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Die Saar – Geschichte eines Flusses
Die Mühlen an der Saar

Malerisch liegt die Mühle im französischen Oberstinzel an der Saar. Der Fluss ist links der Mühle an einem Wehr aufgestaut, damit das Rad immer genug Wasser zum Drehen hat. Kommt 
zu viel Wasser die
 Saar herunter, läuft es über das Wehr und Mühlteich an der Mühle vorbei.
Malerisch liegt die Mühle im französischen Oberstinzel an der Saar. Der Fluss ist links der Mühle an einem Wehr aufgestaut, damit das Rad immer genug Wasser zum Drehen hat. Kommt zu viel Wasser die Saar herunter, läuft es über das Wehr und Mühlteich an der Mühle vorbei. FOTO: Robby Lorenz
Die Mühlen an der Saar sind vielen Saarländern gänzlich unbekannt. Grund: Sie stehen vor allem an der Oberen Saar in Frankreich. Dort zeigen sie sich meist von ihrer schönen Seite. Von Michael Kipp

Das Mühlrad, der Fluss und der Teich. Mühlen können schön sein. Pittoresk schön. Auch an der Oberen Saar. Zwischen Abreschviller und Großbliederstroff reihen sie sich auf. Mal uralt und verfallen, mal schick saniert als Hipsterheim, mal als Restaurant, mal als originäre Mühle, die noch in Betrieb ist. Auffällig: Lediglich an der Oberen Saar stehen die Mühlen direkt an der Saar. Ab Großbliederstroff nicht mehr. Ab dort sind die Nebenflüsse die Energielieferanten der Mühlen. Wie der Seffersbach in Merzig. Oder die Leuk in Saarburg. Das ist nur teilweise mit dem mangelnden Gefälle der Saar zu erklären. Hauptgrund für den Mühlenschwund ist wohl die Schifffahrt auf der mittleren und unteren Saar. Da es dort damals viele Untiefen, Stromschnellen und Felsen gab, wären Mühlen ein unnötig weiteres Hindernis. Zumal es ja knapp 100 Nebenflüsse gibt, an denen sich Mühlen ansiedeln konnten. 


 Erstmals offiziell erwähnt sind Saar-Mühlen im Jahr 999 – in einer Schenkungsurkunde von Otto III. Darin vermacht er dem Bischof von Metz Getreidemühlen an der oberen Saar. Seit dem Jahr 1213 ist die Mühle von Gosselming belegt. Seit 1244 die Welferdinger Mühle. Walk- und Lohmühlen sind seit dem 15. Jahrhundert belegt. Tuchmacher und Weißgerber brauchen Walkmühlen, Rotgerber Lohmühlen. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte jedes Dorf mindestens eine Getreide- und Ölmühle. Sägemühlen kommen vor allem im 16. Jahrhundert dazu. Vor allem in den Tälern der Roten und Weißen Saar, in deren Wäldern genug Holz steht und das Gefälle des Flusses für die Flößerei groß genug ist. Ab Abreschviller und Hermelange flößen sie meist Eichenholz auf der Saar. Bis zu 65 Meter sind diese Flöße lang. Über Mosel und Rhein treibt das sogenannte „Holländerholz“ bis nach Rotterdam. Die Niederländer bauen Schiffe und Grachten aus den Eichen.

Startet damals ein Floß bei Abreschviller, muss es an mehr als 40 Mühlen vorbei, bevor es in Großbliederstroff ist. Die Müller müssen bei jedem Flößzug die Räder anhalten. Manche Flöße krachen in die Mühlenanlagen, zerstören Wehre. Streit. Stress. Ein Kompromiss muss her. Und der heißt: Flößergasse. Jede Mühle muss eine solche anlegen. Dort können Flöße passieren. Je mehr Mühlen es an der Oberen Saar gibt, desto mehr Wehre haben Müller gebaut, desto mehr Wasser ist gestaut. Die ersten Umbaumaßnahmen der Saar sozusagen. Die stinken den Müllern talabwärts. Vor allem im Sommer, wenn die Saar Niedrigwasser hat und selbst die Wehre nicht mehr genug Wasser für einen sauberen Mühlenbetrieb stauen. Wenn noch im Winter Hochwasser und Eisschollen den Müllern und Mühlen zusetzen, sind sie in ihrer Existenz bedroht. Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts gibt es daher Verordnungen. Mühlenordnung folgt auf Mühlenordnung. Rechtsstreite über die Höhe der Stauwehre und Stauhöhen. Über Wasserrechte. Immer wieder stehen Mühlen still. Weil kein Wasser da ist. Auch Getreidemühlen, die 1766 zum Beispiel in Lothringen bei Wassermangel „wasservorberechtigt“ sind. Vor den Gewerbemühlen. Sie müssen das Wasser durchlassen, damit Mehl für Brot da ist.



In Saarbrücken dürfen die Weißgerber bei Niedrigwasser den Rotgerbern das Wasser abgraben. 1756 beschweren sich die Weißgerber beim Saarbrücker Fürsten darüber, dass die Rotgerber ihnen das Wasser abdrehen. Trotz Gesetz. Ihre Häute für die Lederherstellung würden vertrocknen. Sie können sie nicht walken. Den Papiermüllern setzt vor allem die Umweltverschmutzung zu. Auch wenn es das Wort damals noch nicht gibt. Sägespäne aus Sägemühlen verschlammen das Wasser. Die Erzwäsche-Abwasser der Hammerwerke sind schmutzig.

Walkmühlen nutzen Bäder aus Urin und Natronlauge, um Tuche zu bearbeiten, Gerber legen Häute in Alaunlösungen ein, Gerbsäure, Salze. 1860 verklagt die Dillinger Papiermühle die daneben liegende Dillinger Hütte. Die Hütte würde fast das ganze Wasser der Prims verbrauchen und ihr Abwasser wäre so verschmutzt, dass es für die Papierproduktion unbrauchbar geworden sei. Doch die Papiermühle hat keine Chance. Preußen entscheidet zu Gunsten der Industrie. Die Hütte ist mächtiger und ertragreicher als das alteingesessene Mühlengewerbe, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 400 Betriebe im Saarland hat. Die meisten sind dem Niedergang geweiht. Die Dampfmaschine macht Anfang des 19. Jahrhunderts die Industrie unabhängig von der Wasserkraft, lässt Großmühlen auch abseits des Wassers wachsen und die Mehlpreise fallen. Viele kleine und mittelgroße Mühlen geben auf. Die Tradition zieht sich nach und nach zurück. Deren pittoresk schönen Zeugnisse heute die Obere Saar schmücken.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Revolution à la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Die Industrie tötet die Saar 14. Die Industrie baut die Saar um 15. Still und tief fließt die Saar 16. Fischer 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise.

Eine Mühle von 1727 mit laufendem Schaufelrad in Sarreinsming. Im Hintergrund die Kirche des 866 Jahre alten Dorfes.
Eine Mühle von 1727 mit laufendem Schaufelrad in Sarreinsming. Im Hintergrund die Kirche des 866 Jahre alten Dorfes. FOTO: Robby Lorenz
Die Ruine einer Mühle vom Ende des 19. Jahrhunderts am südlichen Ortsrand von Sarreguemines. Die Mühle liegt zwischen Saarkanal (im Bild) und der Saar (hinter dem Gebäude).
Die Ruine einer Mühle vom Ende des 19. Jahrhunderts am südlichen Ortsrand von Sarreguemines. Die Mühle liegt zwischen Saarkanal (im Bild) und der Saar (hinter dem Gebäude). FOTO: Robby Lorenz
Neubaubewohner haben ihren Vorgarten auf einer Insel in der Saar gestaltet. Daneben die Reste einer alten Mühle.
Neubaubewohner haben ihren Vorgarten auf einer Insel in der Saar gestaltet. Daneben die Reste einer alten Mühle. FOTO: Robby Lorenz
Im Vordergrund die Mühle von Sarralbe. Sie mahlt auch heute noch Getreide, wie man an dem weißen Mehlstaub auf den Dächern sieht. In unmittelbarer Nähe reckt die katholische Kirche ihre beiden Türme in die Höhe.
Im Vordergrund die Mühle von Sarralbe. Sie mahlt auch heute noch Getreide, wie man an dem weißen Mehlstaub auf den Dächern sieht. In unmittelbarer Nähe reckt die katholische Kirche ihre beiden Türme in die Höhe. FOTO: Robby Lorenz