| 00:00 Uhr

Steinbrück und der Elfmeter

Kanzlerkandidat Steinbrück erklimmt den Gipfel. In Niederbayern klettert er nächste Woche mit Genossen auf den „Lusen“, und niemand hat die Absicht, den Klang dieses Namens mit einer Assoziation zu verknüpfen. Von Bernard Bernarding

Zugleich hat die sogenannte "Bergauf-Tour" bei der Bayern-SPD Tradition, und naja: auch das ist nicht unbedingt ein gutes Omen, wenn man die SPD-Erfolge im Freistaat betrachtet. Sinnvoll könnte die Wanderung dennoch werden - wenn der Kandidat in der Höhenluft klare Gedanken fasst.

Steinbrück könnte sich etwa der Frage widmen, warum sein Wahlkampf bislang nicht gezündet hat. Dann würde er wohl ins Grübeln kommen, denn an den Umfragen lässt sich das Ungemach ablesen. Immerhin war ein kleiner Knall zu hören, als der Herausforderer der Kanzlerin vorwarf, ihren Amtseid verletzt zu haben. Doch das war's auch schon. Der Wahlkampf dümpelt weiter vor sich hin.

Nun kann man sagen: Es ist Urlaubszeit, sengende Hitze, die Leute haben derzeit keinen Sinn für Politik, bis zum 22. September ist noch genügend Zeit. Gleichwohl bleibt die Frage offen, mit welchen Themen der Kandidat denn in die Offensive kommen will, wenn er den "Prism"-Elfmeter weiter liegen lässt. Selbst die scheintoten Piraten sind wieder lebendig geworden und sammeln Punkte für den Endspurt. Derweil macht die SPD mit kryptischen Äußerungen von sich reden, wie Generalsekretärin Nahles, die dem Späh-Skandal keine große Wahlkampf-Bedeutung beimisst. Wie bitte? Was sonst soll die Wahlentscheidung beeinflussen: die ewig gleichen Appelle für soziale Gerechtigkeit? Die Forderung nach einer "echten" Energiewende? Die Eurokrise?

Jeder Kandidat, der eine Wechsel- und Aufbruchstimmung erzeugen will, braucht ein Thema. Sein Thema. Da dem früher kernig-konservativen Steinbrück niemand die Sozialmasche abnimmt, das Euro-Thema ausgelutscht ist und die Energiewende den Grünen zugerechnet wird, bleibt ihm eigentlich nur der Späh-Skandal. Nur? Ist es nicht aller Ehren wert, mit offenem Visier für die Überzeugung zu kämpfen, dass staatliche Transparenz und privater Datenschutz die Grundlagen einer freien Gesellschaft sind?

Es reicht jedenfalls nicht aus, die Bundesregierung mit Vorwürfen zu überziehen. Wer Kanzler werden will, muss offensiv auftreten, die Deutungshoheit erringen, ein konkretes Konzept anbieten. Doch wo ist Steinbrücks Ankündigung einer europäischen Datenschutz-Initiative, wo sein Hilfsangebot für Snowden, wo der IT-Minister, den er berufen würde?

Ja gewiss, die SPD hat noch eine Chance. Der "Prism"-Wind hat den Ball in den Strafraum der Union geweht. Aber schießen muss der Kandidat schon selber.