| 18:15 Uhr

Krankenschwestern aus Essen berichten
Der Frust des Klinikpersonals

Astrid Schulze (l.) und Sabine Gralla vor dem Eingang zur Uniklinik Essen.
Astrid Schulze (l.) und Sabine Gralla vor dem Eingang zur Uniklinik Essen. FOTO: Christoph Reichwein (crei)
Astrid Schulze und Sabine Gralle sind Krankenschwestern am Uniklinikum Essen. Dort fehlt es an allem, sagen sie: Personal, Geld, Verständnis. Von Christian Schwerdtfeger

Sechs Uhr morgens ist Schichtbeginn. Zunächst bespricht Astrid Schulze mit ihren Kolleginnen die Vorkommnisse aus der vergangenen Nacht. Liegen neue Patienten auf der Station? Hat es einen besonderen Zwischenfall gegeben? Nach der Übergabe teilen sich die Krankenschwestern der anästhesiologischen Intensivstation am Essener Universitätsklinikum ihre Aufgaben zu.


22 Betten gibt es auf der Station. In der Regel liegen dort schwere Fälle, die in normalen Krankenhäusern nicht behandelt werden können – oder sogar abgelehnt werden. Doch um die Patienten vernünftig behandeln zu können, fehlt Personal, sagt die 31-Jährige. Regulär sollen es pro Frühschicht elf Krankenschwestern sein. Was schon zu wenig sei. „Aber selbst die elf bekommen wir nur selten zusammen. Einige fehlen immer“, sagt Schulze. Darunter würden die Erkrankten leiden. „Um es deutlich zu sagen: „Mit dem Personalschlüssel können wir die Patienten nicht adäquat versorgen“, sagt sie.

Deshalb streikt die 31-Jährige. Genau wie viele ihrer Kollegen. Und das nun schon seit zehn Wochen. Auch an der Düsseldorfer Uniklinik läuft der Streik – dort seit rund acht Wochen. Deswegen gibt es erhebliche Einschnitte im Klinikalltag und massive Ausfälle von Operationen. So könnten in Düsseldorf nur rund 700 Patienten stationär versorgt werden, an normalen Tagen seien es bis zu 1100. In einem Appell hatten 46 Düsseldorfer Direktoren und Institutsleiter die Landesregierung um Mithilfe gebeten.



Auf diese Hilfe hofft auch Astrid Schulze. „Ich bin seit zehn Jahren aus der Ausbildung raus. Seitdem müssen wir von Jahr zu Jahr mehr Aufgaben übernehmen – auch ärztliche. Alles wird auf uns abgewälzt, auf dem Rücken der Krankenschwestern“, sagt die 31-Jährige. Doch seit Wochen gibt es in dem Tarifstreit um mehr Pflegepersonal und bessere Bezahlung keinen Durchbruch. Nach Arbeitgeber-Angaben boten beide Kliniken in Gesprächen die Schaffung zusätzlicher Pflegestellen an. Eine Einigung blieb aber bisher aus. Das ärztliche Direktorium der Essener Kliniken warf der Gewerkschaft Verdi eine Verweigerungshaltung vor. Die Gewerkschaft machte dagegen die Arbeitgeberseite verantwortlich für den Stillstand.

Sabine Gralla ist ebenfalls Krankenschwester am Essener Uniklinikum. Wie viele ihrer Kolleginnen ist auch sie nicht gut auf ihre Vorgesetzten zu sprechen. Nicht auf die Pflegedienstleitung. Und schon gar nicht auf die Klinikdirektoren, denen es zum Teil nur um Profit gehe, wie sie sagt. „In den letzten Jahren wurde immer mehr Personal bei uns abgebaut, um Geld einzusparen. Und gleichzeitig bekommen die bestehenden Kräfte mehr Arbeit aufgedrückt“, kritisiert auch die 50-Jährige, die nach einer insgesamt fünfjährigen Ausbildung auf 3000 Euro brutto monatlich kommt –  inklusive Zulagen.

Die Folge der Personalmisere bekommen die Patienten Gralla zufolge direkt zu spüren. „Wir können häufig nicht mehr sofort helfen, wenn jemand seine Notdurft verrichten muss. Und es kann auch eine Weile dauern, bis wir den Patienten dann wieder sauber machen können“, sagt die Krankenschwester. Alles andere als schön sei das. „Aber wir können uns nicht zerreißen.“

Auf der Station von Astrid Schulze, die rund 2500 Euro brutto verdient, haben die Patienten meistens sehr komplexe Erkrankungen. Dementsprechend schwer ist die Arbeit. Die 31-Jährige muss sie waschen, ihnen beim Essen helfen, ihnen verordnete Medikamente geben. Intravenös oder mit einer Magensonde. Und natürlich müssen die Krankenschwestern immer aufmerksam sein. Vormittags ist Visite. Der Arzt entscheidet dann, was an dem Tag noch mit dem Patienten passiert. Muss er noch einmal operiert werden? Braucht er einen Computertomographie-Scan? Muss noch einmal die Lunge gespiegelt werden?. Oder muss der Patient verlegt werden?

„Das Bett wird dann sofort neu belegt. Das heißt für uns, dass wir den neuen Patienten aus dem Operationssaal abholen, vorher aber noch das Zimmer herrichten müssen“, berichtet die 31-Jährige. Eine Aufgabe, die früher Servicekräfte übernommen haben, ehe auch diese aus Kostengründen eingespart wurden. Zur Arbeit am Patienten gesellt sich außerdem noch der Papierkram. Und das in einem Ausmaß, der nicht mehr länger zu akzeptieren sei, sagen die beiden Krankenschwestern. Denn jeden einzelnen Schritt müssten die Krankenschwestern mittlerweile minutiös festhalten und dokumentieren – schriftlich per Hand und am Computer. „Das dauert und hält auf. In dieser Zeit können wir uns nicht um unserer eigentliche Aufgabe kümmern, nämlich um die Kranken.“

Und auch diese Aufgabe ist häufig nicht leicht – etwa, wenn die Patienten stark übergewichtig sind. „Wir haben oft Menschen bei uns liegen, die um die 200 Kilogramm wiegen und sich nicht mehr aus eigener Kraft bewegen können“, sagt Schulze. Darum muss sich dann die Physiotherapie kümmern, wenn denn dort Kräfte sein sollten. Denn auch in dem Bereich fehlt es offenbar an Personal. „Es mangelt an allen Ecken und Kanten im Krankenhaus“, sagt Gralla. Die Lage sei dramatisch, aber werde seit Jahren schön geredet. Damit müsse endlich Schluss sein.

So fehlen nicht nur Pflegekräfte, sondern auch die Mischung des vorhandenen Personals ist Gralla zufolge in Teilen mangelhaft. So gebe es auf den Stationen oft nur Personal mit wenig Erfahrung. Der Großteil verfüge nur noch über das Basiswissen und könne daher auch keine Spezialfälle betreuen. „Es sind zu viele da, die zehnmal den Arzt rufen und nachfragen müssen, was sie machen sollen, und wie sie es machen sollen“, sagt die 50-Jährige. Auch darunter leide die Qualität.

Die Frühschicht endet um 14 Uhr. Astrid Schulze atmet dann durch. Auch wenn sie ihren Beruf sehr gerne ausübt, zerrt die Arbeit an ihren Kräften. „Wir streiken nicht aus Spaß: Wir streiken, damit sich endlich etwas ändert. Und nicht nur ein bisschen, sondern grundlegend.“