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Die Halden im Saarland
Das Polygon und der Stacheldraht

Das Plateau der Bergehalde Duhamel thront 150 Meter über dem Saartal. Die Sicht über Fraulautern zur Dillinger Hütte wird klarer, wenn sich der Morgennebel verzogen hat.
Das Plateau der Bergehalde Duhamel thront 150 Meter über dem Saartal. Die Sicht über Fraulautern zur Dillinger Hütte wird klarer, wenn sich der Morgennebel verzogen hat. FOTO: Robby Lorenz / Robbby Lorenz
Die Duhamel in Ensdorf könnte die berühmteste Halde des Saarlandes werden – auch wenn sie nicht jeder zu schätzen weiß. Von Michael Kipp

Der Wein steht hinter Zäunen und Stacheldraht. Sie trotzen menschlichen wie wilden Schweinen. Niemand darf ran an die 99 Silvaner-Reben. Seit 1968 wurzeln sie im Südhang der Bergehalde Duhamel in Ensdorf. 1968 hatte der damalige Bergwerksdirektor Moritz Rauber die Idee, Wein auf schwarzem Bergematerial zu kultivieren. Erfolgreich. Seit 1972 pflegt ein Winzer von der Mosel die Weinreben. Heute gemeinsam mit der Besitzerin des Geländes, der RAG Montan Immobilien GmbH, und ehemaligen Grubenwehr-Mitgliedern. Sie haben auch den Zaun um die Reben gebaut, schließlich ist der Publikumsverkehr auf der Halde in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Und wie das so ist: Je mehr Menschen, desto mehr Deppen. Zaun drum, Stacheldraht drauf. Blick nach oben. Auf zum Gipfel, der eine große, plane Fläche ist.


330 Meter über dem Meer und 150 Meter über dem Saartal präsentiert sich das Plateau. Seit 2016 steht darauf das stählerne Polygon. Weithin sichtbar. Als Landmarke zum Ende des Bergbaus an der Saar 2012 errichtet. Eine Skulptur. Als Erinnerung. Als Mahnmal. Als Versprechen für eine Zukunft nach dem Bergbau.

Das Wort „Polygon“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet ein nicht näher definiertes Vieleck. Eine spezielle Art des Streckenausbaus unter Tage trägt den gleichen Namen. Darüber hinaus dienen „Polygonzüge“ Markscheidern dazu, Gruben zu vermessen. Dazu sieht die Skulptur auf der Halde aus wie ein „Z“. Und symbolisiert so die Zukunft, sagen die Ideengeber. 250 Tonnen wiegt das Stahlträgerkonstrukt, dessen zwei Türme auf einem Fundament stehen, das 1500 Tonnen auf die Waage bringen würde – gäbe es eine dafür. Beide Türme haben innen zusammen 130 Stufen. Sie sind etwa 30 Meter hoch und durch eine etwa 35 Meter lange Querverbindung verbunden. Dieser Steg dient im wahrsten Sinn des Wortes als Aussichtsplattform.

Von dort oben hat der Haldenbesucher einen fantastischen Blick. Die Saar windet sich gemächlich aus Völklingen kommend an den Lisdorfer Gemüsefeldern vorbei nach Dillingen und weiter Richtung Merzig und Mettlach. Bis zum Schaumberg reicht der Blick. Französische Windräder, Carling, die Hütten an der Saar und der „weiße Rauch“ vom Kraftwerk Weiher – neben der Halde Göttelborn. Und natürlich fällt der Blick auf das Plateau, das mit seinen Stelen und Betonbänken dezent gestaltet dem Polygon zu Füßen liegt.

Die Skulptur entworfen hat das Berliner Architekten-Duo Katja Pfeiffer und Oliver Sachse. Rund 600 Spender und Vereinsmitglieder des Fördervereins Bergbau Erbe Saar sowie einige Großspender haben es finanziert. Darunter auch das Land. Zwei Millionen Euro hat das Polygon gekostet, davon 1,5 Millionen reine Baukosten. Viel Geld, denken nicht wenige, bevor das Vieleck steht. Kritik hagelt auf die Haldenidee ein. Und heute? Heute sind das Polygon und die Halde eines der beliebtesten Ausflugsziele und Fotomotive des Landes. Sie sind auch nicht zu übersehen – diese Halde mit ihrer Skulptur. Massiv thront die Duhamel in den Saarauen. Ist von den Autobahnen A8 und A620 zu sehen. Jeder Saarländer kennt sie.



Aber auch noch nicht so lange. Wie die meisten Halden im Saarland ist die Duhamel noch recht jung. Dabei lässt sich der Steinkohlenbergbau rund um Ensdorf bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Zunächst in Schwalbach und Griesborn. 1826 teufen die Bergleute den ersten Tiefbauschacht ab. Ab 1842 verbindet der 2350 Meter lange „Ensdorfer Stollen“ erstmals die Gemeinde Ensdorf mit dem Bergbau. Pferde ziehen damals die Kohle durch den Stollen zu den Saarschiffen. Gute 100 Jahre später verschmelzen die Gruben Duhamel und Griesborn zur Grube Ensdorf. Östlich der Anlage Duhamel entstehen zu dieser Zeit die ersten Wasch- und Flotationsberge. Richtig viel Bergematerial fördern die Bergleute ab 1961. Grund: Die Nassaufbereitung der Kohle geht in Ensdorf in Betrieb. Dazu steigen die Fördermengen stetig. Heute beträgt die Grundfläche der Halde rund 47 Hektar. Insgesamt liegen 32 Millionen Kubikmeter Bergematerial auf der Halde. Und fehlen irgendwo unter Tage.

Zu Beginn schafft ein Schrägaufzug mit Kippwagen das „taube Gestein“ auf die Halde. Es entsteht zunächst eine typische Spitzkegelhalde, aus der sich bis in die achtziger Jahre ein „kegelstumpfähnliches“ Gebilde entwickelt. Ab 1988 wandert die Schüttung Richtung Osten über die Absinkweiher. Der lang gestreckte Höhenzug entwickelt sich. Bis Ende der 1990er. Dann ist die Halde voll. Seit 2004 ist sie für Touristen begehbar.

Bis das Bergwerk 2012 schließt, fallen natürlich weiterhin Berge an. Meist als Schlamm aus den Kohlewäschen, der zunächst in einem Absinkweiher landet. Einen neuen und nötigen Absinkweiher genehmigt die Stadt Saarlouis allerdings nicht. Die RAG reaktiviert daher in der ersten Zeit den alten der Gruben Püttlingen und Luisenthal. Im Frommersbachtal zwischen Ritterstraße und Riegelsberg. Später fährt sie das Material auf die Maybach ans Autobahnkreuz Friedrichsthal. Zeitweise rollen täglich bis zu 450 Brummis pro Tag und nerven die Menschen kolossal. 2008 hat das ein Ende. Vorzeitig. Bis 2018 hätte die Grube auch Berge fördern sollen. Wegen der bergbaubedingten Erschütterungen in der Primsmulde gibt es bereits 2008 den Abbaustopp. 2012 ist endgültig Schluss: Das letzte Steinkohle-Bergwerk im Saarland schließt. Viele Gebäude der Grube Ensdorf sind bereits abgerissen. Was unter anderem bleibt, ist die bereits sanierte Maschinenhalle. Dort hat die RAG heute ihre Repräsentanz. Nebst Ausstellung „Bergbau. Unser Erbe.“

Von dort aus ist gut zu sehen, dass die Duhamel nicht für die Ewigkeit gebaut ist. Sie dampft am Hang. Dort, wo früher der Schrägaufzug arbeitete. Restkohle im Inneren kokelt vor sich hin. Derzeit laufen Voruntersuchungen, Bohrungen, die Sanierung ist geplant.

Ob das den Wein betrifft? „Ensdorfer Sonnenflöz“ nennen ihn die Macher. Dass nur 99 Reben hinter Zaun und Stacheldraht stehen, liegt am Weingesetz: Von 100 Stöcken an dürfen sie nur unter strengen Bestimmungen wachsen. Beste Bedingungen haben sie auf der Duhamel: Der schwarze Kohlenschiefer speichert die Wärme länger und treibt die Temperaturen höher als es teilweise Lagen an der Mosel schaffen. Wärme von unten, Sonne von oben. 1971 schafft es der Duhamel-Wein auf einen Öchslewert von über 100. Sensationell. Die Ex-Bergleute füllen jedes Jahr um die 200 Flaschen ab. Wenn sie denn von Schweinen verschont bleiben – deren menschlichen Vertreter auch gerne des Nachts auf dem Halden-Plateau und auf dem Polygon wüten. Sie sorgen dafür, dass die Skulptur nur noch zu Führungen, an Wochenenden und Feiertagen geöffnet wird. Nicht jeder hat halt Respekt für das Besondere im vermeintlich Alltäglichen.

Alle Teile der Serie:

1. Die Gipfel der Berge

2. Halde Grühlingstraße

3. Halde Lydia

4. Halde Göttelborn

5. Halde Landsweiler-Reden

6. Haldenlandschaft Heinitz

7. Halde Viktoria

8. Leserfotos

9. Leserfotos

10. Halde Duhamel

Die nackte, glatte Ostflanke der Halde lässt ihren akribischen Aufbau erahnen. Die Duhamel kann seit 2004 von jedermann bestiegen werden. Die dafür angelegten breiten Wege sind deutlich zu erkennen.
Die nackte, glatte Ostflanke der Halde lässt ihren akribischen Aufbau erahnen. Die Duhamel kann seit 2004 von jedermann bestiegen werden. Die dafür angelegten breiten Wege sind deutlich zu erkennen. FOTO: Robby Lorenz / Robbby Lorenz
FOTO: Delf Slotta
Aus manchen Blickwinkeln sieht das Polygon auf der Halde wie ein „Z“ aus (linkes Foto). So soll es die Zukunft nach dem Ende des Bergbaus symbolisieren.
Der Aufstieg auf die Duhamel dauert kaum 30 Minuten. Dennoch kann sich der Erschöpfte unterwegs auf dieser kleinen Insel am Wegesrand ausruhen (rechtes Foto). Von hier aus ergibt sich schon in der Morgensonne ein schöner Blick über Ensdorf und sein Kraftwerk.
Aus manchen Blickwinkeln sieht das Polygon auf der Halde wie ein „Z“ aus (linkes Foto). So soll es die Zukunft nach dem Ende des Bergbaus symbolisieren. Der Aufstieg auf die Duhamel dauert kaum 30 Minuten. Dennoch kann sich der Erschöpfte unterwegs auf dieser kleinen Insel am Wegesrand ausruhen (rechtes Foto). Von hier aus ergibt sich schon in der Morgensonne ein schöner Blick über Ensdorf und sein Kraftwerk. FOTO: Robby Lorenz / Robbby Lorenz