Sebastian Hoffmann ist der letzte Fischer, der Fische aus der Saar zieht

Die Saar – Geschichte eines Flusses : Die Fische in der Saar

Die Saar galt jahrhundertelang als einer der fischreichsten Flüsse Mitteleuropas. Lachse zogen hinauf. Störe schwammen in ihr. Das ist heute nicht mehr so. Dennoch fühlen sich viele Fische in ihr sehr wohl.

Die Saar als Lebensraum. Dieses Thema hat in dieser Serie bisher nicht stattgefunden. Was ein Indiz dafür ist, dass die Menschen die Saar auch heute nur selten als Lebensraum wahrnehmen. Sie sehen sie eher als Wasserstraße – oder als stinkenden Abwasserkanal, obwohl sie das nicht mehr ist. Im Gegenteil: Die Saar ist wieder ein lebenswerter Raum. Für Fische, für Krebse, für Muscheln, für Pflanzen.

Was sie in ihrer zehntausend Jahre alten Geschichte die meiste Zeit ist. Sogar mehr als das. Bevor die Saar im 19. und 20. Jahrhundert der Industrie und Profitgier der Menschen zum Opfer fällt (siehe Serienteil 14), gilt sie als einer der fischreichsten Flüsse des Kontinents. Das hat natürlich Gründe. Sie liegen in der Topografie des Flusses – und in der Qualität ihrer Nebenflüsse. Ist die Saar im Ober- und Mittellauf eher ein gemächlich dahinfließender Fluss, gleicht sie bis zum Saarausbau im Unterlauf einem Gebirgsfluss. Schnelle Wasser, viel Sauerstoff. Zwei unterschiedlichste Lebensräume, die unterschiedlichste Fischarten anziehen. Diese Artenvielfalt gibt es noch Mitte des 19. Jahrhunderts. So berichtet eine Landesbeschreibung aus dieser Zeit: „Fast alle Fischarten, die man in unseren Flüssen fängt, wurden bereits vom Dichter Ausonius im vierten Jahrhundert in seinem Mosellied genannt. Die bekanntesten sind: Karpfen, Hecht, Aal, Flußbarbe, Schleie, Brasse, Gründling und eine große Zahl von Weißfischen. In einigen Flüssen gibt es Forellen. In der Saar fängt man Lachse, Alsen und Neunaugen, Meeresfische, die durch den Rhein aufsteigen. Die Krebse in der Saar sind sehr geschätzt.“

Lachse. Sie ziehen jahrtausendelang die Saar hinauf. Tonnenweise. Ihre Ziele waren vornehmlich die Nied, die Blies und die Prims, die auch heute noch mit ihren kalten und klaren Wassern beste Laichgründe für sie wären. Nur der Lachs kommt nicht mehr. Die Staustufen in Mosel und Saar verhindern seinen Aufstieg. Während sich Bund und Länder zwischen 1969 und 2012 den Ausbau der Saar 1,2 Milliarden Euro für ein paar Schiffe kosten lassen, hätten Fischtreppen einige Millionen gekostet. Die will sich niemand leisten. Dabei war der Lachs hier mehr als heimisch, das vermitteln auch Besatzzahlen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Demnach wurden jährlich in der Prims 150 000, in der Nied 50 000 und in der Blies 10 000 Junglachse zusätzlich eingesetzt. Staatliche Fangstellen sorgen damals für die Gewinnung der Brut. Allein an der Primsweiler-Mühle bei Dillingen ziehen Fischer Mitte des 19. Jahrhunderts pro Fangwinter knapp 20 Zentner Salm aus den Gewässern. Durchschnittsgewicht: 15 Pfund pro Tier.

Da die Saar damals fischreich ist, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Berufsfischerei eine große Rolle spielt. So ist St. Johann zunächst nichts anderes als ein Fischerdorf. Das legen Quellen aus dem 16. Jahrhundert nahe. Die Fischer bilden vor allem an der unteren Saar meist die stärksten Zünfte. Dort ist die Saar durch ihr Gefälle besonders sauerstoffreich. Dort gedeiht besonders guter Fisch. So hat die Fischereizunft in Saarburg Ende des 17. Jahrhunderts 44 Berufsfischer verzeichnet. Auch die Menschen in Saarhölzbach, in Dreisbach oder Mettlach leben damals zum großen Teil von der Fischerei. Die Speisekarten der Saarklöster belegen die Dominanz des Fisches. Dass allerdings Lachs auf dem Teller des einfachen Mannes landet, ist unwahrscheinlich. Er ist zu teuer. Genau wie die anderen Edelfische. Zander, Hecht, Karpfen, Barben oder Barsche. Auf den Tellern der normalen Leute landen eher Teichfische. Sie schmecken nicht so gut, sind daher billiger. Für das 16. Jahrhundert ist sogar belegt, dass Heringe und Stockfische aus den Meeren über die Saar importiert werden. Sie sind immer noch billiger als die Saarfische.

Wer ohne Genehmigung der Fürsten oder Klöster in der Saar fischt, hat damals mit empfindlichen Strafen zu rechnen. Die Fischereiordnungen sind streng. Selbst um Frösche oder Krebse zu fangen, brauchen die Menschen damals Genehmigungen. Die Fischereirechte haben die Fürsten meist weitergegeben. An die Klöster zum Beispiel. Oder an Berufsfischer. An Zünfte. Die mussten meist mit Geld und Naturalien die Rechte vergüten, liefern Taler und Fisch bei den Fürsten oder Äbten ab.

Ab und an haben die Klöster ein Herz für die armen Menschen. So erlauben das Kloster Wadgassen und auch das Kloster Mettlach armen Menschen das Fischen für den Eigenbedarf. Auch in der Grafschaft Saarbrücken ist das Fischen für den Eigenbedarf im 18. Jahrhundert erlaubt.

Nichtsdestotrotz haben die Verpächter ab und an Bedenken, dass die Saar überfischt wird. Daher gibt es bereits im 13. Jahrhundert erste Fischereiverordnungen, die die Maschenweite der Netze vorschreiben. Vor allem im 16. Jahrhundert hagelt es Verordnung auf Verordnung. Sie legen fest, wann wie welcher Fisch gefangen werden darf. Mindestfanggrößen schreiben sie fest. Die Masse der Verordnungen ist auch ein Hinweis darauf, dass die Menschen sie eher missachtet haben.

Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts geht der Fischbestand in der Saar langsam, aber stetig zurück, verschwindet von den Tellern der Saartalbewohner. Die Industrialisierung ist der Auslöser. Dazu kommt, dass die Meeresfischerei immer professioneller wird, dass die Konservierungsmethoden besser werden. Der Meeresfisch läuft dem Saarfisch den Rang ab. Bis heute.

„Dabei hat die Saar heute wieder sehr guten Fisch zu bieten“, sagt Sebastian Hoffmann. Er ist sowas wie der letzte Berufsfischer an der Saar. Wobei der Biologe den Fisch nicht aus der Saar zieht, um ihn zu verkaufen. Er betreibt als Angestellter des Fischereiverbandes Saar Bestandsaufnahmen. Beispielsweise für die Ministerien. Hauptsächlich fängt der 38-Jährige Aal. Einen Fisch, den es schon immer in der Saar gibt, den es ohne Hoffmanns Arbeit in einigen Jahren sicher nicht mehr geben würde. Der Aal wandert zum Laichen. Sehr weit. Bis vor die Küste Floridas – in die Sargassosee. Dazu muss er die Saar runter, durch die Mosel, Rhein, Nordsee, Atlantik. Seine Brut käme den gleichen Weg zurück. Doch der ist meist versperrt. In der Saar alleine durch sechs Staustufen. Jede hat als zusätzliches Hindernis Turbinen zur Stromerzeugung verbaut. Sie zermetzeln die wandernden Aale meist. Daher fängt sie Hoffmann – übrigens im Auftrag des Energieunternehmens, das die Wasserkraftwerke betreibt und im Auftrag des Ministeriums – und setzt sie bei Linz in den Rhein. Ab dort hat der Aal freie Wasserfahrt. Dazu setzt der Fischereiverband mit Unterstützung der Angelvereine pro Jahr etwa 12 bis 14 000 Jungaale in die Saar. Die wachsen etwa zehn Jahre, ehe sie Hoffmann wieder fängt und Richtung Nordsee bringt. Bis zu 900 Tiere pro Jahr.

Das ist ein Preis des Ausbaus der Saar zur Schifffahrtsstraße (siehe Serienteil 16). Ein weiterer: Die Saar hat ihre Fähigkeit, sich selbst zu reinigen, ein wenig verloren. Das hängt mit der Fließgeschwindigkeit zusammen: So hat sich die Verweilzeit des Wassers von Saarbrücken bis Konz von acht auf 21 Tage verdreifacht. Durch die Verlangsamung bilden sich Algenpopulationen besser aus, die beim Absterben zu problematischen Sauerstoffverhältnissen führen können. Durch den Bau der Staustufen ist aus der Saar so mehr oder minder eine hintereinander geschaltete Seenplatte geworden. Sie ist kein echter Fluss mehr. Ihre Wasserqualität wird dank der sterbenden Industrie und der gebauten Kläranlagen dennoch immer besser. Die Angler an der Saar sind mit der erreichten Wasserqualität der Güte zwei bis drei sehr zufrieden. Gütequalität eins erreichen nur Gebirgsbäche. Viele Fischarten wie der Karpfen, die Schleie, Rotauge, Brasse oder Räuber wie der Hecht, Wels und Zander freuen sich gar darüber, dass die Saar zwischen den Schleusen nun gemächlich dahinfließt. Die Fische wachsen schneller als in einem Fließgewässer, da das Nahrungsangebot im fast stehenden Gewässer zwischen den Staustufen größer ist als in einem Fluss. Auch die Brut der Fische wird nicht weggeschwemmt und entwickelt sich sehr gut. Leider auch invasive Fischarten wie die Schwarzmundgrundel. „Die gibt es zu Milliarden in der Saar“, sagt Hoffmann. Er schlägt vor, sie zu fangen und zu verwerten, was von den Anglern auch intensiv und organisiert getan wird. „Frittiert schmeckt sie wirklich gut“, sagt er. Sie sei auch nicht fettreich. Sehr fettreichen Fisch aus der Saar sollte man eher meiden. Denn im Fischfett lagern sich PCB und Quecksilber ab. Giftige Reste der Industrialisierung. Dennoch bricht Hoffmann gerne eine Lanze für die ausgebaute Saar. „Wir müssen sie so nehmen, wie sie ist.“ Als eine aneinandergereihte Seenplatte, die „sehr fischreich ist“.

Alle Teile der Serie:
1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Révolution au bord de la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Zwei Weltkriege verwüsten das Saartal 14. Die Saar im Sterbebett 15. Planspiele mit der Saar 16. Der Ausbau der Saar – Episode I 17. Der Ausbau der Saar – Episode II 18. Die Fischer der Saar. 19. Von den Quellen bis zur saarländischen Grenze – eine Fotoreise 21. und 22. Durch das Saarland – eine Fotoreise 23. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

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