinhold Krohn, Brückenbauer, und Bruno Möhring, einer der bedeutendsten deutschen Jugendstilarchitekten, den Auftrag des Königs. 1905 ist die Zentrale fertig. Sie beliefert Gruben und die Stadt Neunkirchen mit Energie.

Die Zentrale steht heute noch. Unter Denkmalschutz. Und mitten in einem Streit, was damit zu tun sei. Die ursprüngliche Nutzung lief 1960 mit der Stilllegung der letzten Gasmaschine aus. Eine Bürgerinitiative kämpft seit 2003 für ihren Erhalt. Noch ohne den großen Erfolg einer Sanierung. Zumal nicht jeder in der Umgebung gerne an die Kokerei erinnert wird. Ihre Abfälle haben die Böden um die Grube vergiftet.

2007 beginnen Bagger und Raupen damit, eine Reihe von Hausgärten in Heinitz auszuheben. Von der angrenzenden Bergehalde Geisheck sickern Schadstoffe wie Cyanide, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Blei, Teer und Öle in die Gärten. Krebserregender Kokerei-Müll. 2009 finden sie im Binsenthal ebenfalls giftige Stoffe aus der Bergbauzeit. Im März 2017 schreibt die Besitzerin des Geländes, die RAG, eine Sanierungsmaßnahme aus. Wieder sollen Böden abgetragen oder versiegelt werden. Das wird die Familie Holzer in Elversberg kaum interessieren. Sie kämpft eher mit Brandschutzmaßnahmen bei ihrem Stadionbau. In dem Ort, den es ohne Heinitz wohl nicht geben würde: Elversberg entsteht 1852 als Siedlung für die Bergleute aus Heinitz. Erst 1872 hat König Wilhelm I. aus gleich großen Bannteilen der Gemeinden Neunkirchen und Spiesen eine neue unter dem Namen „Elversberg“ gebildet. Heinitz und den Preußen sei also Dank. Und nicht dem FC Bayern.

Alle Teile der Serie:
1. Die Gipfel der Berge
2. Halde Grühlingstraße
3. Halde Lydia
4. Halde Göttelborn
5. Halde Landsweiler-Reden
6. Haldenlandschaft Heinitz
7. Halde Viktoria
8. Halde Duhamel
9. Leserfotos
10. Interview mit Delf Slotta

Bergehalde Dechen in Heinitz, Teil der Haldenlandschaft
Bergehalde Dechen in Heinitz, Teil der Haldenlandschaft FOTO: Robby Lorenz
Die Gasmaschinenzentrale in Heinitz. Links oben der Ist-Zustand des Gebäudes von außen, rechts daneben ein Bild aus dem Jahre 1918. Die Anlage war 1905 eines der ersten Kraftwerke auf saarländischem Boden. Auf dem Bild unten ist einer der vielen Weiher in der Landschaft rund um Heinitz zu sehen.
Die Gasmaschinenzentrale in Heinitz. Links oben der Ist-Zustand des Gebäudes von außen, rechts daneben ein Bild aus dem Jahre 1918. Die Anlage war 1905 eines der ersten Kraftwerke auf saarländischem Boden. Auf dem Bild unten ist einer der vielen Weiher in der Landschaft rund um Heinitz zu sehen. FOTO: Robby Lorenz
Haldenlandschaft Heinitz, Teich am Absinkweiher der Grube Heinitz, in fließen Oberer und Unterer Kirchendickbach und der Elversbach
Haldenlandschaft Heinitz, Teich am Absinkweiher der Grube Heinitz, in fließen Oberer und Unterer Kirchendickbach und der Elversbach FOTO: Robby Lorenz
Kokereigasmaschinenzentrale Heinitz, 1918 aufgenommer, Foto: RAG AG
Kokereigasmaschinenzentrale Heinitz, 1918 aufgenommer, Foto: RAG AG FOTO: RAG AG