Sterben, leicht gemacht

Sterben, leicht gemacht

Wadgassen. Am Ende erhängt sich ein Sternekoch: "Es fing alles mit einem angebrannten Steak an". Borislaw Sajtinacs schräge Zeichnung aus dem Zeitmagazin (1993) entlässt uns unbeschwert-heiter aus dem Zeitungsmuseum

Wadgassen. Am Ende erhängt sich ein Sternekoch: "Es fing alles mit einem angebrannten Steak an". Borislaw Sajtinacs schräge Zeichnung aus dem Zeitmagazin (1993) entlässt uns unbeschwert-heiter aus dem Zeitungsmuseum. Mit der Ahnung, wie unendlich der Aspekte-Ozean ausgesehen haben mag, der sich vor dem Wadgasser Team auftat, als es sich zunächst ganz generell mit dem "Tod in der Zeitung" beschäftigen wollte: mit Mord- und Totschlag-Schlagzeilen, Katastrophen-Fotos, Todesanzeigen, satirischen Zeichnungen. Sterben ist nun mal nicht nur für die Boulevardpresse ein Leckerbissen, sondern ein "öffentliches" mediales Alltags-Geschäft. Seit der frühen Neuzeit. So beschränkte sich Kurator und Museumschef Roger Münch schließlich auf den Tod in Zeitungs- und Magazin-Karikaturen, hier auf die Sammlung Koos van Weringhs, was den Überhang niederländischer Blätter erklärt.

120 Stücke werden gezeigt, nicht alle im Original, von 1900 bis jetzt. Sie belegen, dass nicht nur Weltkriege oder Massenmorde das Protestpotenzial der Künstler herausfordern, sondern dass sie auch Technikkritik und Ängste vor Aids in die typische, seit Jahrhunderten überlieferte Todes-Motivik kleiden: Sensenmänner und Totenköpfe sind in Wadgassen allgegenwärtig. Wir erleben eine soldatenmähende "Automobilsense" (1907), beobachten Hitler und Mussolini 1937, wie sie einer spanischen Tänzerin zujubeln - einem Skelett in Rüschen. Hans- Georg Rauch lässt 1982 einen Rockstar-Knochenmann mit "I can get no satisfaction" die Mittelstrecken-Raketen herbeigrölen. Und ein thailändischer Karikaturist hängt 2006 zwölf abgehackte Hände wie Leichen an einen Galgen - sein Kommentar zum Mohammed-Karikaturen-Skandal. Willkommen in der Grusel-Bude? Nur keine Tristesse! Der Spaß kommt nicht zu kurz. Denn in der Karikatur stülpt sich das Bedrohliche um ins Bitterböse, Streitlustige, Provokante und landet dadurch im Unterhaltungs-Genre. Oder in der Sensationsmache.

Schon im 17. Jahrhundert berichteten die "Newen Zeitungen" über Teufelsaustreibungen, Missgeburten oder - überraschend pietätfrei und detailverliebt - über Morde: "Von dem Leib waren beide Beine wie Schinken oben an den dicken Stellen so meisterlich abgelößt, dass sich viele berühmte Barbiere und Bader darüber wunderten." Schade, dass diese historische Rückschau nur im Katalog auftaucht. Wie vieles, was zum Thema ganz oben lagert im kollektiven Gedächtnis, etwa das Bild des niedergeschossenen Benno Ohnesorg (1967) oder der tote Uwe Barschel in der Badewanne (1987). Gab es dazu je Karikaturen? Auch die vorzügliche kunsthistorische Analyse der Todessymbolik-Tradition müssen wir zu Hause nachlesen. Defizite? Durchaus. Aber sie sind unvermeidbar, wenn man gleich 100 Jahre in den Blick nimmt und dazu noch den pädagogischen Eifer entwickelt, deren bedeutendste Ereignisse in Übersichts-Tafeln zu spiegeln. Dort taucht Unzähliges auf wie der Tod von Queen Viktoria (1901) oder das Münchner Olympia-Attentat (1972). Doch es findet keinen Niederschlag in den Karikaturen. Das verwirrt.

Generell jedoch legt man höchsten Wert darauf, den Besucher nicht zu überfordern. Eben dies ist denn auch der Haupt-Vorzug dieser Schau: ihre publikumsfreundliche, optisch abwechslungsreiche Präsentation. Nimmt man sie als Appetitanreger auf ein großes Thema und nicht als seine Vollendung, dann ist der Weg nach Wadgassen nur zu empfehlen.

Eröffnung: Sonntag, 11 Uhr, Am Abteihof 1. Bis 31. Dezember; Di-So 10 bis 16 Uhr.

Infos: Tel. (0 68 34) 9 42 30.