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Die Saar im Fluss
Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb

Die Saar fließt von rechts unten in Konz in die Mosel. Die Mündung beschreibt der römische Dichter Ausonius in seiner „Mosella“. Darin nennt er die Saar „Saravus“. Die erste schriftliche Erwähnung des Flusses.
Die Saar fließt von rechts unten in Konz in die Mosel. Die Mündung beschreibt der römische Dichter Ausonius in seiner „Mosella“. Darin nennt er die Saar „Saravus“. Die erste schriftliche Erwähnung des Flusses. FOTO: Robby Lorenz
Die Römer bringen Zivilisation ins Saartal. Sie bauen Straßen am Ufer und Wein an den Saarhängen an. Das Leben an der Saar erblüht. Bis die Germanen kommen. Von Michael Kipp

Als Jesus Christus in Bethlehem zur Welt kommt, regieren die Römer im Saartal. Sie nennen die Provinz Gallia Belgica und siedeln. Massiv. Fast auf jeder Gemarkung entsteht eine Siedlung. In Merzig, Orscholz, Abreschviller, Rehlingen, Roden, Beckingen, Mechern und Fraulautern. Bei Konz (Contionacum) schlagen sie eine Brücke über den Unterlauf. Sie bauen Saar-Wein an. In Bous, Besseringen und Fremersdorf errichten sie Villen und Pflasterstraßen. In Saarburg finden Wissenschaftler eine Venus-Statue. In Sarreguemines Brückenreste. In Sarrebourg eine Tempelhöhle wie am Halberg. In Wallerfangen betreiben sie wie einst die Kelten Kupferberg-
bau. Der Eingang des römischen Emilianus-Stollens ist noch erhalten – mit Inschrift. In Großblittersdorf finden sich Gräber. In Güdingen steht ein römisches Gutshaus – und wohl auch eine Brücke. Das Leben floriert an den Ufern. Fast 200 Jahre Frieden sind offenbar gut für Menschen.


Wichtige Fernstraßen bauen die Römer in und durch das Saartal. In Pachten kreuzen sich zwei: die von Straßburg nach Trier und die von Metz nach Mainz. Am Saarübergang wächst die Siedlung „Contiomagus“. Das heutige Pachten erlebt im 1. und 2. Jahrhundert seine Blütezeit. Handwerker, eine Buntmetallgießerei, ein Tempel des Merkur, Händler, ein Markt, Behörden, Gutshöfe, Wohnhäuser, Werkstätten, ein Kulttheater. Bis zu 2000 Bewohner. Die Angaben schwanken. Dillingen entsteht als Gutshof daneben.

Saaraufwärts, im heutigen Saarbrücken, laufen die Straßen Metz/Worms und Trier/Straßburg über Kreuz. Am Fuße des Halbergs bauen die Römer daher ebenfalls eine Siedlung (Vicus Saravus) – mit einer steinernen Brücke über die Saar. Es gibt Ärzte, Händler, Villen, Eisenwaren. Eine aufblühende gallo-römische Kleinstadt. Auf dem Halberg entsteht ein Tempel zu Ehren Mithras. Die heutige „Heidenkapelle“.



Dritte Saar-Siedlungshochburg ist Sarrebourg. Dort führt die Römerstraße von Reims nach Straßburg durch eine Furt über die Saar. Hier entsteht Pons Saravi. Daneben bauen die Römer bereits im 3. Jahrhundert ein Kastell. Dazu befestigen sie die Stadt mit Mauern. Auch Saar-Häfen legen die Römer an. Für den Transport über kurze Wege. Doch zu unstetig ist der Wasserstand der Saar, als dass die Schifffahrt für die Saartal-Römer eine große Bedeutung gewinnen könnte. Die Straßen sind wichtiger als der Fluss.

Immer mehr Menschen siedeln. Der Wald wird weiter aus dem Tal gedrängt. Wie die Kultur der Kelten. Die Romanisierung durchpflügt das Saartal. Keltische Volksgruppen vermischen Bräuche und Religion mit der neuen römischen Kultur. Lassen aber nicht alle alten Gottheiten fallen. Felsbilder am Donon, in Sengscheid und Wallerfangen oder Ludweiler lassen die Deutung zu. Die Sprache der „Saarländer“ ist nun wohl ein Kauderwelsch aus Keltisch und Latein. Ein weiterer Import aus Rom heißt Zivilisation. Und auch: mehr Komfort, Fußbodenheizungen, Steinhäuser, Steinbrücken, Gerichte. Im Gegenzug liefern die Saarbewohner Bauholz, Eisen und Kupfer, Lehm und Ton, Ziegel und Keramik. Gallo-römische Töpfer aus Blickweiler schicken ihre Keramik nachweislich bis nach Britannien und bis zur mittleren Donau. Wohl auch über die Saar.

Erst mit den Völkerwanderungen Ende des 3. Jahrhunderts sollten wieder Mord und Totschlag ins Tal kommen. Und neue Menschen. Germanen. Die Franken und die Alamannen überschreiten den Rhein und wüten an der Saar. Saarbrücken, Schwarzenacker und Pachten plündern sie im Frühling des Jahres 276 und brennen alles nieder. Münzdepotfunde beweisen, dass sie auch Einwohner getötet haben müssen. Erst 281 können die Römer die Rheingrenze wieder sichern. Vorübergehend. Im Jahr 352 legen die Alamannen die gallo-römischen Saarorte abermals in Schutt und Asche. Doch die Römer bleiben. Trier ist zwischen 286 und 395 gar kaiserliche Residenz und eine der Hauptstädte des Römischen Reiches. 367 residiert Kaiser Valentinian I. in der Moselstadt. In Konz lässt er einen Sommerpalast bauen – mit Blick auf die Mündung der Saar in die Mosel. Saaraufwärts entstehen Kastelle in Saarbrücken und Pachten. Das in Pachten ist groß: 113,7 x 152,1 Meter. Es hat rechteckige Türme, zwei Tore.

In diesen Zeiten erfährt die Saarschifffahrt ihre erste schriftliche Erwähnung. Der römische Dichter und Staatsbeamte Decimus Magnus Ausonius verfasst 373 einen Reisebericht in Versform und nennt sein Werk „Mosella“. Er lebt von 367 bis 388 als Erzieher des Kaisers Gratian in Trier (Augusta Treverorum). In seinem Text nennt er nicht nur die Kaiservilla in Konz. Ausonius beschreibt auch die „schiffbare Saar“ mit ihrem „wogenrauschendem Kleide“ – wahrscheinlich bezieht er sich auf die Saar-Mündung, die damals aufbrausend bei Konz in die Mosel rauscht.

Trier ist zu dieser Zeit wohl ein lohnendes Ziel für Saarschiffe. So finden Forscher bei Rehlingen einen großen Quaderstein mit Schriftmarke in der Saar, vermutlich für Trier bestimmt. Ziegel, Keramik und Eisen sind wohl auch Waren auf der Saar. Auch Flöße, gebunden aus Baumstämmen aus den Saarwäldern und den Vogesen, haben Menschen zu dieser und früherer Zeit die Saar hinab geflößt. Wohl immer mehr unter dem Schutz des Heilands. Im Jahr 391 erhebt der römische Kaiser Theodosius I. das Christentum zur Staatsreligion. Auch im Saartal.

Trotz der Kastelle und der Schutzmauern in Sarrebourg lassen die Germanen nicht locker. Nicht zuletzt, weil die Orte an der Saar gut zu erreichen sind: auf den Römerstraßen. Im Jahr 406 zerstören diesmal die Vandalen das Kastell in Pachten. Bis 435 überfallen die Franken Trier, Mosel- und Saartal noch weitere vier Mal und plündern es. Auch die Alamannen sind öfters dabei. Immer stärker siedeln nun Franken und auch Alemannen im Saartal. Als die Franken 475 Trier einnehmen, ist der Fluss nicht mehr römisch. Die Franken sind nun da. Mit Jesus haben die zunächst mal nichts zu tun.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Das Auf und Ab der Römerstraßen an der Saar 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Grafen und Klerus am Saarufer 5. Eilsabeth und die Saar-Frösche 6. Der Sonnenkönig an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Revolution à la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Die Industrie tötet die Saar 14. Die Industrie baut die Saar um 15. Still und tief fließt die Saar 16. Fischer und Fische an der Saar 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

Dieser Merkur-Torso steht im Saarbrücker Museum für Vor- und Frühgeschichte. 1915 finden ihn Forscher in der Nähe der Saar am Saarbrücker Eschberg.
Dieser Merkur-Torso steht im Saarbrücker Museum für Vor- und Frühgeschichte. 1915 finden ihn Forscher in der Nähe der Saar am Saarbrücker Eschberg. FOTO: Robby Lorenz