Der Ausbau der Saar zur Großschifffahrtsstraße braucht sechs Staustufen

Die Saar im Fluss der Zeit : Der Ausbau der Saar – Episode I

Der Ausbau der Saar ist ein Mammutprojekt. Zwischen 1974 und 1999 bauen sie die Saar um, insgesamt sechs Staustufen entstehen.

Die Saar ist nicht mehr die Saar. Nicht mehr der Fluss, der er mehr als 10 000 Jahre war. Grund: Der Saarausbau verändert ab 1969 ihren Lauf massiv. Er macht sie kürzer, er begradigt Kurven, raubt ihr das flache Wasser, gräbt sie aus, staut sie in sechs Staustufen. „Dennoch“, so schreibt es die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) in ihrer Ausbau-Dokumentation, habe es „keine Kanalisierung der Saar gegeben“. Die Saar bleibe „ein Fluss und wird [...] wieder harmonischer Bestandteil der Landschaft sein“. Ergänzt durch „ökologische Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen“. Die seit 1976 dank des neuen Bundesnaturschutzgesetzes bei solch großen Baumaßnahmen Pflicht sind.

Und das alles, damit Schiffe mit Kohle, Koks, Mineralöl, Erzen, Metallabfällen, Eisen- und Stahl­erzeugnissen aus dem Saartal über die Mosel und Rhein zu den großen Seehäfen hin- und zurückkommen. So genannte Europaschiffe. 80 Meter lang, 9,5 Meter breit, 2,5 Meter Tiefgang. Sie können bis zu 1350 Tonnen Last transportieren. Oder Schiffsverbände. Die sind noch länger. Bis zu 185 Meter, 11,4 Meter breit, drei Meter Tiefgang. Sie können bis zu 4000 Tonnen Material schiffen. Daneben diene der kommende Saarausbau der „Energiegewinnung“. Jede Staustufe bekomme Turbinen für Stromerzeugung. Er diene auch „der Entwicklung der Sport- und Erholungsmöglichkeiten“, dem „Hochwasserschutz“. Auch neue Straßen werden an die die neuen Ufer geplant, neue „Abwasseranlagen“. Alles besonders „wirtschaftliche Lösungen“ wie die Dokumentation im Jahre 1987 versichert. Da ist der Ausbau noch nicht abgeschlossen. Erst 1999 ist die Staustufe in Burbach fertig. Ziel sei es, „einen gleichermaßen leistungsfähigen wie umweltfreundlichen Verkehrsweg“ zu bauen. In Amts-Deutsch: Die Saar soll zwischen Konz und Saarbrücken zur Wasserstraße, Klasse Vb, werden. Die damals geschätzten Kosten: 1,7 Milliarden D-Mark. Die tatsächlichen Gesamtausgaben betragen dann allerdings rund 1,2 Milliarden Euro.

Zu Beginn des Ausbaus steht die Planung: Die Strecke zwischen Saarbrücken und Konz ist insgesamt 91,3 Kilometer lang. Auf ihr wollen die Planer mit sechs Stau-
stufen einen Höhenunterschied von 55 Metern ausgleichen. Die Topografie der Strecke macht dabei unterschiedliche Fallhöhen nötig. So überwindet die Staustufe in Serrig 14,50 Meter; die in Lisdorf nur 3,8 Meter. Die optimale Breite, die Böschungsneigung und Tiefe der Saar rechnen die Schifffahrtsstraßenbauer durch. Unterhalb Hostenbachs ist die Saar nun und demnach in der Regel 55 Meter breit und meist vier Meter tief. Da passen zwei Schubverbände in einer Kurve aneinander vorbei. Oberhalb Hostenbachs sehen die Planer keine Notwendigkeit dafür. Zu gering schätzen sie dort das Transportschiffaufkommen ein. Die Saar ist dort daher nur 39 Meter breit, das Wasser im Schnitt 3,5 Meter tief. Die Durchfahrtshöhen der Brücken betragen überall mindestens 5,25 Meter.

In der Vorabplanung vermessen die Ingenieure das Tal im Detail, halten das Grundwasser mit Beobachtungsbrunnen im Auge, sie bestimmen den Baugrund. Sie bauen nahezu von jeder Schleuse Modelle im Maßstab von 1:33 oder 1:50, um die Wechselwirkungen der An- und Abströmung zu simulieren. Auch den Durchfluss der Turbinen testen die Planer im Modell. Gutachten über Auswirkungen auf das Mikro-Klima geben sie in Auftrag. Vor allem für die Weinbauern an der unteren Saar sind diese wichtig. Sie fallen positiv aus, da die größeren Wasserflächen im Winter weniger zufrieren und damit die Temperatur im Tal etwas wärmer ist. Gutachten über den möglichen Schwermetallgehalt des Aushubs müssen ebenso her. Schließlich liegt im Saarbett damals der Industrieschlamm von über 100 Jahren.

29 Millionen Kubikmeter Aushub werden während des Ausbaus rausgenommen. Eine unfassbare Menge. Zum Vergleich: Das Polygon auf der Halde Duhamel in Ensdorf steht auf 32 Millionen Kubikmetern Bergematerial. 14 Millionen Kubikmeter des Saaraushubs landen im Straßenbau, im Dammbau, in Böschungen. Der unbrauchbare Rest landet laut Dokumentation auf „gesonderten Aufhöhungsflächen“. Von Sondermülldeponien ist nicht die Rede.

Bevor der Aushub damals beginnen kann, müssen die Pläne ins Planfeststellungsverfahren. Nicht in eines – in 52. Damals gibt es insgesamt 759 Einwendungen und 247 Klagen. „Insgesamt bestätigte auch der Verlauf der Planfeststellungsverfahren die Erkenntnis, daß der Ausbau der Saar von weiten Kreisen der Bevölkerung positiv bewertet wird. Eine emotional ablehnende Haltung [...] blieb auf Ausnahmen beschränkt“, schreibt die WSV in ihrer Dokumentation. Vor allem Umweltverbände haben Bedenken. Sie sollen mit dem „landschaftspflegerischen Begleitplan“ verschwinden. An ihm arbeiten die WSV, die Bundesanstalt für Gewässerkunde, Landesbehörden sowie Umweltfachverbände. Der 25 Hektar große Ökosee in Dillingen ist ein Ergebnis dieses Plans, Fischschleusen auch. Der Plan schreibt sogar die Pflanzenarten vor, die am Ufer der ausgebauten Saar stehen sollen. 14 Flachwasserzonen weist er aus, die eine Fläche von rund elf Hektar einnehmen. Aus Altarmen entstehen insgesamt sechs Stillwasserflächen, die insgesamt zwölf Hektar groß sind. Die Natur soll nicht zu kurz kommen. So der Plan.

Alle Teile der Serie:
1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Révolution au bord de la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Zwei Weltkriege verwüsten das Saartal 14. Die Saar im Sterbebett 15. Planspiele mit der Saar 16. Der Ausbau der Saar – Episode I 17. Der Ausbau der Saar – Episode II 18. Die Fischer der Saar. 19. Von den Quellen bis zur saarländischen Grenze – eine Fotoreise 21. und 22. Durch das Saarland – eine Fotoreise 23. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

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