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Die Saar – Geschichte eines Flusses
Zwei Weltkriege verwüsten das Saartal

Der alte Hafen in Saarbrücken kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Kohleverschiffung läuft bereits wieder. Die Häuser rund um die Hafeninsel sind zerstört. Auf der Insel steht heute die Congresshalle.
Der alte Hafen in Saarbrücken kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Kohleverschiffung läuft bereits wieder. Die Häuser rund um die Hafeninsel sind zerstört. Auf der Insel steht heute die Congresshalle. FOTO: Repro: Klaus Winkler / Klaus Winkler
Die zwei Weltkriege bringen wieder Mord und Totschlag ins Saartal. Und – so schlimm es sich liest: Der Erste Weltkrieg ist ursächlich für die Geburt eines Flächenlandes. Sein Name: Saarland. Von Michael Kipp

1914 ist es soweit: Die Deutschen erklären den Franzosen den Krieg. An der preußischen Saar herrscht eine gewisse Euphorie. Wird schon nicht so lange dauern. Ging ja zuletzt im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 schnell. Ein knappes Jahr Krieg – und ein Sieg auf ganzer Linie. Gut, die Schlacht bei Spicheren war grausam, aber seither sind das Elsass und Teile Lothringens deutsch, dachten sie damals. Seither ist die Saar kein Grenzfluss mehr. Seither brummt die Industrie. Daher wohl die Kriegseuphorie im Tal.


Die schnell weg ist. Die Mobilmachung beginnt. In Saarbrücken sammelt sich preußisches Militär. Der zivile Bahnverkehr fällt aus, ständig Kontrollen, Spione und Verwundete in der Stadt, 1915 sind erstmals die Lebensmittel knapp. Spätestens im August 1915 ist die Stimmung völlig im Keller. Luftangriffe auf Saarbrücken. Eine damals völlig neue Form der Kriegsführung. 13 Tote und viele Verletzte. Bis 1918 gibt es zahlreiche Luftangriffe. Nicht zuletzt wegen der Industrie im Saartal.

Zu Beginn verlieren Hütten und Gruben viele Arbeiter. Sie müssen in den Krieg ziehen. Frauen, Kinder und Kriegsgefangene ersetzen sie. Die Schwer-Industrie an der Saar ist das Schüreisen für den Krieg. Die Röchlings produzieren Kriegsgerät. „Preßgasminenwerfer“ kommen aus Saarbrücken, die Dillinger Hütte produziert Panzerplatten für die Marine. Die Fenner Glashütte Glas fürs Militär, vor allem für die Marine. Das St. Ingberter Eisenwerk stellt 1915 insgesamt 15 000 Graugussgranaten her. Auch für den Stellungskrieg bei Verdun. Bis zu 400 000 Tote fordert der. Und ist ab und an im Saartal zu hören. Immer mehr Verwundete fluten die Krankenhäuser des Flusstals. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges enden am 11. November 1918.



Im Saartal herrscht hernach Unsicherheit. Politische. Zu wem gehört das Land an der Saar? Frankreich? Deutschland? Auch der Versailler Vertrag findet am 10. Januar 1920 keine eindeutige Antwort. Er unterstellt das Gebiet dem Völkerbund. 15 Jahre lang soll er regieren, dann dürfen die Saarländer abstimmen, wo sie hinwollen. Wer Saarländer ist, legen die Siegermächte ebenso im Versailler Vertrag fest, ziehen die Landesgrenzen neu. Dabei orientieren sie sich an der Industrie. Sie soll reibungslos laufen, die Gruben und Hütten sollen Geld erwirtschaften. Zumindest die Gruben gehören laut Vertrag den Franzosen. 15 Jahre lang. Reparationszahlungen. Also orientieren sich die Franzosen bei der Grenzziehung an den Wohngebieten der Arbeiter. Die ja gerne auf Hartfüßlerpfaden unterwegs ins Saartal sind. So kommt es, dass die Franzosen einst Fremdes zusammenlegten: Die preußischen Kreise Saarbrücken, Saarlouis und Ottweiler verschmelzen mit Teilen der Kreise Merzig und St. Wendel und mit den einst bayerischen Kreisen Homburg und Zweibrücken. Das Saarland ist geboren. Geografisch.

Zwar regiert der Völkerbund, doch letztlich haben die Franzosen an der Saar das Sagen: In den Bergwerken, in den Verwaltungen; Militärs in den Städten, eine anfängliche Pressezensur, 1923 streiken die Bergarbeiter gegen die Franzosen; all das lässt das Verständnis füreinander nicht steigen. Die Abstimmungsergebnisse 1935 überraschen damals kaum: Rund 90 Prozent der Saarländer finden es okay, sich Hitlerdeutschland anzuschließen, nur acht Prozent wollen unter dem Völkerbund weitermachen, 0,4 Prozent sind für den Anschluss an Frankreich. Die Saarländer sind nun Teil des Deutschen Reiches.

Mit dem Zweiten Weltkrieg rollt bereits die nächste Katastrophe auf das Tal zu. Adolf Hitler lässt den Westwall (auch) und vor allem massiv durchs Saartal bauen. 4100 Bunker, 340 Minenfelder, 100 Kilometer Panzergräben und 60 Kilometer Höckerlinien. Das Gebiet soll Teil einer Kampfzone werden, die Hitler „Rote Zone“ nennt: ein zehn Kilometer breiter Streifen, 500 Kilometer lang, von den Niederlanden bis zur Schweiz, einschließlich Saarbrücken, Dillingen, Völklingen und Saarlouis.

Als am 3. September 1939 Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg erklären, müssen 300 000 Saarländer die Zone räumen, ihre Heimat verlassen. Von heute auf morgen, in Sonderzügen. Nach Thüringen, Hessen oder Franken. Eine traumatisierende Erfahrung für Saarländer. Sie dürfen erst im Sommer 1940 zurück. Der Krieg gegen Frankreich ist „gewonnen“, ihre Häuser sind meist geplündert und beschädigt. Im September 1944 lässt Hitler die Zone ein zweites Mal evakuieren – viele der Betroffenen kehren erst nach dem Kriegsende wieder heim.

Wie im Ersten Weltkrieg beliefert die Industrie von der Saar die Schlachtfelder. Hüttenchef Hermann Röchling wird von Hermann Göring zum Leiter des Hüttenwesens in Deutschland ernannt. Er produziert Stahlhelme, die „Röchling-Granate“ und die „Fleißiges Lieschen“ genannte Langstreckenkanone V3. Sie schicken den Tod in ganz Europa auf Reisen. Der bekanntlich wieder zurückkommt. Im Saartal in Form von Fliegerangriffen. Die laufen seit 1942. Amis und vor allem Engländer nehmen nicht nur Industrie und Infrastruktur im Saartal ins Visier – auch zivile. Den schlimmsten Bombenangriff erlebt Saarbrücken am 5. Oktober 1944. Kurz nach 20 Uhr geht es los. Drei Angriffswellen rollen über das Stadtgebiet. Um 22.30 Uhr erreicht ein Verband von 325 „Lancaster“-Bombern Saarbrücken. 2500 Spreng- und über 350 000 Stabbrandbomben fallen. Die Brandbomben lösen einen Feuersturm aus. 361 Menschen sterben: Sie ersticken, verbrennen oder werden von Sprengbomben zerfetzt. Alt-Saarbrücken, Malstatt und ein Teil von Burbach mit der Stahlhütte sind Geschichte. 45 000 Menschen sind nach dem Angriff obdachlos. Über die Hälfte der gesamten Stadt ist zerstört. Insgesamt ruinieren die Bombenangriffe im Krieg 8000 Saarbrücker Häuser. Zwischen 1942 und 1945 sterben bei den 32 Luftangriffen 1234 Menschen.

Auch Saarlouis leidet. Nicht nur unter dem neuen Namen „Saarlautern“, auch unter Bombenangriffen. Gegen Ende des Krieges ist die ehemalige Festungsstadt wieder eine. Die Nazis nennen Saarlouis nun „Zitadelle Saarlautern“. Zahlreiche Gefechte zwischen Deutschen und Amerikanern finden dort statt. Im Dezember 1944 sind sie vorbei. Saarlouis ist zerstört. Am 21. März 1945 ziehen die Amerikaner auch in ein fast menschenleeres Saarbrücken ein. Die französische Militärregierung übernimmt die Verwaltung des Saarlandes. Im Mai 1945 wird die Stadt, wie das gesamte Saarland, unter französische Militärregierung gestellt. Der Krieg ist vorbei – und das Saartal zerstört. Wieder einmal.

Alle Teile der Serie:
1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Révolution au bord de la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Zwei Weltkriege verwüsten das Saartal 14. Die Saar im Sterbebett 15. Planspiele mit der Saar 16. Der Ausbau der Saar 17. Die Fischer der Saar. 18. und 19. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 20. und 21. Durch das Saarland – eine Fotoreise 22. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise