Störenfried im Club der Wirtschaftsforscher

Berlin. Klaus F. Zimmermann spielt den Provokateur. Die Branche der Makroökonomen befinde sich angesichts der Krise im "Erklärungsnotstand", stellte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin fest und verweigerte eine Konjunkturprognose für 2010. Jede Zahl, die man jetzt nenne, habe nur eine "sehr geringe Treffsicherheit"

Berlin. Klaus F. Zimmermann spielt den Provokateur. Die Branche der Makroökonomen befinde sich angesichts der Krise im "Erklärungsnotstand", stellte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin fest und verweigerte eine Konjunkturprognose für 2010. Jede Zahl, die man jetzt nenne, habe nur eine "sehr geringe Treffsicherheit". Zeitgleich saßen Vertreter von acht anderen Instituten in München zusammen, um genau eine solche Zahl auszutüfteln. Zimmermann wolle die gemeinschaftliche Prognose, die in einer Woche in Berlin präsentiert werden soll, nur im vorhinein "entwerten", wurde aus diesem Kreis kolportiert. Das sei seine Rache dafür, dass das DIW 2007 nicht wieder in den Kreis der Gutachter aufgenommen wurde - "wegen schlechter Prognosen", wie es seitens der Konkurrenten süffisant hieß. Zimmermann hat freilich das Argument für sich, dass alle Institute, auch sein eigenes, im Herbst die Krise völlig falsch einschätzten. So ging die Gemeinschaftsdiagnose für 2009 von einem Minuswachstum von 0,2 Prozent, im schlechtesten Fall minus 0,8 Prozent, aus. Tatsächlich wird daraus, wie Zimmermann gestern vorrechnete, wohl ein Einbruch von 4,9 Prozent. Deutschland ist von der weltweiten Rezession nach Japan das am stärksten betroffene Land - wegen seines hohen Exportanteils. Für 2010 sprach das DIW nur von "Grundlinien", ohne Zahlen zu nennen. Demnach könnte es Ende 2009 eine Erholung der Konjunktur geben und im nächsten Jahr sogar eine leichte Belebung eintreten. Am schärfsten reagierte der frühere Chef der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, auf den Prognoseverzicht. Wer Prognosen nur in sicheren Zeiten mache, habe "eigentlich seinen Job verfehlt". Beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) nannte man die DIW-Haltung "unverständlich". Man könne sehr wohl genaue Zahlen nennen, müsse nur stärker auf Risiken hinweisen. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) will sich Ende April ebenfalls mit "spitzen Zahlen" - und das sogar für die nächsten fünf Jahre - hervorwagen. Das sei wegen der Steuerschätzung nötig, auf der wiederum die Haushaltsplanung des Finanzministers basiere. Der Ökonom Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie, der ebenfalls an der Gemeinschaftsdiagnose mitwirkt, räumte ein, dass die Auswirkungen der Finanzkrise von der Branche nicht richtig eingeschätzt worden seien. Ein genereller Verzicht auf Prognosen aber verstärke nur die Unsicherheiten. Meinung

Mindestens die Glaskugel

Von SZ-RedakteurJoachim Wollschläger Die Weigerung des DIW, eine konkrete Prognose für das kommende Jahr abzugeben, ist Feigheit vor dem Feind. Natürlich haben sich alle Institute - nicht nur in Deutschland sondern weltweit - bei ihren Prognosen geirrt. Jetzt allerdings gar keine Prognose mehr abzugeben, entwertet die Wirtschaftsforschung im Allgemeinen.Zugegeben, in der aktuellen Krise waren die Prognosen schon bei ihrer Veröffentlichung überholt. Dies ist dem ungewöhnlich schnellen und heftigen Wirtschaftsabschwung geschuldet. Trotzdem ist es die Aufgabe der Institute, zumindest den Versuch zu wagen, den weiteren Verlauf der Krise zu berechnen. Mündige Bürger wissen, dass diese Prognosen zurzeit nur ungenau sein können.Keine Prognose heißt dagegen: "Es kommt alles noch viel schlimmer als Ihr denkt." Dann schon lieber ein unsicherer Blick in die Glaskugel.

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