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Stadt des Sonnenkönigs wächst  an der blutigen Saar

Die Saar – Geschichte eines Flusses : Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar

Das 17. Jahrhundert ist bestimmt von Mord und Totschlag. Nichts als Kriege im Saartal. Einheimische gibt es kaum noch, Gastarbeiter müssen her. Zeitgleich bauen die Franzosen eine Superstadt: Saarlouis.

Manchmal kann man nicht wissen, was die Zukunft bringt. In Saarbrücken bauen die Grafen zum Beispiel im Jahre 1617 ein neues Schloss. Stil: Renaissance. Hätten sie sich sparen können. Der Dreißigjährige Krieg pflügt in den kommenden Jahren Saarbrücken um, lässt hektoliterweise Blut den Fluss hinunterfließen. Und lässt im wahrsten Sinne „keinen Stein auf dem anderen“.

Dabei ist es zu Kriegsbeginn 1618 im Saartal ruhig. Um 1620 ziehen erstmals spanische Spinolas durch. Dummerweise im Gepäck: die Pest. Dazu kommen Missernten. Ab 1624 gleich vier in Folge. 1627 wütet die Pest auch in Sarreguemines. Ab 1632 reagieren sich zunächst französische, dann schwedische und hernach wieder französische Truppen an Saarbrücken ab. Fast alle Einwohner sterben, fast alle Gebäude fallen. Schweden und Franzosen plündern auch Sarralbe. Die neue Brücke in Güdingen ist zerstört. Ein Jahr später wütet der Krieg in Hanweiler und Rilchingen. 1634 fallen die Schweden in Völklingen ein, besetzen die Grafschaft Sarrewerden. Im selben Jahr ziehen Kroaten, Spanier, Schweizer, kaiserliche und französische Truppen plündernd durch Sarreguemines und Bockenheim.

1635 flieht Saarbrückens Grafenfamilie nach Metz. Die Kaiser-Truppen von General Gallas zerstören zeitgleich Wallerfangen, da sich französische und zuvor schwedische Truppen dort verstecken. Die Chronik der Abtei berichtet: „Von Nachbarn herbeigerufen kam schwedisches Militär in hiesige Gegend, welches besonders gegen Geistliche sehr hart verfuhr. Auf die grausamste Weise wurden alle Katholiken verfolgt und durch alle erdenklichen Martern gequält. Viele wurden an den Gliedmaßen verstümmelt, andere bekamen den Schwedentrank (Urin, Abwasser und Gülle vermischt, Anm. d. Red.), wieder andere wurden in Fässer eingeschlossen und von den Bergen herabgewälzt“, heißt es in der Abteichronik.

Auch in Pachten bricht die Pest aus. Die ortsansässige Sebastiansbruderschaft schießt mit Pfeilen nach den Pestdämonen. Ein alter Brauch. 1636 bauen sie eine Pestkapelle. Bringt kaum was: 21 der 37 Pachtener Familien rafft der Schwarze Tod dahin. Im gleichen Jahr verlassen die Mönche das Kloster in Wadgassen, da dort fünf besonders grausame, kroatische Regimente einziehen wollen. 1652 kehren sie wieder zurück. In ein zerstörtes Kloster. Sie bauen es wieder auf. 1641 erobert der lothringische Herzog Sarrewerden zurück. Zeitgleich überfallen Soldaten, Saarbrücker und St. Wendeler Einwohner das lothringische Roden, brennen Häuser nieder, stehlen Geld und Möbel. Vier Jahre später zerstört der französische Heerführer Henri de Latour d’Auvergne Saarburg. Er tötet ein Drittel der Bewohner. Grausam ist er. Er lässt hängen, verbrennen, sprengen.

Die Folgen sind erschreckend: 1638 leben in Saarbrücken nur noch 70 Bürger (1620: 4500). In St. Arnual noch vier (1620: 50 Familien). Im Mettlacher Kloster sind nur noch fünf Mönche zugegen. Die Wallfahrtskirche ist geplündert, Kloster und Dorf sind mehrfach verwüstet. Auch Wallerfangen liegt darnieder. Leben 1618 noch 170 Haushalte in der Stadt, sind es 1638 nur noch 69 Feuerstellen. In Beckingen haben 18 Untertanen überlebt. Zuvor gab es dort 50 Haushalte. Sarreguemines hat noch 72 Bewohner. 1630 waren es 900. Beckingen ist vor dem Krieg ein Ort des Deutschherrenordens. Mit Burg (später Schloss) und 60 Haushalten. Nun lebt dort niemand mehr. In Wallerfangen ist die Not besonders groß. Abt Philipp Gretsch aus Wadgassen berichtet, dass es in der Gegend zu Kannibalismus gekommen sei. Das Saartal ist fast menschenleer. Die, die da sind, haben Hunger. Hernach werben die Fürsten im Saartal gezielt um Einwanderer. Zum Beispiel aus Wallonien, Österreich und der Schweiz. Auch französischen Hugenotten siedeln am Ende des 17. Jahrhunderts im Saartal.

Der westfälische Frieden 1648 bringt folgendes Ergebnis: Frankreich ist die neue Supermacht, es herrscht Religionsfreiheit und das Heilige Römische Reich deutscher Nation ist zur Farce verkommen. An der Saar schwelen weiter Konflikte. Franzosen gegen Lothringer. Erst 1661 endet dieser Krieg am Saarufer. Sieger ist erneut der französische Sonnenkönig. Er visiert nun den Rhein als natürliche Grenze zum Kaiserreich an. Die Saar als Etappenziel. Sein Petit Rhin, sein kleiner Rhein. Der Franzose kämpft weiter. Im Holländerkrieg, in den Reunionskriegen. Auch im Saartal. 1671 baut zum Beispiel Triers Kurfürst Karl Kaspar in Saarburg eine 220 Meter lange Mauer. Zum Schutz vor Feinden und Hochwasser. Ein Jahr später zerstören die Franzosen die Mauer. Ein paar Kilometer flussaufwärts kommt es zur Schlacht an der Konzer Brücke. Das Heer des Sonnenkönigs verliert gegen die Kaiserarmee. Zwei Jahre später brennen französische Truppen Saarbrücken bis auf acht Häuser nieder, auch das Schloss brennt, die Befestigungen fallen.

Letztlich gewinnen die Franzosen diese Kriege – zumindest bekommen sie im Frieden von Nimwegen (1679) große Gebiete zugesprochen. Auch an der Saar. Ludwig XIV. nennt Teile seines neuen Landes „Province de la Sarre“. Er will es sichern. Und zwar massiv. Die Baumeister Thomas de Choisy und Sébastien Le Prestre de Vauban sollen dazu in der Lisdorfer Aue eine Festungsstadt aus dem Nichts zaubern. Gesagt, getan. Bereits im März 1680 rücken Festungsbauregimenter an. 6000 Soldaten und Handwerker bauen die sechseckige, symmetrische Superstadt und nennen sie Sarrelouis. Sechs Bastionen, Halbmondschanzen, Halbbastionen, acht Kasernen für 4000 Soldaten, Wohnhäuser um den Großen Markt – und ein Kanal- und Grabennetzwerk, das mit der Saar in Verbindung steht. Nur sechs Jahre später sind sie fertig. So etwas Modernes hat die Saar noch nicht gesehen. Wallerfangens Einwohner sollen nach Saarlouis umziehen. Die wollen aber nicht so recht. 1688 veranlassen die Franzosen auch daher die Räumung der Stadt Wallerfangen. Sie machen die Stadt dem Erdboden gleich (nur das Augustinerkloster bleibt verschont), zahlen Bürger dafür aus. Die ziehen denn nach Saarlouis um – oder nach Beaumarais, Dillingen und Roden.

1688 steigt Louis in den pfälzischen Erbfolgekrieg ein und verliert im „Frieden von Rijswijk“ nach nur 17 Jahren die „Province de la Sarre“. Lothringen bekommt seine Souveränität zurück. Auch die Grafschaft Nassau-Saarbrücken. Lediglich Saarlouis mit den Dörfern Roden, Fraulautern, Ensdorf, Lisdorf, Wallerfangen, Picard und Beaumarais darf Frankreich behalten. Umschlossen von Lothringen. Eine Exklave im saarländischen Machtflickenteppich. Ein Hoffnungsposten für die Franzosen am Saarufer.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des  Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Revolution à la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Die Industrie tötet die Saar 14. Die Industrie baut die Saar um 15. Still und tief fließt die Saar 16. Fischer und Fische an der Saar 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise