Star-Sopranistin Lise Lindstrom in Saarbrücken

Saisonauftakt Deutsche Radio Philharmonie : Die Lust an den Wahnsinnsweibern

Glücklich darf sich schätzen, wer noch Karten für den Saisonstart der Radio Philharmonie ergattert hat. Lise Lindstrom, weltweit gefeierte Sopranistin, ist mit Strauss’ „Letzten Liedern“ zu Gast.

9.40 Uhr morgens, doch der Silver Laser zeigt schon seine Kraft. So wie er durch die Congresshalle schneidet. Nicht volle Energie, noch nicht. Wäre wohl auch überdosiert ohne Dämpfung von Hunderten Zuschauern. Sofort aber spürt man, warum Opernfans weltweit Lise Lindstrom verehren. Dieser Stimme wegen, so voller elementarer Energie, strahlend und silbrig. „Silver Laser“ nennen Fans und Kritiker diesen Lindstrom-Sound. Wie geschaffen für Wagner – und natürlich Richard Strauss. Aber es ist hier nicht Elektra, Salome, die „Frau ohne Schatten“ (Färberin) mit der die amerikanische Sopranistin am Sonntag in Saarbrücken den Saisonauftakt der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) krönt, sondern die „Vier letzten Lieder“. So etwas wie das musikalische Vermächtnis des Komponisten und Dirigenten. Nach Texten von Eichendorff und Hesse (auch wenn dem Strauss’ „rauschender Stil“ nicht sonderlich behagte) schrieb Strauss, hochbetagt, kurz vor seinem Tod 1949 dieses Resümee, um Tod und Abschied kreisend.

Schon als Studentin hat Lindstrom die „Letzten Lieder“ gesungen, zum Klavier, noch nicht mit großem Orchester. Damals war ihre Sicht auf das Leben, normal bei einem jungen Menschen, „funkelnd, voller Hoffnungen und Erwartungen“.

 Nicht gerade der ideale Gemütszustand für letzte Lieder. Heute singe sie sie anders, sagt Lindstrom. „Das Leben hat sich für mich verändert.“ Der Tod der Großeltern, der Eltern, so summierten sich für sie Lebens- und Abschiedserfahrungen. „Ich kann das jetzt wirklich fühlen, was es bedeutet, wenn ein Leben zu Ende geht.“ Trotzdem, ohne eigene Not keine große Kunst – das ist der Sängerin aus dem sonnigen Kalifornien dann doch zu sehr Künstlerklischee. Man müsse ja nicht unbedingt alles selbst durchleiden, „aber offen muss man sein für diese Emotionen, sich von Worten und Musik berühren lassen“.

Mit der DRP ist es jetzt bereits die zweite Begegnung. Vor der Sommerpause hat Lindstrom mit dem Saarbrücker Orchester und seinem Chefdirigenten Pietari Inkinen Szenen aus Wagners „Siegfried“ aufgenommen. 2019 soll die CD erscheinen. „Ein Orchester, das enorm sensibel reagiert“, schwärmt sie. Diese Aufnahme soll auch die erste Visitenkarte des neuen Chefs mit der DRP für den Musikhandel sein. Auch live wird man Lindstrom als Brünnhilde mit etwas Glück hier noch hören können. Wohl nächstes Jahr, heißt es beim SR, soll es dann auch das Konzert zur neuen CD geben.

2016 hat sie die Brünnhilde bereits im Melbourner „Ring“ gesungen – mit Inkinen am Pult. Fast einmal rund um den Globus reisend, haben sich dort die Enkelin eines Norwegers und der Finne sofort verstanden, musikalisches Grundvertrauen gefunden. Auch wegen der gemeinsamen nordischen Wurzeln? „Ja, es gibt da irgendwas, etwas Namenloses, wir machen oft so ein stoisches Gesicht, aber immer mit einem Augenzwinkern“, sagt sie.

Jenseits der Bühne hat Lise Lindstrom so gar nichts von den Wahnsinnsweibern, die sie mit Vorliebe singt. Da twittert sie als „lucky diva“, weil ihr das Singen so Spaß macht, nimmt ihre Follower mit auf die Bühne, gibt den aufgekratzten YouTube-Guide durch die Hamburgische Staatsoper. Und redet auch sonst erfrischend über ihr Tun. Jung schon sang sie die schweren Partien. Gift für die Stimme, heißt es sonst. „Bla-bla-bla“, kommentiert sie das sichtlich vergnügt. Klar müsse sie gesund bleiben, richtig essen, laufen, sich halt fit halten. Doch der Rest seien Sängermythen. Und: „Eine Brünnhilde gibt mir eine ganz andere Energie als eine Fiordiligi, einfach, weil das für mich die richtige Rolle ist.“

So ist es immer mehr das deutsche Fach, das sie interessiert, sie fordert – und damit die schwierigen Frauen. Die, die mit dem Dasein ringen, daran zerbrechen, dem Wahn verfallen, morden – keine Mozart-Püppchen eben. „Es ist das Schönste, wenn nach der Vorstellung das Publikum auch für eine derart komplizierte Figur so etwas wie Sympathie empfindet.“ Und Lindstrom schafft das fast immer. Selbst bei Puccinis eiskalter Prinzessin Turandot, über Jahre ihre Paraderolle. „Ich habe immer versucht, aus ihr eine wirkliche Frau zu machen, mit wirklichen Konflikten.“ Eine Stimme wie ein Silver Laser und das Können, die Kunst mit wahrem Leben aufzuladen: Was kann es Besseres für Oper und Konzertsaal geben?

Das Konzert diesen Sonntag, 11 Uhr, in der Saarbrücker Congresshalle ist bereits ausverkauft.

Lise Lindstrom als Färberin in „Frau ohne Schatten“ mit Emily Magee als Kaiserin (liegend) 2017 in Hamburg. Am Sonntag singt Lindstrom in Saarbrücken ebenfalls Strauss – seine „Vier letzten Lieder“. Foto: picture alliance / Markus Scholz/dpa Picture-Alliance / Markus Scholz

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