Als die Menschen einen Kanal durch die Pfalz zum Rhein planten.

Die Saar – Geschichte eines Flusses : Planspiele mit der Saar

Die Saar hat ein Problem. Sie ist nicht wirklich gut schiffbar. Daher planen die Menschen ihren Ausbau. Teil der Planspiele: ein Kanal durch die Pfalz an den Rhein.

Die Saar kommt relativ ungeschoren aus den Weltkriegen. Klar, die Wasserqualität ist sicher keine gute. Der Fluss hat sich immerhin seinen Lauf bewahrt. Dabei gibt es immer mal wieder Planungen, den zu ändern. Zu Gunsten der Schifffahrt. Ein Anschluss an den Rhein soll her. Mal ist geplant, ihn über die Mosel herzustellen, mal direkt via Kanal.

1903 plant zum Beispiel Baurat Werneburg im Auftrag des preußischen Ministeriums für Öffentliche Arbeiten die Kanalisation der Saar von der Mündung in Konz bis nach Brebach. 20 Staustufen sollen das Gefälle ausgleichen. Werneburg zeichnet Schleusen in seinen Plan, die 85 Meter lang und 10,6 Meter breit sind. Auf der Saar könnten so Schiffe fahren, die bis zu 600 Tonnen schwer sind. Er plant auch einen neuen Hafen für Saarbrücken. Im Ostviertel.

Doch die Verkehrspolitik der Preußen zieht den Ausbau der Eisenbahnlinien vor. Sie stellt die Kanalpläne hinten an. Im Ersten Weltkrieg spielen sie eh keine Rolle. Im Frieden schon. 1921 der nächste Plan. Diesmal aus der Feder von Regierungsbaurat Wulle. Er will nur neun Staustufen bauen. Die Schleusen sind bei ihm 110 Meter lang und zwölf Meter breit. Die Schiffe, die da durch passen, hätten bis zu 1200 Tonnen schwer sein können. Dazu soll jede Staustufe auch gleichzeitig ein Wasserkraftwerk erhalten. Auch dieser Plan wird keine Wirklichkeit. Lediglich eine Staustufe nebst Kraftwerk bauen sie. In Mettlach. 1927 sind Kraftwerk und Wehr fertig. Die Schleuse wird nie gebaut – der Krieg kommt dazwischen.

Die Planer um Adolf Hitler kommen 1936 auf eine andere Idee. Das Reichsverkehrsministerium plant einen Kanal: den Saar-Pfalz-Kanal. Keine neue Idee. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts haben die Franzosen einen ähnlichen Kanal im Sinn, wollen bei Landau den Anschluss an den Rhein herstellen. Von dort soll er via Queichtal und Pfälzerwald den Anschluss an die Blies finden. Friedrich Gerhard Wahl, Zweibrücker Hofbaumeister und Baudirektor, hat damals die Planung in den Händen. Doch die Französische Revolution durchkreuzte den Ka-
nalplan, den die Nazis nun offenbar zum Vorbild nehmen.

Ihr Saar-Pfalz-Kanal soll am Saarbrücker Osthafen starten. Im Grumbachtal soll eine riesige Staumauer nebst Schiffshebewerk entstehen, die den Kanal mit Wasser speisen soll. Er fließt an St. Ingbert, Landstuhl und Kaiserslautern vorbei, lässt den Donnersberg hinter sich und fließt durch das mittlere Eistal bis nach Ludwigshafen in den Rhein. In dem Exposé heißt es: „Bei Festlegung der Linienführung legt das Reichswasserstraßenamt besonderen Wert darauf, die Kanaltrasse der Landschaft harmonisch einzufügen und nirgends organisch Gewachsenes und Zusammengehöriges zu zerstören.“ Im März 1939 legt das Ministerium einen ersten Vorentwurf vor. Der Krieg lässt ihn zunächst in Vergessenheit geraten.

Als der Zweite Weltkrieg vorbei ist, haben die Saarländer zunächst andere Probleme. Eine funktionierende Schifffahrtsstraße scheint nicht dringlich. Der Wunsch kommt erst später. Doch zunächst ist die Mosel dran. Das wollen die Franzosen so. Für sie ist die Kanalisierung der Mosel so wichtig, dass sie sie in den Saarvertrag schreiben, der 1956 die Rückkehr des an Frankreich angegliederten Saarlandes zu Deutschland vereinbart. Der Moselausbau missfällt den Saarländern. Sie wollen nicht abgehängt sein. Im Januar 1957 besucht Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm das Saarland und schlägt der Landesregierung einen Ausbau der Saar zur Großschifffahrtsstraße von Konz bis Dillingen vor. Die Landesregierung zeigt sich komischerweise wenig begeistert. Sie fordert erst vier Jahre später in einem Memoran-
dum vom Bund, eine „Verbesserung der saarländischen Standorte durch Verkehrsmaßnahmen“. Im besten Fall „durch Schaffung einer auf kürzestem Wege zum Rhein führenden Wasserstraße“. Doch es passiert nichts. Also vereinbart die Saar-
regierung mit der Bahn „Als-ob-Tarife“. Vergünstigte Preise, um den Wettbewerbsnachteil der fehlenden Großschifffahrtstraße auszugleichen. Das finden wiederum die Niederländer nicht gut und klagen beim Europäischen Gerichtshof gegen die „wettbewerbsverzerrenden Tarife“. Und bekommen recht. Der Gerichtshof erklärt in seinem Urteil auch, dass die Menschen an der Saar einen Wettbewerbsnachteil gegenüber denen an der kanalisierten Mosel haben. Der zu beseitigen sei, fordert das Gericht. So ist recht schnell klar: Nun muss die Kanalisierung her.

Am 3. September 1969 setzt Landesvater Franz-Josef Röder gar den ersten Spatenstich. Die Saar-
schlinge im Saarbrücker Stadtbereich, Ortsteil Sankt Arnual, soll weg. Die Saar soll und wird die Daaler Wiesen durchschneiden. Kerzengerade. Doch auf welcher Strecke soll der Anschluss an den Rhein laufen? Über die Mosel – oder doch über den Saar-Pfalz-Kanal? Beide Varianten diskutieren die Saarländer vehement. Am 30. Mai 1973 entscheidet das Bundeskabinett, dass die Variante über die Mosel umgesetzt wird.

1974 schließt der Bund mit Rheinland-Pfalz und dem Saarland ein Verwaltungsabkommen. Demnach trägt der Bund zwei Drittel der Kosten für den Saarausbau. Den Rest teilen sich die Saarländer mit den Pfälzern, wobei die Saarländer vom restlichen Drittel 80 Prozent der Kosten übernehmen. Der Ausbau der Saar bedarf in der Folge 52 Planfeststellungsverfahren. 759 Menschen haben Einwände, 57 legen Widerspruch ein. Im September 1974 starten die Arbeiten bei Konz an diesem Jahrhundertprojekt. Das viele Kritiker hat. Sie zweifeln die Wirtschaftlichkeit an, fürchten die ökologischen Folgen. Zu Unrecht?

Alle Teile der Serie:
1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen an der Saar 9. La Révolution au bord de la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Zwei Weltkriege verwüsten das Saartal 14. Die Saar im Sterbebett 15. Planspiele mit der Saar 16. Der Ausbau der Saar 17. Die Fischer der Saar. 18. und 19. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 20. und 21. Durch das Saarland – eine Fotoreise 22. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

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