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Die Saar. Geschichte eines Flusses
Burgen und Klöster wachsen am Saarufer

Zum Ausgang des 12. Jahrhunderts entsteht auf dem Burgberg die Montclair (290 Meter über NN). 1351 schleift Erzbischof Balduin die damals wesentlich größere Burg. Die Herren von Sierck-les-Bains bauen zwischen 1434 und 1439 eine neue Burg. Ab 1606 steht sie leer.
Zum Ausgang des 12. Jahrhunderts entsteht auf dem Burgberg die Montclair (290 Meter über NN). 1351 schleift Erzbischof Balduin die damals wesentlich größere Burg. Die Herren von Sierck-les-Bains bauen zwischen 1434 und 1439 eine neue Burg. Ab 1606 steht sie leer. FOTO: Robby Lorenz
Die Saar fließt durchs Heilige Römische Reich deutscher Nation. An ihren Ufern wachsen die ersten Grafschaften und Klöster. Sigebert und Bischof Balduin spielen die Hauptrollen. Die Pest gesellt sich dazu. Von Michael Kipp

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Das weiß Kaiser Otto III., Chef des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation nur zu gut. Er vergisst seine Freunde nicht. So schenkt er im Jahr 999 dem Metzer Bistum das „Castelum Sarabrucca“. Weil er den Bischof so gut leiden kann, packt er noch den Königshof Völklingen nebst Warndt und Quierschieder Wälder obendrauf. Alles sauber festgehalten in einer Schenkungs-Urkunde. Aufgrund derer das Jahr 999 als offizielles Geburtsjahr der Stadt Saarbrücken gilt. Die gibt es aber schon länger, wie nicht nur die Saar-Serienleser unter uns wissen.


Doch bereits 1009 zerlegt Nachfolger Heinrich II. die Sarabrucca. Warum auch immer. Burgenplattmachen ist eh zeitgemäß. 1080 wieder ein wichtiges Geschenk. Diesmal beglückt Kaiser Heinrich IV. einen gewissen Sigebert, überträgt ihm die Villa Wadgassen. Der kaiserfreundliche Metzer Bischof packt die Sarabrucca zum Lehen noch oben drauf. Und als wäre das nicht genug: Sigebert darf noch auf eine Straßenkreuzung an der Saar aufpassen. Bei Rehlingen. Dort treffen sich die Straßen Metz/Oberrhein und Italien/Belgien. Sigebert baut im 11. Jahrhundert daher die Siersburg. Auch Zweibrücken bekommt er zum Lehen.

Sigebert hat mehrere Kinder. Sohn Adalbert soll später Erz-Bischof von Mainz werden, Bruno Bischof von Speyer. Sohn Friedrich geht nach Saarbrücken. Und nennt sich seit 1123 „Graf von Saarbrücken“. Die erste Grafschaft mit der Saar im Namen. Fast 700 Jahre alt soll sie werden.



Zwei Jahre später poppt die nächste Grafschaft am Ufer auf: Saarwerden. Errichtet auf den Ruinen eines römischen Bades. Sitz der Herren von Saarwerden ist zunächst die ortsansässige Burg, später die Stadt Bockenheim (Saar-Union). Direkt gegenüber.

1190 kommt es zu einer Erbteilung in Saarbrücken. Der älteste Sohn Simon II. bleibt an der Saar. Der jüngere Heinrich erbt alles östlich der Blies, die Hornbacher Waldmark, plus einige Lothringer Lehen. Er nennt sich nun Heinrich I., Graf von Zweibrücken. Eine weitere wichtige Grafschaft.

Auch Klöster entstehen: Ein paar Jahre zuvor spendet Ritter Adalbert Teile seines Landes in Fraulautern, um dort eine Zweigstelle des Kloster Mettlachs in Betrieb zu nehmen. Mettlach will aber nicht. Daher setzt der Trierer Erzbischof Albero Augustinerchorherren in Fraulautern ein. Die wollen.

Auch in Wadgassen eröffnet ein Kloster. Grund: Friedrich, der erste Graf von Saarbrücken, verfügt 1135 in seinem Testament, dass nach seinem Tode ein Kloster in Wadgassen zu entstehen habe. Der Bischof aus Trier findet das gut und sendet noch im gleichen Jahr Prämonstratenser-Mönche nach Wadgassen. Es dauert nicht lange, und alle umliegenden Orte sind im Besitz der krachneuen Abtei. Lisdorf, Ensdorf, Bous und die Propsteien (kleine Klöster) in Merzig und Bockenheim. Dazu erhält das Kloster die Wasser- und Fischereirechte auf der Saar. Dem Kloster geht es nicht schlecht. Im Gegenteil: Wadgassen entwickelt sich zu dem prosperierenden geistlichen Zentrum an der mittleren Saar.

Doch nicht nur Grafschaften und Kloster gedeihen am Saarufer.  Auch Handel und Fremdenverkehr wachsen. Kaufleute, Reisende, Pilger. Sie kommen über die guten Straßen ins Saartal. Und bleiben auch mal hängen. In Sarrebourg, Sarreguemines, Saarbrücken und gerne in Wallerfangen. Seit Ende des 13. Jahrhunderts Sitz des Deutschen Bellistums (Departement Lothringens). Eine mit Mauern umwehrte Provinzhauptstadt, seit 1334 mit Stadtrechten. Im gleichen Jahr eröffnen Augustinermönche ein Kloster der heiligen Katharina in Wallerfangen. Lombarden finden den Ort besonders gut. Unter den Bewohnern sind „Blaugräber“. Bergleute, die aus Schächten und alten Römerstollen Azurit fördern, daraus blaue Farbe herstellen und sie in ganz Europa verkaufen. Für viel Geld.

Nichts zu verschenken hat der Klerus an der Saar. Vor allem das Erzbistum Trier. Über Saarburg hinaus reicht sein Einfluss auf der rechten Saarseite bis nach Merzig und St. Wendel. Auch Saarburg gehört zum Reich von Balduin, Erzbischof von Trier. Damals mit 28 Türmen befestigt. Mächtig wie Balduin. Er ist einer der sieben Kurfürsten. Sie wählen den Kaiser. Nicht zufällig wird sein Bruder Heinrich Kaiser. Balduin weitet sein Reich aus. Auch an der unteren Saar. Oft gewaltlos, noch öfters mit Geld. Mehr als 90 Burgenbesitzer sind letztendlich durch Verträge dem Erzstift verbunden, treiben Zölle ein und bieten Straßen-Geleitschutz an.

Sie schützen allerdings nicht vor der großen Hungerkatastrophe, die das Saartal zwischen 1312 und 1322 und 1330 bis 1350 heimsuchen. Dazu kommt noch die Pest. Im 14. und 15. Jahrhundert gehen etwa 54 Prozent der hochmittelalterlichen Dorfsiedlungen an der Saar verloren.  

Zurück zu Balduin. Er verleiht St. Wendel, Merzig und Saarburg Stadtrechte und  verfügt, dass Jakob, der Vogt der Burg Montclair, keine Schiffs-Zölle an der Saarschleife erheben darf. Jakob erhebt dennoch Zölle. Selbst ein Kerker-Aufenthalt kann ihn nicht besinnen. Im Gegenteil. Nun brandschatzt er auf Balduins Territorium. Das lässt der Bischof nicht gefallen, belagert die Burg acht Monate, bis Jakob aufgibt. Hernach legt Balduin die Festung zeitgemäß in Schutt und Asche, baut eine neue, nennt sie Saarstein, und die Montclairs verlieren ihre Lehen. Auch der Bischof von Metz fackelt nicht lange. 1370 belagert und erobert er Sarrebourg. 1392 gibt es wieder Zoff: Wieder zwischen Bewohnern und Bischof. Das Schloss und das nahegelegene Kloster Weiher sind hernach zerstört.

Niemand scheint an der Saar etwas zu verschenken zu haben. Schon gar nicht im Namen des Herrn. Das zeigen die kommenden Jahrhunderte noch deutlicher.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Elisabeth und die Saar-Frösche 6. Der Sonnenkönig an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Revolution à la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Die Industrie tötet die Saar 14. Die Industrie baut die Saar um 15. Still und tief fließt die Saar 16. Fischer und Fische an der Saar 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

Die Saarburg auf dem Berg rechts zählt zu den ältesten Höhenburgen im Westen Deutschlands. Sie wird erstmals im Jahre 964 urkundlich erwähnt.
Die Saarburg auf dem Berg rechts zählt zu den ältesten Höhenburgen im Westen Deutschlands. Sie wird erstmals im Jahre 964 urkundlich erwähnt. FOTO: Robby Lorenz
Das heute französische Saarwerden war Teil einer Grafschaft des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation und wird im Jahre 1125 erstmals genannt.
Das heute französische Saarwerden war Teil einer Grafschaft des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation und wird im Jahre 1125 erstmals genannt. FOTO: Robby Lorenz