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Die Saar – Geschichte eines Flusses
Der Kanal neben der Saar

Der Saarkanal – er fließt nach rechts oben – beginnt bei Gondrexange in Frankreich. Er speist sich aus dem Rhein-Marne-Kanal (linker Bildrand). Zwei Seen umgeben die Kanäle.
Der Saarkanal – er fließt nach rechts oben – beginnt bei Gondrexange in Frankreich. Er speist sich aus dem Rhein-Marne-Kanal (linker Bildrand). Zwei Seen umgeben die Kanäle. FOTO: Robby Lorenz
Einst hieß er Saar-Kohlen-Kanal – heute nur noch Saarkanal. Früher fuhren darauf Schiffe voller Kohle – heute Freizeitschiffe. Von Michael Kipp

Meist kerzengerade. Gefühlt immer Gegenwind. Den Leinpfad am Saarkohlenkanal kennt nahezu jeder saarländische Radfahrer. 65 Kilometern ist der Kanal lang. Nach 27 Schleusen vereint er sich bei Saargemünd mit der Saar. Seit 1866. Gedacht war der Pfad daneben nicht für Radfahrer, sondern für Pferde. Sie ziehen in vergangenen Zeiten Treidelschiffe, die Péniche (Penischen), den Kanal hinauf und hinab. Beladen mit Glas, Kohle, Porzellan, Salz und Erz.


Bereits 1772 beginnen die Menschen zwischen Saargemünd und Saarbrücken mit ersten Regulierungsarbeiten an der Saar. Flussbett vertiefen, Ufer bereinigen. Zu dieser Zeit müssen sie die Kohle mit Pferdefuhrwerken zu den lothringischen Absatzmärkten bringen. Die Schifffahrt ist bis dahin auf der oberen Saar nicht möglich. Zu flach, zu schmal. Zu wenig Wasser.

Auch im mittleren und unteren Saartal gibt es immer wieder Probleme mit den Wasserständen. Anfang des 19. Jahrhunderts schwanken die Pegel bei Saarbrücken zum Beispiel massiv. Zwischen 2,82 Meter und 7,85 Meter im Winter. Im Sommer erreicht die Saar bei einem Wasserstand zwischen 0,31 Meter und 0,57 Meter noch nicht mal Brusthöhe. Vor allem im unteren Saartal gibt es böse Felsen und Untiefen – die Schifffahrt dort ist bis dato nur was für Profis. Daher sind es vor allem die Flöße mit Vogesen- und Saarwaldholz, die im 18. Jahrhundert über die untere Saar Richtung Mosel schiffen (Siehe Serienteil 8). Aber auch Glas. Auf Einwegschiffen. Sie fahren bis nach Amsterdam, laden die Waren ab. Danach zerlegen die Männer das Boot, verkaufen das Holz und machen sich auf dem Landweg zurück ins Saartal. Ab dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ist die Kohle das Massentransportgut, das den Fluss hinabgeschifft wird. Um die Hütten an Mosel, Mittelrhein und Lahn zu versorgen und von der Lahn Erze zur Verhüttung an die Saar zu bringen. Nach Lothringen kutschen immer noch Pferde. Bereits Napoleon ist daher Anfang des 19. Jahrhunderts an einem Kanalbau interessiert. Der künstliche Fluss soll lothringische Salinen mit den Gruben im Saartal verbinden. 1805 schlägt Napoleon vor, einen Kanal vom Salinengebiet bei Dieuze bis nach Sarralbe zu graben. Er soll bei Sarralbe in die Saar münden. Die Saar bis nach Saarbrücken will der Feldherr ebenso kanalisieren. Zwischen 1806 und 1813 entstehen mehrere Schleusen zwischen Sarreguemines und Saarbrücken. Auch der Bau des Salinenkanals startet. Doch Napoleon ist 1815 außer Amt und Würden. Die Mittlere und Untere Saar fallen an Preußen. Das Kanalbauprojekt an der oberen Saar ist gestorben.



Die Preußen setzen andere Prioritäten. Sie konzentrieren sich auf den Ausbau der Unteren Saar, um sie besser schiffbar zu machen. Sie halten die Fahrrinnen frei, bauen dazu Buhnen ins Flussbett. Folge: Die Saar ist tiefer und so besser schiffbar, viele Furten sind nicht mehr passierbar. Viele Lotsen und Saarschiffer verlieren ihren Job, da ihre Kenntnisse nicht mehr nötig sind.

1841 rückt wieder der Kanalbau in den Fokus. In Frankreich regiert Napoleon III.. In Preußen König Friedrich Wilhelm IV. Beide handeln einen Kanalisierungsvertrag aus. Demnach soll der Kanal die Saar mit dem Rhein-Marne-Kanal verbinden. Den bauen die Franzosen zwischen 1844 und 1853 fertig. Doch die Pläne sind nicht bei jedem Saarländer beliebt. Vor allem Hüttenbaron Stumm will eher eine Eisenbahn. Nicht zuletzt, weil sein Hauptwerk in Neunkirchen nicht an der Saar liegt. Er befürchtet, dass die Hütte in Dillingen zum Beispiel einen unlauteren Wettbewerbsvorteil hätte, käme der Kanal. So kommt der Staatsvertrag erst 20 Jahre nach den ersten Gesprächen zu Stande. Das verschafft der Schiene einen Vorsprung. Die fährt bereits 1860 von Saarbrücken nach Trier. Und übernimmt den Großteil der Warentransporte von der Saar. Das führt dazu, dass die Talschiffahrt nahezu gänzlich zum Erliegen kommt.

1866 ist der Saar-Kohlen-Kanal nach nur vier Jahren Bauzeit fertig. Er zweigt im Weiher von Gondrexange vom Rhein-Marne-Kanal ab, läuft zwischen Deichen durch den Weiher. Den Stockweiher überfließt er auf einem massiven Aquädukt. Beide Seen sind ein Wasserreservoir für den Kanal. Der Stockweiher wurde damals extra dafür angelegt. Obwohl die Seefläche mit knapp 700 Hektar sechs Mal so groß ist wie die des Bostalsees, können die Pumpen ihn täglich um sechs Zentimeter absenken, um Wasser in den Kanal zu pumpen.

Der Höhenunterschied zwischen Gondrexange und Ensdorf beträgt 90 Meter. 36 Schleusen machen ihn wett. Auf dem damals 1,80 Meter tiefen Kanal transportieren die so genannten Péniche Steinkohle zu Berg und Eisenerz zu Tal. Sie können bis zu 200 Tonnen transportieren, ab 1895 300 Tonnen. In Bewegung setzen die 40 Meter langen und fünf Meter breiten Schiffe immer noch Pferde, erst viel später Traktoren. Die gesamte Kohleverschiffung läuft über den Hafen Malstatt, der einen Eisenbahnanschluss hat. Das Eisenerz löschen die Schiffe an den Entladestellen in Brebach, Burbach und Völklingen. Der Kanalverkehr brummt. Allerdings nur wenige Jahre. Bis zur Eröffnung der Bahnstrecke Sarreguemines – Sarrebourg. Die Bedeutung des Kanals geht für den Güterverkehr zurück und kommt Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig zum Erliegen. Bereits um 1900 laufen nur noch sechs Prozent des Kohlenverkehrs über den Kanal.

Heute fahren dort Freizeitschiffe und keine Arbeitsschiffe mehr. Könnten sie auch nicht mehr. Zu viel Schlamm. Die Wasserspeicher sind inzwischen Naherholungsgebiete. Und auf dem Leinpfad lässt sich hervorragend Fahrrad fahren. Wenn der stete Gegenwind nicht wäre.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Révolution au bord de la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Die Industrie tötet die Saar 14. Die Industrie baut die Saar um 15. Still und tief fließt die Saar 16. Fischer 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

Der Saarkanal fließt auf einem Damm über den Stockweiher. Der Weiher speist sich aus der Saar und umgekehrt. Sein Wasser wird bei Bedarf in den Kanal hochgepumpt.
Der Saarkanal fließt auf einem Damm über den Stockweiher. Der Weiher speist sich aus der Saar und umgekehrt. Sein Wasser wird bei Bedarf in den Kanal hochgepumpt. FOTO: Robby Lorenz
Das französische Wittring liegt an Saar (l.) und am Saarkanal (r.). Zwischen beiden Gewässern verläuft der Leinpfad. Die Saar und der Kanal fließen ab Sarrealbe nebeneinander her. Bis nach Saargemünd.
Das französische Wittring liegt an Saar (l.) und am Saarkanal (r.). Zwischen beiden Gewässern verläuft der Leinpfad. Die Saar und der Kanal fließen ab Sarrealbe nebeneinander her. Bis nach Saargemünd. FOTO: Robby Lorenz
Am Ortsrand von Saargemünd steht ein Mühlenkomplex von 1892. Die Mühlen stehen zwischen der Saar (rechts) und dem Saarkanal. Er endet am Horizont in einem kleinen Hafen an der Schleuse Nr. 27.
Am Ortsrand von Saargemünd steht ein Mühlenkomplex von 1892. Die Mühlen stehen zwischen der Saar (rechts) und dem Saarkanal. Er endet am Horizont in einem kleinen Hafen an der Schleuse Nr. 27. FOTO: Robby Lorenz
Eine der ersten Fotografien aus dem Saartal. Sie zeigt die Feier zur Eröffnung des Saarkanals in Saargemünd 1866. Im Hintergrund ist die „Fayencerie“ von Saargemünd zu sehen. Mit ihren Öfen.
Eine der ersten Fotografien aus dem Saartal. Sie zeigt die Feier zur Eröffnung des Saarkanals in Saargemünd 1866. Im Hintergrund ist die „Fayencerie“ von Saargemünd zu sehen. Mit ihren Öfen. FOTO: unklar