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Die Saar: Geschichte eines Flusses
Liutwins Wunder an der fränkischen Saar

Zieht immer noch alle Blicke auf sich: Liutwin am Ufer der Saar in Mettlach. Er ist der Gründer der Abtei Mettlach, war Bischof von Trier und soll Wunder vollbracht haben. Sogar noch nach seinem Tod um 717.
Zieht immer noch alle Blicke auf sich: Liutwin am Ufer der Saar in Mettlach. Er ist der Gründer der Abtei Mettlach, war Bischof von Trier und soll Wunder vollbracht haben. Sogar noch nach seinem Tod um 717. FOTO: Robby Lorenz
Die Franken sind da. Einer von ihnen soll ein Kloster in Mettlach gründen und Wunder bewirken. Ein anderer soll Lothringen seinen Namen schenken. Und die Saar wird erstmals zum Grenzfluss. Von Michael Kipp

Im frühen Mittelalter mischen sich Völker und Kulturen am Saarwasser. Die christlichen Römer verlassen die Saar. Die zunächst heidnischen Franken kommen. Auch in die alten Orte mit meist gallo-romanischer Zivilbevölkerung. Sie gründen gerne neu. Orte mit „Heim“ und „Ingen“ im Namen entstehen im Saartal. Der erste Chef der Franken nennt sich Chlodwig. Ein ehemaliger Kriegsfürst aus dem Hause der Merowinger. Als er im Jahre 511 stirbt, ist er getauft. Seine vier Söhne teilen sich das Reich. Ist so üblich. Genau wie Wiedervereinigungen unter einer Krone.


Die Saar befindet sich nach dieser ersten Teilung im Osten des Frankenreiches. Im so genannten „Reich von Metz“, wenig später „Austrasien“ genannt. Theuderich I. ist König, der älteste Sohn von Chlodwig. Doch die unter Chlodwig so mächtigen Merowinger verlieren immer mehr Macht an die einflussreichen „Hausmeier“ des Königshofes, an die Hausverwalter, die „Chefbeamten“ des Reiches. Dagobert I. ist der letzte „starke“ Merowingerkönig. Ab 623 regiert er die Saar in Austrasien. 629 besteigt er den Thron des gesamten Reiches, regiert von Paris aus. 639 stirbt er. Die Familie verliert hernach endgültig ihre Macht an die Hausmeier-Familien. An die Pippiniden. Später Karolinger.

Ein Freund der Karolinger lebt an der Saar: Herzog Liutwin. Er lässt 675 bei Mettlach eine Kapelle bauen. Die Legende berichtet, warum: Liutwin schläft bei einem Jagdausflug in der Nähe der Saarschleife ein. Ein Adler bleibt in der Luft über ihm stehen und spendet Schatten. Ein Diener erzählt Liutwin davon. Er ist begeistert, interpretiert den Adlerschatten zumindest als ein von Gott gesandtes Zeichen. Ein Wunder gar? Er lässt an der Stelle eine Kirche zu Ehren des Heiligen Dionysius bauen und formt ein christliches Missionszentrum. Wohl an ihrer Stelle steht heute die Pfarrkirche St. Gangolf in Mettlach.



Liutwin wird tief gläubig. Ein paar Jahre später baut er in Mettlach zwei weitere Kirchen, weiht sie Maria und Petrus. Er gründet ein Kloster am Saarufer, schenkt der Abtei 13 000 Hektar Land nebst Bauern. Als seine Frau stirbt, gibt er seine weltlichen Ämter auf und übernimmt die Klosterleitung. 705 wird Liutwin Bischof von Trier, später der Legende nach gar von Reims und dem nahegelegenen Laon. Ein Tausendsassa von der Saar. Bereits zu Lebzeiten soll er Wunder vollbracht haben, kann gleichzeitig an verschiedenen Orten sein. 717 stirbt Liutwin in Reims.

Aus seiner Zeit als Herzog hat er zwei Söhne: Milo und Wido, Namensgeber der mächtigen Familie der Widonen. Und vielleicht eine Tochter: Rotrude. Milo wird Bischof von Trier und will den Leichnam seines Vaters von Reims nach Trier überführen. Doch das Schiff kann in Trier nicht anlegen. Warum auch immer. Daher beschließen die Trierer, so erzählt es die Lutwinuslegende, das Schiff „den Wellen frei zu überlassen. Ohne Steuer und Ruder nahm es seinen Weg, wie von Engeln geleitet, gegen den Strom. Betend und Psalmen singend folgten Bischof und Volk am Ufer der seltsamen Fahrt, die stromaufwärts ging bis zur Mündung der Saar, dort nahm das Schiff den Weg die Saar hinauf. Als das Schiff an Mettlachs Gestade anlief, begannen die Glocken des Klosters von selbst zu läuten und riefen alles Volk herbei“. Seither liegt Liutwin in Mettlach begraben. Verständlich.

Mettlach wird zum Wallfahrtsort. Bereits im 10. Jahrhundert pilgern 76 Pfarreien aus der Saargegend jährlich zur Marienkirche. Im Jahr 990 wandern Liutwins Gebeine von der Marienkirche in einen Neubau. Ein achteckiger Kirchenbau (Oktogon), der der Aachener Pfalzkapelle (dem heutigen Dom) Karls des Großen nachempfunden ist. Diese Kirche ist heute als der „Alte Turm von Mettlach“ bekannt und gilt als ältestes erhaltenes Steinbauwerk im Saarland. Liutwins Gebeine liegen heute nicht mehr dort – sondern ein paar Meter weiter in der Lutwinuskirche aus dem 18. Jahrhundert.

Liutwin ist zu Lebzeiten ein mächtiger Mann, Frankens Hausmeier Karl Martell sein Freund. Wahrscheinlich Namensgeber der Karolinger. Martells Sohn ist Pippin der Jüngere. Und auch er verlässt sich auf einen Mann von der Saar: Auf Fulrad von Denis. Dieser verhilft Pippin im Jahre 751 mit guten Beziehungen zum Papst auf den Königsthron. Der erste offizielle Karolinger-König nach den Merowingern. Von Denis ist Leiter der Hofkapelle. Auch unter Pippins Sohn: unter „Karl dem Großen“. In seinem im Jahr 777 angelegten Testament sind mehrere Güter an der Saar verzeichnet. Unter anderem bei Sarreguemines, Kleinblittersdorf, Großblittersdorf, Auersmacher und Fechingen. Teilweise hat Fulrad diese Gebiete geerbt, andere gekauft. Auch im Elsass ist er Großgrundbesitzer. Die Kaiserkrönung von Karl dem Großen im Jahre 800 erlebt Fulrad nicht mehr.

Die Bevölkerung an der bis dato friedlichen Saar wächst. Die Menschen gründen neue Orte, deren Namen in der Karolingerzeit meist mit den Suffixen -weiler, -kirchen, -hausen sowie -hofen enden. 822 eine Katastrophe: Die Normannen fallen über Trier ins Saartal ein und zerstören das Kloster Mettlach.

Im Jahr 841 stirbt Karls Sohn Ludwig der Fromme. Wieder wird geteilt: Lothar erhält die Kaiserwürde und das fränkische Mittelreich. Das benennt er nach sich: Lotharii Regnum. Die Saar mittendrin. Bruder Karl der Kahle bekommt das Westfrankenreich, aus dem später Frankreich wachsen soll; Ludwig der Deutsche erhält das Ostfrankenreich – das spätere Heilige Römische Reich deutscher Nation. Nur 14 Jahre später wird wieder erbgeteilt. Wichtig für uns: Lothar II. übernimmt Teile des Lotharii Regnum und nennt es Lotharingien. Der sprachliche Weg zu Lothringen ist nicht mehr weit. Vermutlich entsteht um diese Zeit auf dem Saarfelsen in Saarbrücken eine Burg.

Danach wird wieder geteilt, geerbt, getauscht. Mal heißen die Herrscher am Saarufer Ludwig der Stammler, mal Giselbert von Lothringen – oder einfach Heinrich. Mal fließt die Saar durchs so genannte Mittelreich, und ganz wichtig: zuletzt durch „Oberlothringen“ – und damit durchs Heilige Römische Reich deutscher Nation. Auf deutschem Grund. Wie viele Menschen knapp 1000 Jahre später betonen werden. In direkter Nachbarschaft: das Westfrankenreich. Das spätere Frankreich. Die Saar fließt durch eine Grenzregion.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Eilsabeth und die Saar-Frösche 6. Der Sonnenkönig an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Revolution à la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Die Industrie tötet die Saar 14. Die Industrie baut die Saar um 15. Still und tief fließt die Saar 16. Fischer und Fische an der Saar 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

Der Heilige Liutwin ließ unweit Mettlachs an der Stelle des Adlerwunders eine Kapelle an der Saar errichten. Rechts hinten fließt die Saar.
Der Heilige Liutwin ließ unweit Mettlachs an der Stelle des Adlerwunders eine Kapelle an der Saar errichten. Rechts hinten fließt die Saar. FOTO: Robby Lorenz
Zwei Angler sitzen am Saarufer in Mettlach. Bis 1802 lebten dort Mönche. Dann ließ die französische Verwaltung das Kloster räumen. Heute ist dort der Sitz des Keramikherstellers Villeroy & Boch.
Zwei Angler sitzen am Saarufer in Mettlach. Bis 1802 lebten dort Mönche. Dann ließ die französische Verwaltung das Kloster räumen. Heute ist dort der Sitz des Keramikherstellers Villeroy & Boch. FOTO: Robby Lorenz